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Offener Brief Notruf der Brauer

Zahlreiche Brauereien und Brauereigasthöfe fürchten um ihre Existenz. In einem offenen Brief machen die Brauer auf ihre dramatische Lage aufmerksam. Sie sehen sich im Vergleich zu anderen Branchen ungleich behandelt.

Die deutschen Brauereien sehen sich in ihrer Existenz bedroht. Hunderte Brauer haben einen offenen Brief unterzeichnet, in dem sie auf die dramatische wirtschaftliche und finanzielle Lage ihrer Branche aufmerksam machen. Darunter sind bekannte Namen, aber auch zahllose Kleinbrauereien - die Aktion wird also von der gesamten deutschen Brauereiwirtschaft mitgetragen. Das Schreiben richtet sich vor allem an Politiker und verdeutlicht, wie brenzlig die Lage der Brauereien ist.

Abhängig von der Gastronomie

Die von mittelständischen Familienbetrieben geprägte Brauwirtschaft leidet unter dem Lockdown der Gastronomie. Vier Monate lang waren alle Gaststätten, Restaurants, Kneipen und Bars bereits im vergangenen Jahr geschlossen. Ein Ende des seit Anfang November 2020 bestehenden erneuten Lockdowns ist nicht in Sicht. Feste, traditionell ein wichtiges Geschäftsfeld der Brauereien, sind seit März 2020 durchgehend verboten. "Mit den Lockdowns und dem dadurch ausgelösten Zusammenbruch des Fassbiermarktes haben die Brauereien von einem Tag auf den anderen einen maßgeblichen Teil ihres wirtschaftlichen Fundamentes verloren", heißt es in dem Schreiben. Ware im Wert von vielen Millionen Euro, deren Haltbarkeitsdatum überschritten wurde, musste bereits vernichtet werden. Je stärker ein Betrieb mit dem Gastronomie- und Veranstaltungsgeschäft verbunden ist, desto gravierender ist der Umsatzeinbruch. Der margenschwache Flaschenbierabsatz im Handel könne die Umsatzverluste im Gastgewerbe und die Einbußen beim Export nicht ausgleichen.

Für die Gastronomie wurden ab November 2020 Hilfsmaßnahmen entwickelt – die 1.500 deutschen Brauereien als indirekt von deren erzwungener Schließung Betroffene gehen jedoch, bis auf wenige Ausnahmen, leer aus. "Wir sprechen dabei weit überwiegend von mittelständischen und handwerklichen Betrieben, die sich oftmals seit Generationen im Familienbesitz befinden, von Brauereien, die Weltkriege, Wirtschafts- und Währungskrisen überdauert haben – und nun völlig unverschuldet vor dem Aus stehen", heißt es in dem offenen Brief.

Vielen Betrieben droht die Insolvenz

Wenn Bund und Länder nicht gezielt, entschieden und schnell mit finanzieller Unterstützung gegensteuerten, drohe vielen Betrieben die Insolvenz, "obwohl sie bislang solide, nachhaltig und verantwortungsbewusst gewirtschaftet haben". Damit stehen auch zahllose Arbeitsplätze auf dem Spiel, ebenso wie ein unwiderbringlicher Teil gesellschaftlichen Lebens und vielfältiger Kultur. Im März 2020 hatte die deutsche Unesco-Kommission das traditionsreiche Brauhandwerk auf die Liste des Immateriellen Kulturerbes gesetzt und damit auch die enorme Vielfalt an Braustätten gewürdigt, "die das Land, seine Kultur und seine Feste prägen“. Diese Vielfalt ist nun bedroht.

Die Brauer unterstützen die jüngsten Forderungen der Wirtschaftsministerkonferenz, indirekt betroffenen Betrieben wirksamer und schneller zu helfen, um die Schließung weiterer Braustätten und den Verlust von Arbeitsplätzen zu verhindern. Die Brauer erheben mehrere Forderungen.

Aufnahme in staatliche Hilfsprogramme gefordert

A usweitung der Fixkostenerstattung auf verderbliche Ware: Der Einzelhandel erhält über die aktuelle Überarbeitung der Überbrückungshilfe III die Möglichkeit, Wertverluste unverkäuflicher Saisonwaren sowie verderblicher Waren bis zu 100 Prozent als erstattungsfähige Fixkosten in Ansatz zu bringen. Die Brauer halten eine vergleichbare Unterstützung für erforderlich. "Die Brauwirtschaft und der Getränkefachgroßhandel waren gezwungen, in großem Umfang Fassbier, das sie in der Gastronomie und bei geplanten Veranstaltungen absetzen, im ersten und zweiten Lockdown von ihren Vertragspartnern zurückzunehmen und zusammen mit dem bereits abgefüllten Lagerbestand zu vernichten."

Brauereigaststätten als Gastronomiebetriebe einstufen: Die November- und Dezemberhilfe als besondere Maßnahme zur Unterstützung von Unternehmen, die direkt, indirekt oder über Dritte von angeordneten Betriebsschließungen betroffen sind, stellt eine Hilfe für besonders betroffene Wirtschaftszweige dar, gerade für die Gastronomie. "Leider wurden die Möglichkeiten der Inanspruchnahme dieser Hilfen für durch Brauereien selbst betriebene Gaststätten (Brauereigasthöfe) bislang nicht wirksam verbessert“, so die Brauer in ihrem offenen Brief. Mischbetriebe, die im Zuge des Lockdowns von teilweisen Schließungen ihres Geschäftsbetriebs betroffen seien, könnten Hilfen nämlich nur beantragen, wenn sie hinsichtlich ihrer Umsätze 2019 insgesamt zu mindestens 80 Prozent als direkt, indirekt oder indirekt über Dritte betroffen gelten. Folglich sind nur wenige Brauereien mit eigenen Brauereigaststätten bezüglich der November- bzw. Dezemberhilfe anspruchsberechtigt. Die Brauer werten das als Ungleichbehandlung gegenüber Bäckereien und Konditoreien mit angeschlossenem Café, aber auch Metzgereien mit angeschlossenem Imbiss, die per se als Gastronomiebetriebe im Sinne von §1 Absatz 1 des Gaststättengesetzes gelten. Die Forderung: "Eigenbetriebene Brauereigaststätten einer Brauerei müssten mit anderen Gastronomiebetrieben gleichbehandelt werden.“

Entlastung bei Steuern und Abgaben

Vermeidung zusätzlicher steuerlicher Belastungen: Neben strukturellen und demografisch bedingten Absatzrückgängen, mit denen die Branche schon seit Jahrzehnten zu kämpfen hat, kommen wegen der Corona-Pandemie verheerende Umsatzverluste hinzu. Eine Branchenumfrage ergab für 2020 ein Umsatz-Minus in der Brauwirtschaft von im Mittel 23 Prozent. Um irreparable Schäden zu vermeiden und Betriebe wie Arbeitsplätze zu erhalten, müssten zusätzliche Belastungen der Brauwirtschaft durch Steuern und Abgaben unterbleiben.

Einfache Umfinanzierung von KfW-Förderkrediten: Die Brauwirtschaft schließt sich der Forderung der Wirtschaftsministerkonferenz an, Möglichkeiten für alle Betriebe zu schaffen, KfW-Schnellkredite unbürokratisch abzulösen. Das KfW-Sonderprogramm hat sich als wichtiges Instrument bewährt, um Unternehmen Liquidität zu verschaffen. Da die Kredite, soweit sie unter dem Beihilferegime „Bundesregelung Kleinbeihilfen 2020“ gewährt werden, aber in voller Höhe Beihilfen darstellen, schränken sie die weiteren Unterstützungsmöglichkeiten stark ein. Die Ablösung der Kredite muss nach Meinung der Brauer flexibler gestaltet werden – außerdem wäre es notwendig, dass nur die Zinsvorteile bei der Kleinbeihilferegelung berücksichtigt werden.

Transparente und verlässliche Öffnungsstrategie: Nach einer Dehoga-Umfrage bangen mehr als 75 Prozent der Gaststätten und Hotels um ihre Existenz, jeder vierte Unternehmer erwägt eine Betriebsaufgabe. Die Brauereien haben die Gastronomie seit Beginn der Krise massiv gestützt, etwa durch Stundung oder Aussetzung von Darlehen und Pachten. Durch die Lockdowns haben sich jedoch seit März 2020 auf Seiten der Brauereien immer höhere Verluste angehäuft, die viele nicht mehr aus ihren Rücklagen decken können. Im offenen Brief heißt es: "Wir appellieren an Bund und Länder, eine verantwortbare, transparente und wissenschaftsbasierte Öffnungsstrategie für die besonders betroffenen Branchen vorzubereiten und umgehend umzusetzen, sobald es die Infektionslage erlaubt.“ Es müssten schnelle Öffnungen dort erfolgen, wo kein hohes Infektionsgeschehen zu befürchten sei und Gastronomie und Hotellerie in Abstimmung mit den Behörden nachweislich wirksame Vorkehrungen zum Schutz vor Neuinfektionen getroffen hätten.

Existenzielle Not abwenden

Abschließend schreiben die Brauer: "Verlieren Sie uns, die Lieferanten, die für das Gastgewerbe produzieren und massiv unter den Folgen der Lockdowns zu leiden haben, nicht aus dem Blick." Von Woche zu Woche würden immer mehr Brauereien, Brauereigaststätten und Fachgroßhändler unverschuldet in existenzielle Not geraten. "Diese Betriebe brauchen dringend Hilfe und – wie die gesamte Branche – eine Zukunftsperspektive." str

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