"Leute in Indien feiern mich" Plötzlich Instagram-Star: Fliesenlegermeister begeistert Millionen

Sein 30-sekündiges Video ging um die Welt. Schon 17,9 Millionen Menschen haben Fliesenlegermeister Johannes Münkel dabei zugesehen, wie er einfach nur seinen Job macht. Warum das so gut ankommt? Der 30-Jährige hat eine recht simple Erklärung parat. Von ungefähr kommt sein Erfolg aber nicht.

Max Frehner

In seinen Foto-Beiträgen, Storys und Videos gewährt Fliesenlegermeister Johannes Münkel einen Schulterblick in seinen Arbeitsalltag. Drei bis vier Stunden investiert er täglich in Social Media. - © Johannes Münkel

Johannes Münkel steht in einem Raum, der später einmal ein Badezimmer werden soll. Ein Mitarbeiter sei krankheitsbedingt ausgefallen, spricht er in seine Smartphone-Kamera. Deshalb übernehme er dessen Baustelle. Den Boden habe der Kollege bereits gefliest, heute sollen die Wandfliesen folgen. Mit dem Smartphone hält der 30-Jährige seine Arbeitsfortschritte fest. Seine 48.000 Abonnenten können sich die kurzen Clips kurz darauf auf Instagram ansehen.

Handgriffe, die um die Welt gingen

Zu Beginn des Jahres hätte sich der Fliesenlegermeister nicht träumen lassen, dass er 2021 zu einem der erfolgreichsten Handwerker auf Instagram aufsteigen wird. 3.500 Abonnenten zählte er Ende Januar auf seinem Kanal. Danach ging alles ganz schnell. Am 25. Januar 2021 lädt Münkel einen Video-Beitrag hoch. "Zu sehen ist, wie ich Gewindelaschen unter eine Bodenfliese stecke, die Fliesen mit dem Saugheber in den Kleber drücke, das Verlegesystem anziehe, am nächsten Tag die Laschen rausklopfe und anschließend abdrehe. Bisschen Musik dahinter, das war´s."

Die Arbeitsschritte sind nicht außergewöhnlich, aber akkurat ausgeführt. Der Clip ist gut gemacht, zeigt die Handgriffe aus unterschiedlichen Perspektiven, ist flott zusammengeschnitten. Auf dem Kanal von Münkel finden sich mehrere Videos dieser Art. Auch anderswo auf Instagram zeigen Handwerker ihre Arbeit in vergleichbaren Beiträgen. Doch mit seinem 30-sekündigen Video scheint der Fliesenleger einen Nerv getroffen zu haben. 17,9 Millionen Menschen haben sich den Beitrag bis heute angesehen.

Spannender Inhalt, Timing und ein bisschen Glück

Warum der so gut ankommt? Münkel war selbst überwältigt. "Ich bin morgens aufgewacht und hatte plötzlich 30.000 Abonnenten. Ich dachte zuerst, jemand hätte mich auf den Arm genommen und heimlich Follower gekauft." Der Fliesenleger ließ einen Social-Media-Berater über seinen Kanal schauen, der versichert ihm: die Abonnenten sind echt.

Den Erfolg seines Video-Beitrags erklärt er sich so: Instagram habe Usern zu dieser Zeit verstärkt Beiträge angezeigt, die als sogenannte "Reel" hochgeladen wurden. Der Inhalt stieß auf Interesse, wurde hundertfach geliked und kommentiert. "Das sind Signale für Instagram, den Beitrag noch mehr Nutzern vorzuschlagen." Irgendwann spülte der Algorithmus den Inhalt auch über die Landesgrenzen – der endgültige Durchbruch. "Leute in Indien feiern mich", sagt Münkel. Verlegesysteme und Akku-Saugheber, wie im Video gezeigt, würden die Menschen dort nicht kennen. Auch Fans aus Russland, Brasilien und den USA seien begeistert von der deutschen Wertarbeit und Technik.

In fünf Jahren keine einzige Bewerbung

44 Prozent seiner Abonnenten kommen inzwischen aus dem Ausland. Der Fliesenleger freut sich über die internationale Anerkennung. Mit seinem Instagram-Kanal möchte er aber eigentlich ein ganz anderes Publikum ansprechen: Jugendliche aus Deutschland und der Umgebung.

Seit 2016 leitet Münkel gemeinsam mit seinem Vater den Familienbetrieb im hessischen Hünfeld. Zehn Fachkräfte zählen zu seinem Team. Gerne würde er noch mehr einstellen, doch der Markt sei leergefegt. Dem Fliesenlegerhandwerk fehle der Nachwuchs. Jedes Jahr schreibt Münkel ein bis zwei Lehrstellen aus, doch in fünf Jahren habe er keine einzige Bewerbung erhalten. Mit Ausnahme eines "überaus engagierten" Geflüchteten, der seine Lehre inzwischen beendet und in eine Festanstellung übernommen wurde.

"Wenn hier nicht bald etwas gemacht wird, haben wir in zehn Jahren niemanden mehr, der uns die Häuser baut", warnt Münkel. Einen Grund für den Fachkräftemangel sieht er bei den Schulen. Eine Lehre im Handwerk würde dort noch immer als Karriereweg zweiter Klasse dargestellt.

Drei bis vier Stunden täglich für Social Media

Auf seinem Instagram-Kanal wirbt Münkel aktiv für seinen Beruf. Der Job des Fliesenlegers sei nicht einfach nur Platten an die Wand zu kleben. "Wir mauern und verputzen, machen Trockenbau und Estrich. Man blickt in viele Gewerke rein und eignet sich deren Fähigkeiten an", sagt er. Diese Vielfältigkeit möchte Münkel auf seinem Kanal möglichst authentisch präsentieren. In seinen Foto-Beiträgen, Storys und Videos gewährt er einen Schulterblick in seinen Arbeitsalltag. Zeigt alles – von Werkzeugkunde bis zur Installation von Lichtboards. Dabei kommt ihm zugute, dass er seit zehn Jahren hobbymäßig fotografiert und er mit Ausrüstung und Bearbeitungsprogrammen vertraut ist. Kontinuität ist ihm wichtig, genauso die einheitliche Bildsprache: "Meine Markenzeichen sind die blauen Klamotten und die blauen Werkzeuge."

Der Aufwand, den er betreibt, ist enorm. Drei bis vier Stunden steckt Münkel täglich in seinen Social-Media-Kanal, nicht erst seit seinem Millionen-Erfolg. "Die meiste Zeit davon geht abends drauf", sagt er. Nach Baustelle und Büro sondiert der Fliesenleger sein Bildmaterial, schneidet Videos, bearbeitet Fotos und beantwortet Nachrichten. Seit seinem Social-Media-Erfolg schreiben ihm täglich bis zu 100 Abonnenten. Sie sprechen ihm ihr Lob aus, befragen ihn zu Werkzeugen oder wollen ihn beauftragen. "Eine genaue Zahl habe ich nicht, aber so 15 bis 20 Aufträge sind in den letzten Wochen schon über Instagram rausgesprungen", sagt er.

Auch Nachrichten von verzweifelten Hausbesitzern erreichen ihn. Acht Fliesenleger habe einer für sieben Quadratmeter Boden angefragt, keiner habe es machen wollen. "Jetzt hat er mich gefragt, ob ich ihm gegen Rechnung eine zweistündige Videoschulung geben kann, damit er sein Badezimmer selber fliesen kann."

Arbeit trägt erste Früchte

Der Fachkräftemangel nimmt immer dramatischere Züge an, das zeigen Zuschriften wie diese. Umso mehr freut es Münkel, dass seine Arbeit inzwischen erste Früchte trägt. "Ich habe jetzt zwei Handvoll Anfragen für Praktika über den Kanal reinbekommen." Nicht alle Bewerber würden um die Ecke wohnen. Er rechnet deshalb damit, dass letztlich drei bis vier Praktika tatsächlich stattfinden werden. "Wenn es passt, stellen wir im August noch einen zweiten Lehrling ein", sagt der Fliesenleger. Ein neuer Auszubildender stünde bereits fest. Der sei aber nicht über Instagram gewonnen worden, sondern über Bekannte. Bei Fliesen Münkel bahnt sich also etwas an, was nach den vergangenen Jahren kaum noch vorstellbar schien: Es könnten mehr Bewerbungen eingehen als Lehrstellen zu vergeben sind.

In dem Badezimmer-Projekt ist der Fliesenlegermeister heute gut vorangekommen. Die Wandfliesen sind größtenteils befestigt. Morgen sollen noch der Duschbereich und die Ablage für den Spülkasten folgen, anschließend könne mit dem Verfugen begonnen werden. Für heute ist aber erstmal Schluss, verabschiedet sich der Fliesenleger in die Kamera. Feierabend ist aber erst später für ihn, es warten noch Nachrichten im Instagram-Postfach.