Sonderfahrzeuge aus Frankfurt am Main Personenschutz vom Fahrzeugbauer

Die Mitarbeiter der Carl Friederichs GmbH sind Experten für die Konstruktion von Sonderfahrzeugen – etwa für Gefangenentransporte oder gepanzerte Limousinen.

Frank Muck

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    Von der Pike auf: Henrik Schepler ist selbst gelernter Fahrzeugbauer und seit 18 Jahren Geschäftsführer bei Carl Friederichs.
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    Gut ausgelastet: Die Nachfrage nach Schutz steigt mit der realen oder auch gefühlten Gefahr durch Anschläge.
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    Zweite Haut: Je nach Schutzklasse sind die eingeschweißten Stahlbleche zwischen drei und 14 Millimeter dick.
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    Von außen schwer lädiert: Ein gepanzerter Touareg nach dem Testbeschuss.
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    Offene Rechnung: Eine Reihe von gepanzerten Landrovern wartet auf ihre Auslieferung, doch die nigerianische Staatsbank kann sie derzeit nicht bezahlen.

498 Schuss, zehn Handgranaten, eine 15-Kilo-Bombe hat der VW Touareg überstanden. Das Auto der Firma Carl Friederichs wurde mit diesem erschreckenden Arsenal an Munition zu Testzwecken beschossen und steht heute, von Holzlatten und Paletten umrahmt, etwas missachtet, in der Ecke einer Lagerhalle des Karosseriebaubetriebs aus Frankfurt am Main, übersät mit all den Beulen, Löchern und Brüchen, die die Waffen an seiner Hülle hinterlassen haben. An ihm ist äußerlich auf den ersten Blick nichts mehr intakt. Die Scheiben sind praktisch blind. Die Beleuchtung ist weggeschossen. Die äußere Karosseriehülle ist durchlöchert und weist so gut wie keine glatte Oberfläche mehr auf.

Gutes Aussehen ist ­zweitrangig

Doch gut auszusehen, ist nicht der primäre Zweck dieses Fahrzeugs. Das Auto der Fahrzeugbauer ist stattdessen ein beredtes Beispiel dafür, was die Fahrzeuge der Carl Friederichs GmbH zu leisten im Stande sind, wenn es um den Schutz von Menschenleben geht. Denn das Ziel eines solchen Umbaus ist es, die Mitfahrenden zu schützen.

Tatsächlich hätten die Insassen einen solch massiven Angriff überlebt. Die Fahrgastzelle blieb unbeschädigt. Seinen Beschusstest durch das Beschussamt – staatliche Stellen, die für solche Prüfungen zuständig sind – hat der Touareg also bestanden. Wie das aussieht, wenn die Experten den VW unter Feuer nehmen, können sich Kunden in einem Video auf dem YouTube-Kanal von Friederichs anschauen.

Die gepanzerten Touaregs wurden an die niederländische Regierung geliefert, welche dann auch für die Untersuchung des Absturzes des Fluges MH17 über der Ostukraine eingesetzt wurden, erläutert Henrik Schepler. Der gelernte Karosseriebauer bildet mit seinem Kollegen Stephan Berger ein Geschäftsführerteam bei dem alteingesessenen Frankfurter Unternehmen. Doch dort bauen sie nicht nur Fahrzeuge für den Kriseneinsatz.

Renaissance für mobile Bankfilialen

Friederichs konstruiert auch zivile Einsatzfahrzeuge wie Feuerwehrautos und Krankenwagen mit besonderen Anforderungen an die Einrichtung oder auch Geldtransporter. In der Werkstatt im Osten Frankfurts stehen zahlreiche Fahrzeuge bereit für einen Umbau. Gerade erst wurden 17 Gefangenentransporter für die hessische Justiz aufbereitet. Dort müssen kleine Zellen mit Platz für jeweils eine Person eingebaut werden: dicke weiße Stahlwände, ein schmaler Sitz, innen nicht mal so groß wie ein Baustellenklo.

Nebendran steht ein Lkw für ein wachsendes Geschäftsfeld: rollende Bankfilialen. In Zeiten, in denen Banken ihre Filialnetze ausdünnen, rechnet Henrik Schepler mit weiteren Aufträgen der Banken, um die Bevölkerung auf dem Land zum Beispiel mit Bargeld zu versorgen.

"Wir wollen Menschen ­schützen." Geschäftsführer Henrik Schepler

Und das sind noch nicht einmal alle Facetten. Einen Karosseriebauer mit einem solch breit gefächerten Angebot an Einsatzfahrzeugen gibt es laut Henrik Schepler in Deutschland keinen Zweiten, vor allem nicht mit dieser Tradition.

Angefangen hat alles vor 177 Jahren mit dem Bau von Kutschen. Heinrich-Ludwig Friederichs gründet nach Gesellenjahren in London und Russland 1840 seinen eigenen Sattler- und Karosseriebetrieb in Frankfurt. Durch die im Ausland gewonnenen Kenntnisse entwickelt sich das Unternehmen zu einer der besten Karosserie-Manufakturen jener Zeit. Nach der Erfindung des Autos gelingt der Übergang zum Bau von Motorwagen. Die Söhne Heinrich und Rudolf Friederichs übernehmen zur Jahrhundertwende den Betrieb und konstruieren Auto-Karossen für zum Beispiel Maybach, Benz, Mercedes und Horch.

Nach dem Zweiten Weltkrieg beginnt Friederichs mit dem Bau von Sonderfahrzeugen – ein Markt mit Potenzial. Schon in den 1960er-Jahren exportiert Friederichs Nutzfahrzeuge für ganz Europa, den Orient und Afrika.

Rollendes Sportstudio für den Flughafen

Seitdem entwickelt die Firma immer wieder neue Sicherheitskonzepte und Lösungen für besondere Anforderungen. Für den Flughafenbetreiber Fraport etwa hat die Friederichs GmbH einen Lkw für die Kontrolle der Befeuerung von Start- und Landebahnen am Frankfurter Flughafen umgebaut. Durch einen absenkbaren und zu öffnenden Fußboden kann das Personal von innen die Lampen der Landebahnen prüfen und bei Bedarf austauschen, ohne den Wagen verlassen zu müssen. Und dann wäre da noch das mobile Sportstudio, das den Beschäftigten am Flughafen die Möglichkeit bietet, sich während der Arbeitszeit mit Sportübungen fit zu halten.

Doch Friederichs baut nicht nur Autos um. Zweites Standbein mit zwei eigenen Betriebsstätten ist die Reparatursparte, die selbst immerhin neun Millionen Euro Umsatz erwirtschaftet – rund die Hälfte des Gesamtumsatzes.

Sicherheitsfaktor ist großer Umsatzgarant

So vielfältig wie die Kundenwünsche sind, bleibt doch der Sicherheitsfaktor einer der größten Umsatzgaranten bei Friederichs. Sei es nun der Transport von Geld, von Gefangenen oder der Schutz von Insassen. Dass sich der Bedarf mit der gefühlt oder auch real steigenden Bedrohung durch Terror erhöht, kann auch Henrik Schepler nicht verleugnen. "Ja, die Nachfrage steigt ganz klar – und zwar nicht nur in Europa, sondern weltweit", sagt Schepler. 60 Prozent der Umsätze der Sparte Sonderfahrzeuge sind für die Sicherheit.

Damit die Kunden dafür weiter auf die Fertigkeiten von Friederichs vertrauen, müssen sich der Firmenchef und seine Mitarbeiter auch bei der Waffentechnik auf dem Laufenden halten. Dafür besucht Schepler entsprechende Messen, wie etwa die Enforce Tac in Nürnberg. Um Kenntnisse in Schuss- und Waffentechnik zu sammeln, hat ihm die Polizei sogar schon vor vielen Jahren geraten, im Verein das Sportschießen anzufangen.

Besondere Fähigkeiten müssen auch die derzeit 20 Auszubildenden erwerben. Schließlich bedarf es für den Bau der Spezialfahrzeuge spezieller Kenntnisse: Verständnis für die Wirkung von Patronen oder Sprengstoffen etwa oder Dinge, die über das normale Berufsfeld weit hinausgehen, bei Interieur, Elektronik oder Fahrwerk. Auch das Schweißen und Umformen von Metall erfordert Spezialwissen. Und nicht zuletzt die Verschwiegenheit.

Vorsicht bei politisch exponierten Persönlichkeiten

Denn Kunden von Friederichs wollen natürlich nicht in der Zeitung lesen, dass sie einen gepanzerten Touareg fahren. Diskretion ist Ehrensache. Umgekehrt spielt in der Firmenpolitik des Unternehmens nach eigenem Bekunden auch die Motivation eines Kunden eine Rolle. "Bei politisch exponierten Persönlichkeiten muss man vorsichtig sein", formuliert Henrik Schepler ebenso vorsichtig.

Geht es um zwielichtige Staaten oder Politiker, lehne Friederichs auch mal einen Auftrag ab. Dabei helfen zum Beispiel die Korruptionsindizes von Transparency International. Dem Ex-Staatschef von Libyen, Muammar al-Gaddafi, etwa wurde der Wunsch nach einem gepanzerten Fahrzeug, das er auch zur Jagd nutzen wollte, verwehrt. Die Geschäftsführer wollen nicht, dass ihre Fahrzeuge einem "Dual-Use" dienen, wie Schepler es ausdrückt, "wir wollen Menschen schützen."