Überall ist vom Fachkräftemangel die Rede, von unbesetzten Lehrstellen und zu wenigen Bewerbern. Doch hier ist nach Ansicht von Friedrich Hubert Esser, dem Präsidenten des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB), eine genauere Betrachtung nötig. Im Interview zum aktuellen Datenreport des Berufsbildungsberichts 2012 erklärt er, warum nicht die Bewerberzahl allein das Problem ist.
Jana Tashina Wörrle
DHZ: Chancen für die Jugendlichen, Gefahren für die Wirtschaft - kann man die aktuelle Lage auf dem Ausbildungsmarkt so zusammenfassen?
Friedrich Hubert Esser: Natürlich haben sich die Chancen für die Jugendlichen verbessert und für viele Betriebe ist es deutlich schwieriger geworden, leistungsfähigen Nachwuchs zu rekrutieren. Dies sieht man auch daran, dass die Zahl der unbesetzten Ausbildungsplätze im letzten Jahr deutlich gestiegen ist. Allerdings gibt es nach wie vor Jugendliche, die bei der Suche nach einem betrieblichen Ausbildungsplatz erfolglos bleiben. Das heißt: Von einem generellen Bewerbermangel ist noch nicht die Rede.
DHZ: Sie schreiben im Datenreport zum Berufsbildungsbericht, dass es gelungen sei, mehr lernschwache Jugendliche und Altbewerber in eine Ausbildung zu vermitteln. Ist das alleine dem Mangel geschuldet oder welche Gründe hat dieser Fortschritt?
Esser: Insgesamt haben sich die Ausbildungsmarktverhältnisse aus der Sicht der Jugendlichen deutlich verbessert. In Folge davon haben sogenannte "Altbewerber" sowie Jugendliche mit niedrigeren Schulabschlüssen bessere Chancen, ohne große Umwege oder Übergangmaßnahmen einen Ausbildungsplatz zu erhalten. Allein 2011 ist die Zahl der Anfänger und Anfängerinnen im Übergangsbereich im Vergleich zum Vorjahr um acht Prozent zurückgegangen und lag erstmals unter 300.000, wie unser aktueller Datenreport zeigt. Zu berücksichtigen ist jedoch, dass es weiterhin regionale und berufsstrukturelle Ungleichgewichte am Ausbildungsstellenmarkt geben wird.
DHZ: Angebot und Nachfrage passen auf dem Ausbildungsmarkt aktuell also nicht zusammen. Wo muss man ansetzen, um dem Problem zu begegnen?
Esser: Mehr freie Stellen als Bewerber gibt es nur dann, wenn wir nur die Jugendlichen zählen, die zum Ende des Vermittlungsjahres gar kein Angebot erhalten haben, also auch nicht in eine Alternative zur betrieblichen Ausbildung vermittelt worden sind. Betrachtet man alle Jugendlichen, also auch diejenigen, die aus einer Alternative heraus noch eine Lehrstelle suchen, so übersteigt die Zahl der Bewerber immer noch die Zahl der freien Plätze. Wir haben auf dem Ausbildungsstellenmarkt leider beides: Junge Menschen, die eine Lehrstelle suchen, aber nicht einmünden können, und gleichzeitig Betriebe, die ihre Plätze nicht besetzen können. Insofern passen häufig die Vorstellungen der Betriebe und der jungen Menschen tatsächlich nicht zusammen. Wir müssen hier auf der einen Seite Jugendliche mit eher schlechteren schulischen Voraussetzungen fördern, damit sich ihre Chancen auf dem Ausbildungsstellenmarkt verbessern. Auf der anderen Seite müssen wir auch Überzeugungsarbeit bei den Betrieben leisten, dass sie auch schwächeren Kandidaten mehr Chancen eröffnen. In Berufen mit ausgeprägten Nachwuchssorgen müsste auch über geeignete Maßnahmen zur Steigerung der Attraktivität der Ausbildung nachgedacht werden. Hierzu könnten beispielsweise Angebote von Zusatzqualifikationen oder Ausbildungsaufenthalten im Ausland gehören.
DHZ: Im Zusammenhang mit dem "Tag des Ausbildungsplatzes" haben Sie darauf hingewiesen, dass nach einer Betriebsbefragung Ihres Instituts 12 Prozent der Betriebe beabsichtigen, weniger oder gar nicht mehr auszubilden. Wie groß ist die Gefahr hierzu wirklich?
Esser: Es gibt eine wachsende Zahl von Betrieben, die ihre Ausbildungsplätze nicht besetzen können. Die Gefahr, dass solche Betriebe sich endgültig aus der Ausbildung zurückziehen, ist tatsächlich vorhanden. Dies stellt aber für die betroffenen Betriebe und die deutsche Wirtschaft nicht die Lösung des Problems dar. Dem absehbaren Fachkräftemangel kann nur begegnet werden, wenn die Betriebe weiter engagiert ausbilden.
DHZ: Kann der Staat hier entgegenwirken oder wird Ausbildung zukünftig vielleicht gar nicht mehr in den Betrieben stattfinden, sondern nur noch in der Berufsschule?
Esser: Für Handwerksbetriebe wird nach wie vor die eigene Ausbildung der Königsweg zur Fachkräftesicherung sein. Allerdings werden sie künftig mehr in die Bewerbersuche investieren müssen. In diesem Zusammenhang wird das Image der Berufe, aber auch der Betriebe eine größere Rolle spielen. Unterstützung erhalten die Betriebe durch die Initiative "Berufliche Bildung – praktisch unschlagbar" vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und dem Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie, mit der die Bedeutung einer dualen Berufsausbildung für einen erfolgreichen Bildungsweg hervorgehoben wird. Auch die Image-Kampagne des Handwerks trägt dazu bei, die Attraktivität einer dualen Ausbildung im Handwerk zu erhöhen.
DHZ: Wie lautet die Botschaft des aktuellen Berufsbildungsberichts und Ihres Datenreports für die Wirtschaft und konkret für das Handwerk?
Esser: Die Botschaft lautet vor allem: Betriebe, investiert verstärkt in die berufliche Bildung! Erhöht die Anzahl Eurer Ausbildungsbetriebe und stellt sicher, dass die Ausbilderqualifikation auf hohem Niveau gewährleistet bleibt!
DHZ: Auf was können oder müssen sich die Jugendlichen einstellen, die jetzt noch einen Ausbildungsplatz suchen?
Esser: Sie können und sollten vor allen Dingen optimistisch bleiben. Denn ihre Chancen, in den kommenden Monaten bis zum Beginn des neuen Ausbildungsjahres noch einen Ausbildungsplatz zu finden, sind so gut wie seit vielen Jahren nicht mehr. Nach der Ausbildungsmarktstatistik der Bundesagentur für Arbeit standen Ende April den 265.600 Bewerbern, für die zu diesem Zeitpunkt noch die Vermittlungsbemühungen weiterliefen, 233.500 unbesetzte Ausbildungsplätze gegenüber. In vielen Regionen, so zum Beispiel in Ostdeutschland, aber auch in Bayern, Baden-Württemberg, Schleswig-Holstein oder Hamburg, gibt es bereits weniger noch zu vermittelnde Bewerber als noch unbesetzte Plätze, und erfahrungsgemäß nimmt der Wettbewerb unter den Jugendlichen noch ab, weil sich ein Teil der Mitbewerber doch noch dafür entscheidet, zunächst die Schule weiter zu besuchen. Diejenigen, die in schwierigeren Ausbildungsmarktregionen leben, so zum Beispiel in den Großstädten des Ruhrgebiets, sollten ihre Suche nicht nur auf die Heimatstadt begrenzen. Für Jugendliche auf dem Land ist es ziemlich normal, Fahrwege in Kauf zu nehmen, um zur Arbeit zu kommen. Großstadtkinder sollten sich da nicht anders verhalten.
DHZ: Was kommt auf die Jugendlichen und die Betriebe in den kommenden Jahren zu?
Esser: Für die Betriebe wird die demografische Entwicklung zur großen Herausforderung werden, weil sie sich den veränderten Bedingungen auf dem Ausbildungsmarkt stellen müssen. Dies gilt gerade auch für das Handwerk, das den Wettbewerb mit den Ausbildungsbetrieben aus Industrie und Handel nicht scheuen darf und auch nicht zu scheuen braucht. Für die Jugendlichen werden sich die Ausbildungschancen weiter verbessern. Doch das bedeutet nicht, dass sie es sich nun leisten könnten, die Hände in den Schoß zu legen. Denn es wird nicht automatisch für jeden Jugendlichen den passenden und gewünschten Ausbildungsplatz geben. Und gerade weil es in Zukunft auf jeden einzelnen von ihnen ankommt, sind die Jugendlichen aufgefordert, sich dieser Verantwortung auch zu stellen. Wir zählen auf sie, denn nur mit ihrer Lern- und Leistungsbereitschaft wird es uns gelingen, die wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit unseres Landes aufrechterhalten und weiterzuentwickeln – vor dem Hintergrund der technologischen Entwicklung, vor allem auch im Handwerk, eine große Herausforderung!
