Der O-Plan Deutschland regelt die Zusammenarbeit von Militär und zivilen Akteuren im Verteidigungs- und Katastrophenfall. Das betrifft auch das Handwerk.

Die Bundesrepublik rüstet sich für den Verteidigungsfall. Im Operationsplan Deutschland – kurz O-Plan – bündelt sich die Strategie, wie sich Militär und Zivilgesellschaft gemeinsam gegen Bedrohungen wappnen. Denn seit dem russischen Überfall auf die Ukraine hat sich die Sicherheitslage in Europa dramatisch verschlechtert. Worauf sich Handwerksbetriebe einstellen sollten, beschreibt ein Papier des baden-württembergischen Handwerkstages (Handwerk BW).
Es enthält Hinweise zur Vorbereitung auf Katastrophen- oder Bedrohungsszenarien. Die Rede ist von Personalabzügen, dem Zugriff von Behörden auf Betriebsmittel wie Fahrzeuge oder Maschinen. Die Rede ist von Strom- und IT-Ausfällen oder der Unterstützung von Durchmarschtruppen. Gemeint sind militärische Verbände, denn im Nato-Bündnisfall würde Deutschland zur logistischen Drehscheibe.
Bundeswehr benötigt Hilfe aus der Zivilgesellschaft
Um den Aufmarsch und die Versorgung verbündeter und eigener Streitkräfte sicherzustellen, benötigt die Bundeswehr zivile Unterstützungsleistungen, wie es das operative Führungskommando formuliert. Diese Stabsstelle koordiniert die Zusammenarbeit von Bund und Ländern, Nato und Bundeswehr sowie zivilen Akteuren wie die sogenannten Blaulicht-Organisationen und erstellt daraus ein geheimes Dokument, den O-Plan Deutschland.
Was nach Ende des Kalten Krieges lange undenkbar schien, rückt plötzlich wieder in die öffentliche Debatte: die Gefahr kriegerischer Angriffe. Dabei sei nicht von Panzerschlachten auszugehen, wie der für die Landesverteidigung verantwortliche Generalleutnant André Bodemann gegenüber der Wochenzeitung "Die Zeit" betonte. Vielmehr müsse man mit Anschlägen von Saboteuren rechnen, die zum Beispiel mit unbemannten Systemen Chemiewerke angreifen, um Giftstoffe freizusetzen. Oder mit Luftangriffen auf kritische Infrastruktur zur Energieversorgung.
Markus Maichle warnt ebenfalls: "Wir müssen uns auf solche Gefahren vorbereiten, auch wenn sich niemand wünscht, dass sie eintreten", sagt der Vizepräsident des Bundesverbandes der Bestatter aus Geislingen an der Steige. Die Bestatter übernehmen schon seit Jahren ehrenamtlich Aufgaben im Zivil- und Katastrophenschutz und fühlen sich für die neue Bedrohungslage gut gerüstet.

Notfallteam der Bestatter mit viel Know-how für den Krisenfall
Mit dem Verein Deathcare unterstützen sie weltweit Rettungskräfte nach Naturkatastrophen, zuletzt beim schweren Erdbeben 2023 in der Türkei. Der Bundesverband unterhält ein Notfallteam mit Einsatzleiter Markus Maichle an der Spitze und drei Ansprechpartnern in jedem Bundesland. Die Aufgabengebiete sind klar definiert, ein Alarm- und Ausrückeplan existiert ebenso wie eine Notfall-Rufnummer, über die Behörden bei Katastrophen wie 2021 im Ahrtal Hilfe anfordern können. Für die rund 160 Krematorien in Deutschland wurde ein Energiemanagement-Handbuch erarbeitet.
Bei der europäischen Katastrophenschutzübung "Magnitude", bei der im Herbst 2024 der Einsatz nach einem Erdbeben der Stärke 6,9 im Rheingraben simuliert wurde, konnte das Notfallteam das Know-how der Bestatter im Krisenfall unter Beweis stellen.
Bestatter schulen Soldaten im Umgang mit Gefallenen
Mit der Bundeswehr arbeiten die Bestatter ebenfalls zusammen. Seit 2013 werden im Bundesausbildungszentrum in Münnerstadt Soldaten im Umgang mit Gefallenen geschult. "Das Ansehen unseres Handwerks ist wesentlich gestiegen", meint Markus Maichle, der inzwischen Vorträge auf Ärztekongressen, vor Kirchenvertretern oder der Innenministerkonferenz hält. Am liebsten wäre es dem passionierten Feuerwehrmann, wenn das Notfallteam der Bestatter vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe in die Reihen der BOS aufgenommen wird, den Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben.
Angesichts der veränderten geopolitischen Weltlage gewinnt die Vorbereitung auf Verteidigungs- und Katastrophenszenarien im gesamten Handwerk an Bedeutung, über alle Gewerke hinweg. "Wir wollen für dieses Thema sensibilisieren, ohne Angst zu schüren", begründet Hauptgeschäftsführer Peter Haas die Initiative von Handwerk BW. Damit die Betriebe die Informationen "in der gebotenen Ruhe und ohne besorgte Aufregung" einordnen können.
Krisen werden mit Resilienz gemeistert, nicht mit Angst
Ein Kommentar von DHZ-Redakteur Ulrich Steudel
Kriegstüchtig – mit seiner martialischen Wortwahl versucht Verteidigungsminister Boris Pistorius Bundeswehr und Gesellschaft auf andere Zeiten einzustimmen. Zeiten, die nach dem Ende des Kalten Krieges allmählich im Nebel der Erinnerungen verblasst sind. Der Krieg in der Ukraine hat das Sicherheitsgefühl in Europa um mehr als drei Jahrzehnte zurückkatapultiert.
Deshalb ist es richtig und wichtig, wenn sich Handwerksbetriebe auf Situationen einstellen, die ihr Geschäft bedrohen. Computersysteme zu schützen, Notfallpläne für Stromausfälle aufzustellen und Stellvertreterregelungen zu definieren, sollte selbstverständlich sein.
Aber dass Handwerksbetriebe einen militärischen Aufmarsch unterstützen müssen, soweit darf es nicht kommen. Das ist die Aufgabe von Politik. Die Kriegsrhetorik von Pistorius wird dieser Aufgabe ebenso wenig gerecht wie das scheinbare Fehlen von Diplomatie. Das schürt Angst, aber wir brauchen Resilienz.
Es war ein russischer Offizier, der mit seiner Entscheidung 1983 einen möglichen Atomkrieg verhinderte. Jene Besonnenheit, von der sich Stanislaw Petrow damals im Kalten Krieg leiten ließ, muss heute das Handeln der verantwortlichen Politiker bestimmen.