Meinung Pro und Contra: Ist eine 4-Tage-Woche umsetzbar?

Kaum ein Thema polarisiert so stark, wie die Vier-Tage-Woche. Was spricht dafür und was dagegen? Zwei Politiker aus der Linken und FDP teilen ihre Sichtweisen.

Jüngst sprach sich der Präsident des angesehenen Wirtschaftsforschungsinstituts Ifo, Clemens Fuest, gegen eine Verteilung der Wochenarbeitszeit auf vier Tage bei vollem Lohnausgleich aus. - © sinseeho - stock.adobe.com

Pro: "Das Wohlbefinden steigt"

Ehrenamt und Familie sollten wieder mehr Raum bekommen

"Viele Arbeiternehmer:innen wünschen sich, dass ihr Leben nicht nur um die Arbeit kreist, sondern Freizeit, Ehrenamt und Familie wieder mehr Raum und Zeit im Leben bekommen. Die Linke schlägt die Einführung einer Vier-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich vor, um diesem Wunsch zu begegnen. Mehr als 70 Prozent der Menschen in Deutschland befürworten die Einführung einer Vier-Tage-Woche. Studien zeigen, dass sowohl die Produktivität als auch das Wohlbefinden steigt.

Arbeitszeitpolitik ist immer auch Gesellschaftspolitik. Die Frage, wie lange wir arbeiten müssen, ist auch eine Frage, in welcher Gesellschaft wir leben wollen. Mit dem Vorschlag einer Vier-Tage-Woche für alle lassen sich weitere Ziele verknüpfen: Eine gesamtgesellschaftliche Reduzierung der Arbeitszeit sorgt für eine gerechtere Verteilung der vorhandenen Erwerbsarbeit. Bestehende Arbeitsplätze werden gesichert, beispielsweise in der kriselnden und sich im Strukturwandel befindlichen Automobilindustrie und neue geschaffen, weil mehr Menschen in Erwerbsarbeit gebracht werden können. Gerade vor dem Hintergrund der coronabedingten Umwälzung der Wirtschaft ist das dringend nötig.

Bernd Riexinger
Bernd ­Riexinger: Bundestags­abgeordneter in der Fraktion Die Linke. - © DBT

Konkret schlagen wir eine Wahlarbeitszeit zwischen 28 und 35 Stunden als Vollzeit vor. Es muss einen gesetzlichen Rahmen und Aushandlungsprozess geben, der es ermöglicht, die konkrete Arbeitszeitverkürzung an die individuellen Be­dürfnisse von Betrieben und Beschäftigten anzupassen. In Stufen kann dabei die Arbeitszeit verkürzt und mit Modellprojekten getestet werden. Im Übergang zu einer Vier-Tage-Woche brauchen kleine Betriebe mithilfe von zeitlich begrenzten Lohnzuschüssen Unterstützung."

Contra: "Für individuelle Lösungen"

Es braucht keine staatlich verordnete Vier-Tage-Woche

"Vorab will ich gleich klarstellen: Arbeitszeiten und ihre Ausgestaltung sind Sache der Sozialpartner bzw. Bestandteil betrieblicher Vereinbarungen zwischen Betriebschefs und -chefinnen mit ihrer Belegschaft. In diesem Sinne soll und darf Politik sich nicht einmischen – das ist oberstes Prinzip der Freien Demokraten und Merkmal der Sozialen Marktwirtschaft.

Manfred Todtenhausen
Manfred ­Todtenhausen: Handwerkspolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion. - © Roland Hägele

Wenn also Betriebe und Mitarbeitende oder Stellensuchende zusammenfinden, weil sie sich in Zeiten von Fachkräftemangel einen Vorteil von einer Vier-Tage-Woche versprechen und das betriebswirtschaftlich im Wettbewerb verantworten können, dann ist das ihre Sache. Allerdings stellt sich für mich die generelle Frage, inwiefern der Fachkräftemangel und der demografische Wandel hierdurch wirklich Lösungen für alle – also Betriebe, Kunden und die gesamte Gesellschaft – erfahren. Denn wir brauchen einfach mehr Menschen, die durch Aus- und Weiterbildung oder durch Fachkräftezuwanderung ins Handwerk finden.

Eines ist klar: Die Arbeit etwa im Handwerk wird nicht weniger, ganz im Gegenteil. Energiewende und zunehmende Digitalisierung verlangen mehr zupackende Hände und planende Köpfe, wie Wartezeiten auf die Experten aus den Klimagewerken heute schon zeigen. Und wir dürfen nicht vergessen: Im Kundendienst oder in der Montagehalle werden Fachkräfte an allen Werktagen gebraucht.

Hier plädiere ich vielmehr für Arbeitszeitflexibilisierung und individuelle Lösungen – und statt starrer Tagesarbeitszeit mehr Modelle nach Wochenarbeitszeit, Monatsarbeitszeit bzw. Jahresarbeitszeit. Was es nicht braucht, ist ein Ruf nach verordneter Vier-Tage-Woche, wie er jetzt auch aus Teilen der Politik kommt."