Eigentlich soll der Nutri Score Aufklärung bieten. Doch die Aussagekraft der Lebensmittelkennzeichnung wird immer wieder angezweifelt. Nun wird der Score überarbeitet – zum Nachteil mancher Brotsorten, die schlechter abschneiden. Der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerk spricht von einer "Irreführung".

Ist ein Lebensmittel gesund oder eher nicht zu empfehlen? Wie viel Salz, Zucker und Fett steckt darin? Die Lebensmittelkennzeichnung Nutri Score soll Auskunft darüber geben. Anhand einer Skala von einem grünen A bis zum roten E bekommt es eine Einstufung. Vergleichbar ist es damit aber nur innerhalb der dazugehörigen Produktgruppe – also etwa Frühstücksflocken mit Frühstücksflocken oder Fruchtjoghurt mit Fruchtjoghurt, aber nicht Frühstücksflocken mit Tiefkühlpizza oder etwas ganz anderem.
Seit dem Jahr 2020 gibt es die Kennzeichnung, die Hersteller verpackter Lebensmittel in der EU freiwillig nutzen dürfen. Bisher gibt es den Nutri Score neben Deutschland auch in Frankreich, Belgien, Luxemburg, der Schweiz, den Niederlanden und Spanien. Diese Länder sind die sogenannten "Countries officially engaged in Nutri-Score", kurz COEN. In Deutschland ist die Beteiligung der Lebensmittelindustrie bisher zwar schon mit steigender Tendenz festzustellen, aber noch nicht berauschend groß. Eine Untersuchung der Verbraucherzentralen Deutschlands zeigte Ende 2022, dass 40 Prozent der untersuchten Lebensmittel mit einem Nutri Score gekennzeichnet waren. Das waren sieben Prozent mehr als im Vorjahr.
Bewertungskriterien für den Nutri Score sollen sich ändern
Seit dem Jahr 2020 sind für die einzelnen Produktgruppen auch die Bewertungskriterien festgelegt – und genau diese sollen sich nun ändern. Denn seit Einführung des Nutri Scores gibt es immer wieder Kritik an der Kennzeichnung. Zwar wird sich an der Vergleichbarkeit nichts ändern, denn dass der Nutri Score weiterhin innerhalb der einzelnen Produktgruppen nach jeweils eigenen Kriterien bewertet wird, ist im Grundsatz so festgelegt. Dennoch soll es Änderungen geben.
Diese betreffen die Gewichtung der einzelnen Nährwerte für eine Produktgruppe. Festgelegt wird sie jeweils von einem wissenschaftlichen Gremium der am Nutri-Score teilnehmenden Länder. Dabei geht es darum, welchen Einfluss auf die Gesamtbewertung die Menge an Salz, Zucker und Fett hat. Eine Rolle spielen aber auch die Anteile der Proteine und Ballaststoffe. Für jede Produktgruppe gilt ein individueller Algorithmus – und genau dieser wird nun überarbeitet.
Dabei soll es auch darum gehen, dass vermeintlich schlechte Anteile nicht mehr so einfach mit guten ausgeglichen werden dürfen – etwa viel Zucker mit einem hohen, vermeintlich gesunden Proteingehalt. Algorithmen sollen außerdem so verändert werden, dass hohe Anteile an Salz und Zucker eine größere Rolle spielen und schneller zu einer Abwertung eines Lebensmittels führen. Positive Nährwerte wie etwa Ballaststoffe bekommen eine höhere Gewichtung und werten ein Lebensmittel schneller auf.
Nutri Score: Zukünftig eine schlechtere Bewertung von Mischbrot?
Aktuell liegt eine Empfehlung für eine Neubewertung der Nährwertkennzeichnung durch die französische Agentur Santé publique France vor. Diese würde einige Neuerungen zum Jahresende 2023 mit sich bringen. Sie würde unter anderem das Lebensmittel Brot treffen – und zwar hauptsächlich negativ. Dagegen wehrt sich nun der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks und appelliert an die Bundesregierung "ihren Einfluss im entsprechenden Beirat der französischen Agentur zu nutzen, diese Fehlbewertung zu korrigieren." So heißt es in einer Mitteilung des Verbands zum Thema.
Folgen hätten die neuen Kriterien hinter dem Nutri Score demnach vor allem für das beliebteste Brot der Deutschen, das Mischbrot. Laut Bäckerverband würde es auf ein gelbes C abgewertet. Aber auch Weißbrot oder Baguette drohe ein Abrutschen in der Bewertung – bis in den roten Bereich der Lebensmittelkennzeichnung. Vollkornbrot wird dagegen eine positive Einstufung behalten. Es hat mehr Ballaststoffe.
Der Bäckerverband sieht es als falsch an, dass ein Grundnahrungsmittel durch die neuen Kriterien derart abgewertet werden kann. Er spricht in der Mitteilung von einer Irreführung der Verbraucher, denn Brot sei prinzipiell "gesund, nachhaltig und wesentlicher Bestandteil einer ausgewogenen und pflanzenbasierten Ernährung". Kritisch gesehen werden die Kriterien des Nutri Score auch deshalb, weil es beispielsweise bisher keine Rolle spielt, wie stark verarbeitet ein Lebensmittel ist und dass somit manches Mal Lebensmittel mit sehr vielen künstlichen Zutaten und einem hohen Verarbeitungsgrad eine positivere Bewertung bekommen als solche mit nur wenigen oder hauptsächlich natürlichen Zutaten. Außerdem sehen die Verbraucher nicht immer, dass ein Vergleich nur innerhalb einer Produktgruppe aussagekräftig ist.
Nutri Score nach neuen Vorgaben erst ab 2026
"Wird ein an sich gesundes und sättigendes Produkt wie Brot als ungesund deklariert, leidet am Ende das Vertrauen und die Glaubwürdigkeit des Nutri Scores", kritisiert deshalb Friedemann Berg, der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Zentralverbandes des Deutschen Bäckerhandwerks. Er weist auf das Thema hin, obwohl der Nutri Score derzeit nicht für lose Ware, also nicht für Brot vom Handwerksbäcker gilt. "Nichtsdestotrotz lehnen wir eine Schlechterstellung der Kategorie Brot strikt ab", heißt es vom Verband.
Medienberichten zufolge werden die neuen Regeln für den Nutri Score zum Jahresende umgesetzt. Bis die Neubewertung dann in der Praxis ankommt, wird es aber noch dauern. Es gilt eine zweijährige Abverkaufsfrist für die Lebensmittel, die noch nach den alten Kriterien bewertet wurden. So können Lebensmittelhersteller die Kennzeichnung ihrer Produkte bis Ende 2025 umstellen.