Ein Gutachten der Friedrich-Ebert-Stiftung bewertet die Reform der Handwerksordnung von 2004. Arbeitsmarktforscher Andreas Koch über den Nutzen und die Verfehlung der Ziele.
Mareike Knewitz

DHZ: Die Friedrich-Ebert-Stiftung hat ein Gutachten über die ökonomischen Effekte der Liberalisierung des Handwerks von 2004 veröffentlicht. Was sind die Erkenntnisse?
Koch: Die Erwartungen haben sich nur teilweise erfüllt, genauso wie die Befürchtungen. Es ist ein bisschen eine Pattsituation. Viel getan hat sich durch die Reform nicht.
DHZ: Es gibt folglich nicht mehr Beschäftigte im Handwerk?
Koch: Der erhoffte Anstieg der Beschäftigung ist ausgeblieben. Darüber hinaus hat sich bei Investitionen und Innovationen seit 2004 wenig verändert. Sie haben sich weder positiv noch negativ entwickelt. Auch das Lohnniveau hat sich nicht geändert. Allerdings gibt es einen großen Effekt auf die Anzahl der Betriebe.
Mehr Gründungen, wenig Substanz
DHZ: Hat sich die Hoffnung der Politik auf eine wachsende Zahl an Gründungen also erfüllt?
Koch: Das unterscheidet sich nach Handwerkszweigen. Der Rückgang der Betriebszahlen bei Druckern oder Schuhmachern ging nach der Novelle weiter. Generell gab es im zulassungsfreien Handwerk aber einen massiven Anstieg an Betriebszahlen. Das kann man zwar zum Teil der Reform zuschreiben, denn eine Neugründung erfordert seitdem keinen Meisterbrief mehr. Gleichzeitig kamen durch die EU-Erweiterung im Jahr 2004 Osteuropäer nach Deutschland, die hier seitdem auch Unternehmen gründen können.
DHZ: Die Zahl der Neugründungen ist gestiegen, aber wie stabil halten sich diese Unternehmen am Markt?
Koch: Häufig sind die Neugründungen Betriebe von Soloselbständigen. Die Masse an substanzstarken Unternehmen ist ausgeblieben. Demnach gibt es auch keine Schaffung von Wertschöpfung im großen Stil.
Ausbildungszahlen weiter fallend
DHZ: Gibt es noch andere Effekte?
Koch: Seit Anfang des Jahrtausends gehen die Ausbildungszahlen im Handwerk kontinuierlich zurück. Mit der Novelle hat sich dieser Trend kaum verändert – auch nicht zwischen zulassungsfreiem und zulassungspflichtigem Handwerk. Veränderungen gibt es aber bei den Meisterprüfungen. In den zulassungsfreien Berufen legten deutlich weniger Handwerker eine Meisterprüfung ab.
DHZ: Das heißt, die Reform von 2004 hat sich nicht gelohnt?
Koch: Betrachtet man die Hoffnungen, die die Politik gehegt hat, hat sich die Novelle nicht gelohnt. War das Ziel eine Differenzierung zwischen Handwerken mit unterschiedlichem Gefahrenpotenzial, dann war die Reform sinnvoll. Bei einigen Berufen braucht es eine Zugangsbeschränkung. Das gilt unter anderem für die Gesundheitshandwerke. Bei anderen ist es nicht unbedingt nötig. Alles in allem ist durch die Liberalisierung kein großer Schaden entstanden. Der Nutzen ist aber auch überschaubar. Daher hatten die Handwerksorganisationen, die diesen angezweifelt hatten, teilweise Recht.
DHZ: Welche Folgen hätte eine weitere Liberalisierung durch die EU?
Koch: Eine EU-weite Angleichung der Berufszugangsbeschränkungen ist immer mal wieder im Gespräch. Das Vertrauen der Verbraucher in die Handwerksbetriebe würde durch die Abschaffung der Meisterpflicht leiden – genauso wie die Wettbewerbsfähigkeit des noch zulassungsbeschränkten Handwerks. Ich befürchte dann einen Qualitäts- und Ansehensverlust für das Handwerk.
Über Andreas Koch: Der Arbeitsmarktexperte vom Institut für Angwandte Forschung (IAW) in Tübingen beschäftigt sich unter anderem mit Themen wie Strukturwandel, Unternehmensdynamik und berufliche Bildung.