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Nudging Ohne Vorschriften: Wie Ihre Mitarbeiter von selbst sicherer arbeiten

Viele Arbeitgeber kennen das: Mühsam schaffen sie die Voraussetzungen für sicheres Arbeiten – und dennoch halten sich die Mitarbeiter nicht an die Vorschriften oder gehen unnötige Risiken ein. Abhilfe verspricht die sogenannte Nudging-Methode. Mit ihr soll es gelingen, dass Mitarbeiter die Regeln befolgen, ohne dass sie der Chef aufzwingen muss.

Vorschriften, Verbote und erhobene Zeigefinger bleiben in der Praxis häufig ohne Effekt – das gilt leider auch im Arbeitsschutz. Allein die Berufsgenossenschaft Energie Textil Elektro Medienerzeugnisse (BG ETEM) verzeichnete im Jahr 2018 m ehr als 18.000 meldepflichtige Arbeitsunfälle – also Unfälle, die eine mehr als dreitägige Arbeitsunfähigkeit verursacht haben.

Immer wieder ereignen sich auch schwere Unfälle, obwohl der Arbeitgeber geeignete Schutzmaßnahmen ergriffen hat, weil sich Mitarbeiter unachtsam verhalten oder sich schlichtweg nicht an bestehende Regeln halten wollen. Es scheint, als müssten sich Chefs etwas einfallen lassen, um ihre Mitarbeiter wirksam zu schützen und teure Arbeitsausfälle zu vermeiden.

Eine mögliche Lösung könnte laut BG ETEM die so genannte Nudging-Methode sein. Das englische Wort nudge bedeutet anstupsen. Die Methode verspricht, menschliches Verhalten vorhersagbar beeinflussen zu können.

"Nudges entstehen aus einem Prozess der Beobachtung von Verhaltensweisen: meistens sind es vermeintlich kleine Dinge, die unser Verhalten positiv beeinflussen", sagt Just Mields, Arbeitspsychologe und Mit-Autor des Whitepapers "Nudging – ein neuer Weg zur Senkung von Unfallrisiken".

Bekanntes Beispiel: Die Fliege im Urinal

Nudges seien vielen Menschen bereits in der Öffentlichkeit begegnet: Die Fliege im Urinal etwa soll beim Mann den Spieltrieb und Ehrgeiz wecken, beim Pinkeln richtig zu zielen und zu treffen. Mit Erfolg: Die Reinigungskosten bei solchen Toilettenanlagen sind geringer. 

Schon einige Betriebe hätten laut BG ETEM erkannt, dass Nudging auch in anderen Bereichen funktioniert und ihre Beschäftigten zu einem sicheren Verhalten motiviert. Sie malten etwa Schattenfiguren an die Treppenhauswände, um die Handlaufnutzung anzuregen und dadurch Stolper-, Rutsch- und Sturz-Unfälle zu vermeiden. Auch die Corona-Pandemie habe einige Nudges hervorgerufen. "Die roten Linien auf dem Boden mahnen uns zum Sicherheitsabstand, zentral aufgestellte Desinfektionsspender erinnern uns an die Handhygiene", erklärt Mields.

Nudging motiviert zum Arbeitsschutz

Nudging-Methoden würden sich laut Mields vor allem dort anbieten, wo menschliche Angewohnheiten und Verhaltensweisen risikoreich sind. Der Mensch sei ein Gewohnheitstier: Er geht den Weg des geringsten Widerstands, passt sein Verhalten der Gruppe an und belässt Dinge so, wie sie sind. "Kognitive Voreinstellungen beeinflussen die menschliche Entscheidungsfindung. Durch Nudging lässt sich eine Entscheidungsarchitektur aufbauen, die das Verhalten in eine intendierte Richtung lenkt", erklärt Isabell Kuczynski, Arbeitspsychologin bei BG ETEM und Mit-Autorin des Whitepapers.

Wie Mitarbeiter zum Tragen ihrer PSA bewegt werden können

Mields verdeutlicht dies anhand eines Beispiels. Ein häufiges Ärgernis von Arbeitssicherheit-Fachkräften sei, dass Mitarbeiter ihre Persönliche Schutzausrüstung (PSA) nicht anlegen. Laut Mields ist es wichtig, den Entscheidungsmoment ‚Lege ich die Schutzausrüstung an oder nicht?‘ zu identifizieren und zu beeinflussen. In einem Mitgliedsbetrieb der Berufsgenossenschaft habe die Nudging-Lösung letztlich so ausgesehen: Eine  Vorrichtung im Transporter zwingt die Mitarbeiter nun dazu, die PSA zuletzt und obenauf einzuladen. "Die Mitarbeiter sehen dadurch noch vor der Abfahrt, ob etwas fehlt: das ist der erste Nudge. Auf der Baustelle angelangt, legen sie ihre PSA dann aufgrund des prominenten und gut sichtbaren Platzes an", sagt Mields. Ein schöner Nebeneffekt: Die Vorrichtung garantiert Ordnung, Struktur und Übersicht – Merkmale, die einen guten Handwerksbetrieb unter anderem auszeichnen.

Farbliche Codierung, um gefährliche Fehler zu vermeiden

Als weiteres Beispiel nennt Mields einen Fall, den er in einem Betrieb für Oberflächenveredlung erlebt hat. "Die haben unter anderem Logistikbereiche, in denen vielfältige Probleme wie fehlender Lagerplatz oder versperrte Fluchtwege vorhanden waren", erinnert er sich. In einem ersten Schritt sei er damals zusammen mit den Verantwortlichen durch die Hallen gegangen, um den Blick für Schwachstellen im Arbeitsschutz zu schärfen. Im Hallenboden stießen sie schließlich auf eine große Auskerbung im Beton. "Die Beschäftigten wussten – im Gegensatz zu den Verantwortlichen – sofort, dass dort ein schweres Maschinenteil runtergefallen war", so Mields.

Das Problem kam im anschließenden Workshop zur Sprache, dabei wurde zunächst die Situation analysiert. In dem Fall hätte das Maschinenteil nie zum Einsatz kommen dürfen, da es von einem Kunden stammte. Das 1,5 Tonnen schwere Maschinenteil war jedoch aufgrund betriebsinterner Arbeitsprozesse in der Halle gelagert, obwohl es dafür keine passende Vorrichtung gab. Die Mitarbeiter haben es dennoch verwendet. In dem einen – und seltenen – Fall fiel das Gerät herunter.

"Wir haben uns den Verlauf angeschaut, um den Zeitpunkt des Fehlers herauszufinden. Unsere Problemlösung war dann eine farbliche Codierung, um den richtigen Lagerort für das passende Maschinenteil einfacher kenntlich zu machen." Die Farbkennung soll die Mitarbeiter nudgen, damit sie zukünftig alles sofort richtig zuordnen – und solche Unfälle nicht mehr passieren. 

Auf diese und ähnliche Arten und Weisen könnten sich laut BG ETEM mit kleinen Maßnahmen zahlreiche Brandherde im Arbeitsschutz löschen lassen. Erforderlich dafür seien lediglich genaues Hinsehen, eine gemeinsam motivierte Ursachenforschung – und ein wenig Kreativität.  

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