Seit fünf Jahren beschäftigt der Metallbaubetrieb Kodlin aus Jesberg Geflüchtete aus Afghanistan und Eritrea. Eine Erfolgsgeschichte, die laut Peter Kodlin jedem Betrieb gelingen kann – wenn man nur einen Rat beherzigt.

Für Metallbaumeister Peter Kodlin steht fest: Ohne seine drei Mitarbeiter Rasulkhan Rostai, Bhrane Johannes und Schamsullah Safie wäre er aufgeschmissen. Seit fünf Jahren verstärken die drei Männer aus Afghanistan und Eritrea das nun sechsköpfige Team in Jesberg (Schwalm-Eder-Kreis), das neben dem Chef selber aus Meister Marcel Sellhast und Jürgen Luther besteht.
"Unser Betrieb ist sozusagen gelebte Integration", sagt Kodlin und lacht. Seine Angestellten lachen mit. Dabei hatten die meisten von ihnen noch vor zehn Jahren nie zuvor von Jesberg gehört, hatten keinerlei Ahnung, wo der Kellerwald liegt. Nach ihrer Flucht aus der von Krieg und Hunger bedrohten Heimat änderte sich das aber schnell.
Die Meisterprüfung als Ziel
Johannes aus Eritrea hatte auch schon in seiner Heimat mit Metall gearbeitet, wollte in Deutschland unbedingt eine Arbeitsstelle finden. Er kam als Praktikant zu Kodlin – und blieb. "Hier ist es wie in einer Familie – das Team hält zusammen", sagt der 34-Jährige. Auch Rostai und Safie aus Afghanistan kamen vor fünf Jahren als Praktikanten – und auch sie wollten nicht mehr weg. Rostai hatte in seiner Heimat zwölf Jahre die Schule besucht, danach in einem IT-Netzwerk gearbeitet und war nach Deutschland gekommen. Bei Kodlin absolvierte er eine Ausbildung zum Metallbauer. Hätte er das geglaubt, als er noch in Afghanistan lebte? "Nein, gar nicht", sagt der 30-Jährige. Er ist stolz auf das, was er erreicht hat: "Ich baue Treppen, Balkone, habe viele Kontakte mit den Kunden, muss Lösungen suchen, das gefällt mir alles gut."
Nachfolge geregelt
Rostai hat ein klares Ziel: Er will sich den Meistertitel erarbeiten. Damit gäbe es dann neben Marcel Sellhast einen weiteren Meister im Team: Der Jesberger Sellhast durchlief die komplette Fachkraftausbildung im Metallbaubetrieb Kodlin, hat die Meisterprüfung abgelegt und steht bereits als Nachfolger in den Startlöchern, wenn Kodlin den Betrieb, der in diesem Jahr 70 Jahre alt wird, an ihn übergeben will. Beide, der jetzige und der künftige Chef, sind glücklich über diese Lösung: "Das steht schon alles fest. Wenn man eine solche Entscheidung früh trifft, macht das vieles leichter."
Sprachbarrieren beseitigt
Leichter ist nun auch für alle im Unternehmen die Tatsache, dass jetzt alle Mitarbeiter Deutsch sprechen. "Am Anfang war es schwierig, da haben wir uns alle mit Händen und Füßen verständigt", sagt Sellhast. Die Sprachhürden aber seien immer niedriger, das gemeinsame Arbeiten dadurch immer einfacher geworden: "Bei uns haben die Männer Deutsch gelernt, jeden Tag ein bisschen mehr."

"Ich habe damals eine ganze Woche lang versucht, meinen Wohnort Bad Zwesten richtig auszusprechen, aber es war echt schwer", sagt Rostai und alle lachen. Auch Safie (44) schmunzelt. Er wohnt ebenfalls in Bad Zwesten und verliert nicht viele Worte beim Zeitungstermin. "Schamsullah spricht nicht viel, sieht aber jedes Problem und hat für jedes auch sofort eine Lösung", sagt Kodlin.
Fachkräfte fehlen
Der 58-Jährige hat sich massiv für seine drei Mitarbeiter aus fernen Landen eingesetzt, hat viele Termine und Gespräche mit der Ausländerbehörde gemanagt, Führerscheine mitfinanziert, deutsche Vokabeln mit seinen Angestellten gebüffelt. "Begriffe wie Wasserwaage und Schraubzwinge kommen ja im Deutschkurs eher selten vor", sagt Kodlin und grinst. Vor 20 Jahren sei das alles noch undenkbar für ihn gewesen, sagt er. "Damals hätte ich mir doch gar nicht vorstellen können, dass im Handwerk so massiv die Fachkräfte fehlen." Mit dem Begriff "damals" meint er die Anfänge, als er die 1954 gegründete Firma seines Vaters übernommen hatte. Es waren andere Zeiten, die Zahl der Bewerber war damals deutlich höher als die der gemeldeten freien Stellen. Heute ist es genau umgedreht.
Gefragt ist vor allem Geduld
Auch Lehrlinge sind Mangelware. Kodlin hat bereits die Zusage eines jungen Jesbergers, der ab Sommer eine Ausbildung bei ihm beginnen will – und ist völlig begeistert darüber. Denn neben dem Auszubildenden hat er ja auch einen würdigen Nachfolger in Sellhast gefunden, der das Steuer übernimmt, wenn es Kodlin abgibt: "Diesen Schritt wird er nicht bereuen, denn im Handwerk kann man gut Geld verdienen. Zumindest, wenn man gute Mitarbeiter hat." Die hat der Metallbaubetrieb Kodlin. Und das registrieren auch die Kunden. "Viele staunen über die Völkervielfalt, die wir hier leben, die Jungs werden viel gelobt." Kodlins Tipp an alle Betriebe: Geflüchteten ein Praktikum bieten, ihnen zur Seite stehen, Geduld haben: "Nur so funktioniert Integration." Seit über fünf Jahren ist sein buntes Team ein guter Beweis für diese These.
Auf der Seite "100 Fachbegriffe" der Bundesagentur für Arbeit werden die wichtigsten Begriffe aus zehn Berufsfeldern in zwölf Sprachen erklärt. Damit eignet sich das Tool zur Vorbereitung auf ein Praktikum oder eine Ausbildung und hilft, Sprachbarrieren im Arbeitskontext gezielt abzubauen.