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Leitartikel Novellierung der Handwerksordnung: Fatale Folgen einer Reform

Die Stimmung im Handwerk ist großartig - sollte man meinen. Eine Studie sieht das anders und behauptet, die Branche hinke der Gesamtwirtschaft hinterher. Nach Gründen muss nicht lange gesucht werden.

Schon lange nicht mehr gab es so positive Zahlen über das Handwerk. Beim Umsatz wie bei den Beschäftigten gehen die Werte nach oben. Nach Konjunkturumfragen der Handwerkskammern ist die Stimmung der Betriebe so gut wie selten. Die Erwartungen sind weiter positiv. Ganz an der Spitze liegt dabei der Bau. Nach den Zahlen des Statistischen Bundesamtes waren die Umsätze im Bauhauptgewerbe im Juli dieses Jahres um acht Prozent höher als ein Jahr zuvor. Die Zahl der Beschäftigten lag um
2,8 Prozent über dem Vorjahresmonat.

Es wäre schon einer eigenen Betrachtung wert, wie es den Betrieben in Zeiten eines allgemein beklagten Fachkräftemangels gelungen ist, zusätzliche Arbeitnehmer zu gewinnen. Auch erfreulich: Bis Ende September starteten rund 135.000 junge Menschen mit einer Ausbildung im Handwerk; das sind 2,9 Prozent mehr als im Vorjahr. Alles paletti also im deutschen Handwerk?

Handwerk hinkt Gesamtwirtschaft hinterher

Just im Umfeld der Erfolgszahlen hat das Volkswirtschaftliche Institut für Mittelstand und Handwerk an der Universität Göttingen eine bemerkenswerte Studie vorgelegt. Ergebnis der Untersuchung ist, dass das Handwerk in den letzten Jahren in bedeutenden Positionen an gesamtwirtschaftlicher Bedeutung verloren hat. Von 2008 bis 2014 ist die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten zwar um 5,6 Prozent gestiegen, in der Gesamtwirtschaft betrug die Zunahme aber mit 10,9 Prozent fast das Doppelte. Beim Umsatzwachstum ist der Abstand ebenfalls sehr deutlich. 10,2 Prozent waren es im genannten Zeitraum beim Handwerk und 16,3 Prozent in der Gesamtwirtschaft. Rückläufig ist auch der Anteil des Handwerks an allen Auszubildenden. Nur die Zahl der Unternehmen verzeichnete ein Plus von knapp zwei gegenüber 0,3 Prozent in der Gesamtwirtschaft.

Das Betrübliche an dieser Entwicklung ist, dass sie noch schlechter ausfällt, wenn man den Beobachtungszeitraum auf die letzten Jahrzehnte ausdehnt. In realer Betrachtung – nach Abzug der Preissteigerungen – dürften sich die Umsätze des Handwerks noch unter dem Niveau Mitte der 1990er-Jahre bewegen. Es bräuchte viele gute Jahre, damit unser Wirtschaftsbereich diesen Rückstand aufholen kann.

Novellierung der Handwerksordnung: Fehler rückgängig machen

Wesentliche Erklärungen für die abnehmende Bedeutung des Handwerks in langfristiger Sicht lassen sich schnell finden. Dazu zählen insbesondere die deutlich gestiegene Exportorientierung der deutschen Volkswirtschaft, an der das Handwerk kaum teilhaben konnte, sowie die hinter dem Bedarf liegenden öffentlichen – insbesondere kommunalen – Investitionen. Ihren Teil beigetragen haben ferner die rechtlichen Rahmenbedingungen für das Handwerk. Mit der Legaldefinition für Handwerksberufe ist es nicht immer einfach, diesen auch technische Fortentwicklungen zuzuordnen – in Zeiten der Digitalisierung eine wichtige Frage.

Als fatal haben sich die Auswirkungen der Novellierung der Handwerksordnung mit Wirkung ab 2004 erwiesen. Damals wurden 53 Berufe aus der Meistervoraussetzung herausgenommen und in die Anlage der zulassungsfreien Handwerke überführt. Wie von Kennern der Materie prognostiziert, hat dies zu kleineren Unternehmenseinheiten mit weniger Beschäftigten und weniger Auszubildenden geführt. Über 40 Prozent der Handwerksbetriebe werden von Soloselbständigen geführt. Insofern ist es zu begrüßen, dass nun darüber diskutiert wird, wie Fehler der Änderung der Handwerksordnung rückgängig gemacht werden können.

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