Tag des Ausbildungsplatzes Ausbildungsmarketing ist dringend nötig

Über eine Million Handwerksbetriebe gibt es in Deutschland, aber nicht alle sind in der Lage auszubilden. Grund ist der zunehmende Mangel an Bewerbern. Die Auftragsbücher im Handwerk sind zwar gut gefüllt, aber die Nachwuchssorgen bereiten zunehmend Probleme. Beim "Tag des Ausbildungsplatzes" zeigen Handwerksorganisationen, Verbände und Kammern, wie sich der Ausbildungsmarkt wandelt.

Der Arbeit gehen die Menschen aus: Waren es vor ein paar Jahren noch die Ausbildungsstellen, die fehlten, so sind es jetzt die Bewerber. Der Fachkräftemangel wird spürbar. - © digitalstock/Fotolia

Jugendliche, die eine Ausbildung im Handwerk machen wollen, können zwischen 130 verschiedenen Ausbildungsberufen wählen. Mussten sie sich dafür vor einigen Jahren noch in den Bewerbungskampf mit vielen anderen Schulabsolventen begeben, so sieht die Situation nun ganz anders aus. Jetzt werben die Betriebe um die Jugendlichen, denn diese werden zunehmend zur "Mangelware". So sorgt sich auch das Handwerk immer stärker um fehlende Fachkräfte.

Ein Umdenken ist nötig

"Etwa 11.000 Ausbildungsplätze blieben im Jahr 2011 im Handwerk unbesetzt, die Zahl der Ausbildungsverträge ging um 1,5 Prozent zurück“, sagte Otto Kentzler, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), beim Pressegespräch zum heutigen "Tag des Ausbildungsplatzes". Bis zum Stichtag 30. April wurden in diesem Jahr bereits 30.891 neue Ausbildungsverträge abgeschlossen, doch obwohl das 10,4 Prozent mehr sind als zum selben Datum im Vorjahr, werden wohl wieder viele Lehrstellen frei bleiben. Die Betriebe wollen ausbilden und sind gerade in Zeiten des wieder erstarkenden Wirtschaftsbooms auf qualifizierten Nachwuchs angewiesen, doch die Bewerber fehlen – ein Umdenken ist nötig.

Um dieses Umdenken anzuregen, weisen auch die Handwerksorganisationen wie Kammern, Verbände und auch der ZDH zum "Tag des Ausbildungsplatzes" auf die aktuelle Lage hin und rufen in einem gemeinsamem Appell an Betriebe und Jugendliche dazu auf, die vorhandenen Angebote zum Kontaktknüpfen zu nutzen. So sollten Betriebe ihre offenen Stellen unbedingt bei den Lehrstellenbörsen der Handwerkskammern und der Bundesagentur für Arbeit melden.

Aber auch zusätzliche Veröffentlichungen auf der eigenen Homepage, das Präsentieren der eigenen Firma in sozialen Netzwerken und die frühzeitige Zusammenarbeit mit Schulen können Unterstützung bieten, Nachwuchs für den Betrieb zu finden. Genauso sollten sich aber auch Jugendliche weiträumig nach freien Stellen umschauen. Unterstützung bei der Berufswahl finden Sie auch beim "Berufe-Checker" auf handwerk.de. " Selten waren die Chancen auf einen Ausbildungsplatz im Handwerk so groß wie heute!", schreibt dazu der ZDH.

Betriebe wollen Ausbildungsplatzangebote reduzieren

Um dieses Angebot für die Jugendliche so groß zu halten, hat auch das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) einen Aufruf zum heutigen Tag formuliert. Denn die Bildungsexperten befürchten, dass die Zahl der Ausbildungsbetriebe zurückgehen könnte, wenn der Bewerbermangel so gering bleibt. BIBB-Präsident Friedrich Hubert Esser weist in seinem Aufruf auf eine aktuelle Betriebsbefragung hin, die ihm nach eigenen Aussagen Sorgen bereitet. Danach beabsichtigen zwölf Prozent der Unternehmen, die Zahl ihrer derzeitigen Ausbildungsplatzangebote zu reduzieren oder die betriebliche Ausbildung einzustellen. Als Grund nennen die Befragten die Schwierigkeit, geeigneten Nachwuchs zu finden. "Genau dies aber wäre das falsche Signal", betont Esser.

Statt die Ausbildung einzustellen, muss die Wirtschaft nun schauen, ihr Angebot auszuweiten und mehr Jugendliche für die betriebliche Ausbildung zu gewinnen. In den Fokus rücken deshalb einerseits die Jugendlichen mit Migrationshintergrund und andererseits diejenigen, die Abitur machen und eigentliche eine andere berufliche Laufbahn anstreben. "Betriebe, die ihren zukünftigen Fachkräftebedarf sichern wollen, müssen ihre Anstrengungen darauf richten, alle Potenziale für Qualifizierung und Beschäftigung erschließen zu wollen", sagt der BIBB-Präsident.

"Geben Sie verstärkt auch Jugendlichen mit Unterstützungsbedarf eine Chance", heißt es deshalb auch im gemeinsamen Statement der Partner des Ausbildungspakts. Darunter ist auch der ZDH, der seinen offiziellen Aufruf zum "Tag des Ausbildungsplatzes" in diesem Jahr auch ins Türkische , Polnische und Russische übersetzt hat, um mehr Unternehmer und Jugendliche mit Migrationshintergrund zu erreichen.

Auch Bewerber mit schlechten Abschlüssen akzeptierten

Denn die Lage spitzt sich zu. Besonders viele Azubis fehlen einem Bericht des Magazins "Focus" zufolge im Süden. So zählte Baden-Württemberg im April 51.000 gemeldete Bewerber, aber rund 62.000 gemeldete Ausbildungsplätze. In Bayern seien 81.000 Lehrstellen auf 68.000 Bewerber gekommen, hieß es. Auch in Mecklenburg-Vorpommern, Hamburg, Sachsen, Thüringen und Schleswig-Holstein habe es mehr Stellen als Bewerber gegeben. Handwerkspräsident Kentzler ist besorgt über die aktuelle Entwicklung. Viele Betriebe würden aktuell bereits ihre Anforderungen senken und auch Bewerber mit schlechten Abschlüssen akzeptierten, sagte er dem Magazin. "Die können ihre Vier in Mathe durch Einsatz ausgleichen."

Denn Einsatz ist gefragt, damit sich die Lage ändert. Betriebe seien gut beraten, in die berufliche Bildung zu investieren und ein offensives Ausbildungsmarketing zu betreiben, rät das BIBB. Der Trend gehe auch zu mehr höheren und Schul- akademischen Abschlüssen und da müsse die Berufsbildung mithalten. Im Handwerk werden deshalb viele Ausbildungsgänge gezielt modernisiert und an neue Anforderungen angepasst. So gelten in diesem Jahr beispielsweise unter anderem für die Berufe des Schornsteinfegers, für Schilder- und Lichtreklamehersteller und für Verfahrensmechaniker für Kunststoff- und Kautschuktechnik neue Rahmenbedingungen.

Neben den neuen beruflichen Regelungen sind es aber auch die neuen Zielgruppen, die dem Handwerk mehr Lehrlinge bescheren sollen. So geht das Handwerk neben Haupt- und Realschülern auch gezielt auf Abiturienten zu und bietet diesen beispielsweise in Kfz-Berufen attraktive Berufsperspektiven. "Der Kfz-Mechatroniker ist die Nummer 1 unter den Ausbildungsberufen im Kfz-Handwerk", berichtet Wilhelm Hülsdonk, Bundesinnungsmeister des Kfz-Handwerks. Längst habe sich dieser Beruf vom Image des ölverschmierten Arbeitens in der Grube zu einer High-Tech-Ausbildung gewandelt. 20.500 Jugendliche haben im vergangenen Jahr einen Lehrvertrag zum Kfz-Mechatroniker unterschrieben, darunter 1.398 Abiturienten.

Weniger Jugendliche wandern von Ost nach West

Wie ernst die Lage auf dem Ausbildungsmarkt wirklich ist und welche Maßnahmen nun nötig sind, wird auch Thema der Beratungen am Mittwoch im Bundeskabinett sein. Denn dann berät die Politik über den neuen Berufsbildungsbericht. Wie die "Passauer Neue Presse" vorab berichtet, wird die Zahl der Schulabgänger ohne Abitur oder Fachhochschulreife in diesem Jahr bereits um 8.900 oder 1,6 Prozent zurückgehen. Bundesweit werde die Zahl zwischen 2011 und 2025 um rund 102.000 oder 18,6 Prozent sinken. Zwar wird demnach die Zahl der neu abgeschlossenen Verträge insgesamt steigen, doch es werden auch wieder viele Stellen frei bleiben – und das bundesweit.

Zwar gibt es Tendenzen, dass einige Bundesländer stärker vom Nachwuchsmangel betroffen sind, aber dass die Bewerberzahlen überall sinken, zeigt auch die Bundesagentur für Arbeit mit einer Analyse nach der die Abwanderung von Ost nach West deutlich abgeschwächt hat. Die Auspendlerquote sank entsprechend von 7,6 auf 4,2 Prozent. "Der Lehrstellenmarkt dreht sich", sagte der zuständige Vorstand der Bundesagentur für Arbeit, Raimund Becker, der Zeitung "Welt am Sonntag" unter Berufung auf interne Daten. "Früher hatten wir einen Überhang von Jugendlichen, heute gibt es in vielen Regionen ein Überangebot an offenen Stellen." Im dritten Jahr in Folge gebe es auf dem Ausbildungsmarkt mehr unbesetzte Stellen als unversorgte Bewerber, erklärte Becker. jtw/zdh/dapd