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Wie Unternehmer pflegende Mitarbeiter unterstützen können Acht Schritte zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Pflege

Plötzlich Pflegefall. Für mehr als jeden Dritten kommt die Pflegebedürftigkeit von Angehörigen vollkommen unerwartet. Unternehmer sind doppelt betroffen: Als Privatperson und als derjenige, der die Personallücke stopft, wenn Mitarbeiter sich plötzlich statt um die Baustelle um ihre Angehörigen kümmern müssen. Doch Unternehmer können vorsorgen.

Pflege ist kein Privatproblem, sondern immer auch ein unternehmerisches. Rund vier Millionen Menschen in Deutschland leisten zu Hause pflegerische Arbeit. Etwa 60 Prozent von ihnen sind im erwerbsfähigen Alter. Viele reduzieren ihre Arbeitszeit oder geben die Arbeit ganz auf. Andere stemmen bei voller Stundenzahl die Doppelbelastung, mit entsprechenden Folgen für ihre Leistungsfähigkeit bei der Arbeit.

In Zeiten des Fachkräftemangels ist es für Unternehmer wichtig, dafür zu sorgen, dass Mitarbeiter sich weder übernehmen noch ganz die Arbeit aufgeben. Doch mehr als die Hälfte der deutschen Unternehmen sind in keiner Weise auf das Thema vorbereitet, zeigt eine Studie des Zentrums für Qualität der Pflege von 2018. Demnach haben 58 Prozent der befragten Unternehmen weder Pläne zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Pflege, geschweige denn bereits Maßnahmen umgesetzt.

Fehlendes Wissen zu Vereinbarkeit von Beruf und Pflege

Grund dafür ist nicht der Unwille, etwas zu tun, sondern Unwissenheit. 62 Prozent der Befragten in dieser Studie wussten nicht, welche ihrer Beschäftigten einen Unterstützungsbedarf haben. 63 Prozent gaben an, nicht zu wissen, mit welchen Angeboten sie unterstützen können.

Deswegen hat die " Initiative Gesundheit und Arbeit" jetzt eine Broschüre herausgebracht, die Unternehmern hilft, sich besser auf die Situation vorzubereiten, wenn Mitarbeiter privat Pflegeverantwortung tragen. Acht Schritte sollen Unternehmern wie Mitarbeitern helfen, die anspruchsvolle Situation besser zu meistern.

8 Schritte zur Vereinbarkeit von Beruf und Pflege

  • Schritt 1: Strategische Entscheidung für ein Vereinbarkeitskonzept im Unternehmen fällen
  • Schritt 2: Kriterien festlegen, was als "Private Verpflichtung“ berücksichtigt wird
  • Schritt 3: Grundlagen einer vereinbarkeitssensiblen Führungskultur im Unternehmen entwickeln
  • Schritt 4: Maßnahmenprogramm innerhalb des Vereinbarkeitskonzeptes entwickeln
  • Schritt 5: Maßnahmenprogramm kommunizieren und Führungskräfte schulen
  • Schritt 6: Konkrete Vereinbarkeitslösungen für den Einzelfall finden und umsetzen
  • Schritt 7: Vereinbarkeitssensible Führungskultur im Unternehmen weiterentwickeln
  • Schritt 8: Vereinbarkeitskonzept in der Außendarstellung des Unternehmens nutzen
Wie die einzelnen Punkte konkret umzusetzen sind, zeigt die Broschüre "Beruf und Pflegeverantwortung: Betriebliche Unterstützungsmöglichkeiten für pflegende Angehörige".

Im zweiten Teil der Serie: "Chef, meine Mutter ist krank": Rechtslage und Realität, wenn Mitarbeiter pflegen müssen

Im dritten Teil der Serie: "Chefin und pflegende Angehörige zugleich": Wann und ob es sich für Unternehmer lohnt, eine private Pflegeversicherung abzuschließen

Unternehmerin Ursula Simon ist schon vor Jahren ähnliche Schritte gegangen. Die Seniorchefin von Simonmetall im hessischen Tann hat sich zum Pflege-Guide ausbilden lassen. "Ich weiß jetzt, was wir als Betrieb tun müssen und was nicht geht.“

Verständnis für die Zwänge, in denen ein pflegender Angehöriger steckt, habe in familiären Handwerksbetrieben ohnehin jeder, meint sie. Jetzt könne sie den 35 Mitarbeitern aber auch konkrete Tipps geben und ihnen Anlaufstellen in der Region nennen, die sie in der Situation unterstützen.

Zwei von drei Frauen werden pflegebedürftig

Statistisch gesehen werden zwei von drei Frauen und jeder zweite Mann im Lauf ihres Lebens pflegebedürftig. Je älter, desto größer das Risiko. Aktuell leben in Deutschland knapp 2,9 Millionen Pflegebedürftige – das sind 3,5 Prozent der gut 80 Millionen Einwohner (letzte Zahlen des Statistischen Bundesamtes für Ende 2015).

Die allermeisten, nämlich fast drei Viertel, werden zu Hause von Angehörigen versorgt. Ehefrauen, Töchter und Schwiegertöchter tragen die größte Last. Aber auch immer mehr Männer kümmern sich um pflegebedürftige Angehörige. Meist sind sie für organisatorische Fragen zuständig.

Knapp 700.000 der daheim Betreuten bekommen außerdem Leistungen vom ambulanten Pflegedienst.

Pflegestärkungsgesetz erkennt Demenz an

Wer als pflegebedürftig anerkannt wird und somit Leistungen aus der Pflegekasse beziehen kann, das hat sich mit dem Pflegestärkungsgesetz 2017 geändert. Der medizinische Dienst der jeweiligen Krankenkasse untersucht den Patienten im Hinblick auf seine Mobilität, seine geistigen und kommunikativen Fähigkeiten und sein Verhalten. Außerdem prüfen die Kassen, inwieweit der Betroffene sich selbst versorgen kann, ob er mit seinen Medikamenten alleine klarkommt und ob er sein Sozialleben selbstständig gestalten kann.

Durch diese Herangehensweise fallen erstmals Menschen, die körperlich noch fit, aber dement sind, unter den Begriff der Pflegebedürftigkeit. Für die Betroffenen und ihre Angehörigen ist das eine große Erleichterung. Die tatsächlichen Kosten aber können Pflegegeld oder -sachleistungen trotzdem nicht decken – zumal neben den Ausgaben für die Pflege auch der Verdienstausfall der pflegenden Angehörigen während dieser Zeit hinzukommt. Denn jeder Dritte reduziert seine Arbeitszeit oder kündigt ganz, wenn er einen Angehörigen pflegt, hat die Techniker Krankenkasse in einer Studie ermittelt. Viele kennen Entlastungs- und Beratungsangebote nicht.

Zumindest das soll den Mitarbeitern von Simonmetall nicht passieren. Jüngst hat Juniorchef Christian Simon eine Charta zur Vereinbarung von Beruf und Pflege unterschrieben. Der Betrieb verpflichtet sich damit, seinen Mitarbeitern zu helfen, aus sozialen Gründen. Ursula Simon erkennt aber auch die betriebliche Bedeutung der Charta. "Wir müssen alles tun, um unsere Arbeitskräfte zu halten. Fachkräftemangel haben wir ohnehin. Wenn jemand wegen der Pflege kündigen würde, wäre das für uns ganz schlecht.“


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