Gesundheit -

Beruf und Pflege vereinbaren Chefin und pflegende Angehörige zugleich

Wer privat pflegt, trägt eine hohe organisatorische und seelische Belastung. Hinzu kommen oft finanzielle Sorgen. Pflegende Angehörige haben weniger Zeit, selbst Geld zu verdienen. Wenn sie Pflegedienste beauftragen oder den Angehörigen in ein Pflegeheim geben, müssen sie mit zusätzlichen Kosten rechnen. Private Pflegeversicherungen könnten hier helfen - doch nicht für jeden sind sie geeignet.

Ihren Schreibtisch zeigt Brigitte Schöpperle zurzeit nicht gerne. "Es bleibt viel liegen.“ Die Unternehmerfrau ist ständig unterwegs. Sie managt in der Zimmerei ihres Ehemanns das Büro: Buchhaltung, Löhne, Bankgeschäfte und alle Personaldinge laufen über ihren Tisch. Ein Vollzeitjob. Doch als ihre Tante pflegebedürftig wurde, übernahm die gelernte Bäckerin und Konditorin aus dem oberbayerischen Kirchseeon auch diese Aufgabe. "Dass es so ein Zeitaufwand ist, habe ich aber nicht auf dem Schirm gehabt.“

Im ersten Teil der Serie: "Pflege, das vermeintliche Privatproblen": Warum Unternehmer von Pflege doppelt betroffen sind - mit umfangreicher Linkliste zu Beratungsangeboten

Im zweiten Teil der Serie: "Chef, meine Mutter ist krank": Rechtslage und Realität, wenn Mitarbeiter pflegen müssen

Unterbesetztes Krankenhaus

Obwohl die Tante nicht zu Hause, sondern je nach Gesundheitszustand im Krankenhaus, in einer Rehaklinik oder im Pflegeheim untergebracht ist, muss sich Schöpperle viel kümmern. "Die Schwester im Krankenhaus hat mir gesagt, ich müsse meine Tante selber versorgen, sie seien unterbesetzt. Aber das sind wir in unserer Firma auch!“ Wäre sie nicht trotzdem täglich gekommen, um der Tante beim Essen zu helfen, hätte die geschwächte Frau auf Teile der Mahlzeiten verzichten müssen. Zum Schneiden von Fleisch oder Obst fehlte ihr die Kraft.

Jetzt lebt die Tante in einem nahe gelegenenen Pflegeheim, in dem die Versorgung stimmt; Schöpperles Zeitaufwand ist nicht mehr so hoch wie zu Beginn der Pflegebedürftigkeit. "Und abends arbeite ich im Büro nach, was tagsüber liegengeblieben ist.“

Elternunterhalt kann teuer werden

Die Kosten für das Pflegeheim kann die Tante aus ihrem Ersparten decken – für zwei Jahre wird das Geld reichen. Zumindest finanziell ist Brigitte Schöpperle also im Moment nicht zusätzlich belastet. Anders liegt der Fall, wenn die eigenen Eltern ins Pflegeheim müssen und das Ersparte nicht reicht. Dann versucht das Sozialamt, Teile der Kosten von den Kindern zurückzuholen (Elternunterhalt).

Im Schnitt zahlen Pflegebedürftige 1.700 Euro pro Monat aus eigener Tasche, um die Pflegelücke zu stopfen, die aus der Differenz zwischen den tatsächlichen Pflegekosten und den Zahlungen der gesetzlichen Pflegeversicherung entsteht. Das zeigt eine Auswertung der Pflegedatenbank der privaten Krankenversicherung.

Ob es ratsam ist, diese Lücke durch eine private Zusatzversicherung zu schließen, hängt von der Stabilität der eigenen Einnahmen ab. Sabine Baierl-Johna, Projektleiterin bei Stiftung Warentest, empfiehlt Unternehmern, genau zu rechnen. Eine Police lohne sich nur dann, wenn die persönlichen Einkünfte voraussichtlich immer reichen werden, um die Versicherung zu bedienen. "Wer beispielsweise eine Pflegetagegeldversicherung abgeschlossen hat, dann aber nicht mehr die Beiträge aufbringen kann, verliert alles, was er eingezahlt hat“, warnt sie.

Pflegeversicherung muss immer bezahlt werden

In ihren Berechnungen zahlen 55-jährige Modellkunden rund 87 Euro, um eine angemessene Absicherung zu erhalten. Wer das aufbringen könne, für den sei eine Pflegetagegeldversicherung die beste von drei möglichen Varianten. Der Grund: Hier steht das vereinbarte Geld immer zur Verfügung, sobald ein Pflegebedarf besteht, unabhängig davon, ob der Pflegebedürftige zu Hause von Angehörigen, durch einen Pflegedienst oder im Pflegeheim versorgt wird.

Bei der etwas günstigeren Pflegekostenversicherung kommt der Versicherer überwiegend für die Kosten durch professionelle Pflegedienstleister auf. Für pflegende Angehörige gibt es weniger als die Hälfte dessen, was die Versicherung für die Profipflege zahlen würde.

Flexibler ist die Pflegerente. Hier zahlt die Versicherung, je nach Pflegegrad, einen Betrag zur freien Verfügung aus. Zudem können Versicherte die Police ruhen lassen oder ganz aussetzen, wenn sie das Geld für weitere Zahlungen nicht aufbringen können. Doch die Policen sind fast doppelt so teuer wie beim Pflegetagegeld.

In allen drei Varianten rät Baierl-Johna zu einer Dynamisierung: "Das gleicht die Inflation aus, bedeutet aber auch, dass der Beitrag sich im Laufe der Zeit erhöht“, warnt sie.

Brigitte Schöpperle denkt nicht gerne an die Möglichkeit, dass sie oder ihr Mann einmal selbst pflegebedürftig sein könnten. Trotzdem steht ein Informationsabend der Unternehmerfrauen im Handwerk Ebersberg zum Thema Pflege – und wie Unternehmer vorsorgen können – fest in ihrem Kalender.

Pflegende sind schlecht informiert

Ein Drittel der pflegenden Angehörigen fühlt sich nicht gut informiert über die Leistungen der Pflegeversicherung. Noch schlechter ist die Bilanz, wenn es um Leistungen für sie selbst als Pflegende geht: 44 Prozent fühlen sich hier schlecht informiert. Tatsächlich nehmen 70 Prozent der Befragten den monatlichen Entlastungsbeitrag von 125 Euro für informell Pflegende nicht in Anspruch.

Das zeigt eine Befragung der Stiftung Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP) unter über 900 Personen, die in ihrem privaten Umfeld eine Person mit Pflegegrad mindestens ein Mal pro Woche pflegen.

Dabei hatten die Pflegestärkungsgesetze auch das zum Ziel: pflegende Angehörige zu entlasten. Immerhin 25 Prozent der Befragten, die bereits vor 2017 gepflegt haben, geben an, seit den Pflegereformen mehr Angebote wie Alltagsbegleitungen nutzen zu können. 21 Prozent dieser Gruppe sagen, sie könnten sich nun mehr Auszeiten von der Pflege nehmen. Von denjenigen, die bereits seit 2014 und früher gepflegt haben und damit alle Leistungsausweitungen seit 2015 aus der Pflegesituation heraus erlebt haben, nehmen 26 Prozent Verbesserungen in Bezug auf die Angebote wahr. Ebenfalls 26 Prozent dieser Befragten erleben positive Veränderungen bei der Möglichkeit Auszeiten von der Pflege nehmen zu können.

Ralf Suhr, Vorstandsvorsitzender des ZQP: "Pflegende Angehörige berichten von Verbesserungen seit den Reformen. Zugleich steht zu befürchten, dass die Leistungsausweitungen noch nicht in erhofftem Maße in der häuslichen Pflege angekommen sind. Dabei spielt sicher auch eine Rolle, dass die nötigen Angebote wie zum Beispiel Tagespflegeeinrichtungen, nicht überall in ausreichendem Umfang vorhanden sind."

Die begrenzte Wahrnehmung und Nutzung der veränderten Leistungen der Pflegeversicherung könnte auch aus mangelndem Wissen über die Möglichkeiten resultieren. Suhr dazu: "Professionelle Beratung ist ein zentraler Schlüssel zu guter Pflege. Denn: wer weiß, welche Leistungen man bekommen kann und sie dann gezielt nutzt, kann die Pflege bestmöglich organisieren. Pflegeberatung und Pflegeschulungen sind darum sehr wichtig. Pflegende Angehörige haben auf solche kostenlosen Angebote einen Anspruch."

Die Nutzung dieser Angebote scheint laut der Studie ebenfalls ausbauwürdig: Pflegeberatung haben deutlich weniger als die Hälfte (42 Prozent) der Befragten genutzt. Einen kostenlosen Pflegekurs besucht haben sogar nur 8 Prozent der Pflegenden.

Kostenlose Informationen über entsprechende Angebote bündelt das ZQP hier.

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