Branche -

Friseurpräsident Harald Esser zu Ausbildung und Tarifen "Nicht einfacher, aber interessanter"

Das Friseurhandwerk hatte im vergangenen Jahr nicht immer gute Presse. Der Präsident des Zentralverbands des Friseurhandwerks Harald Esser spricht über Ausbildungsbedingungen, faire Tarif- und Sozialpolitik und darüber, wie sich die Branche entwickelt.

DHZ: Herr Esser, Sie üben seit beinahe fünf Jahrzehnten den Friseurberuf aus. Was hat sich über die Jahre verändert?

Esser: Vieles, angefangen von den Arbeitstechniken über die Wünsche der Kunden – heute trägt man zum Beispiel Farbe, um ausdrucksstärker und abwechslungsreicher zu sein, statt um weiße Haare zu verbergen – bis hin zum Umgang mit den Mitarbeitern und Auszubildenden. Wir haben damals nur mitgeteilt bekommen, was zu tun ist. Heute sind die Auszubildenden viel diskussionsfreudiger, sie fragen viel. Das macht es nicht immer einfacher, aber interessanter.
 
DHZ: Das Friseurhandwerk ist ein wichtiger Ausbildungsberuf in Deutschland. Allerdings löst laut Berufsbildungsbericht fast die Hälfte der Azubis ihre Ausbildungsverträge vorzeitig auf; wegen schlechter Ausbildungsbedingungen, wegen der Vergütung.

Esser: Ich glaube, es ist müßig, darüber zu sprechen. Auch unter Studenten ist die Abbrecherquote hoch. Wir können nicht nachvollziehen, wohin die jungen Leute gehen. Viele bleibem dem Beruf treu und wechseln nur den Betrieb. Fakt ist: Wir sind ein sehr beliebter Ausbildungsberuf und wir haben die Möglichkeit, sehr gut und kompetent auszubilden.

"Wer heute Erfolg haben will, muss sich mit den Azubis auseinandersetzen.“

DHZ: Aber nicht alle tun es. Was kann die Organisation tun, um die Ausbildung zu verbessern?

Esser: Wenn es Auseinandersetzungen zwischen Auszubildendem und Betrieb gibt, können sie sich an den Lehrlingswart der Innung wenden. Außerdem haben wir angestoßen, dass die Ausbildungsordnung aktualisiert wird. Da sind wir ganz aktuell in Gesprächen mit der Gewerkschaft ver.di und dem Bundesinstitut für Berufsbildung. Demnächst wird es außerdem eine Ausbildungs-App geben und wir arbeiten in unserer Kommunikation daran, dass die Leistung der jungen Leute vom Verbraucher besser geschätzt wird.
 
DHZ: Liegt die hohe Abbrecherquote vielleicht auch daran, dass einige den Beruf aus Mangel an Alternativen ergreifen?

Esser: Das mag bei manchen der Fall sein, aber für mich käme so jemand nicht in Frage. In meinem Salon in Köln suchen wir Leute, die den Beruf aus Überzeugung wählen. Um das herauszufinden, machen wir zwei bis drei Gesprächstermine mit den Bewerbern, schließlich sehen wir uns hinterher tagtäglich und müssen uns gut verstehen.
 
DHZ: In den Medien wurde das Friseurhandwerk in letzter Zeit oft angegriffen: Menschen wählten den Friseurberuf aus Leidenschaft, könnten aber nicht davon leben.

Esser: Ja, im Zusammenhang mit der Mindestlohndebatte wurden wir in der Presse ziemlich vorgeführt. Das möchten wir beenden. Auf Länderebene verhandeln wir mit der Gewerkschaft ver.di. Erste Bundesländer haben neue Tarifverträge mit deutlichem Abstand zum Mindestlohn abgeschlossen, so wie er 2019 kommen wird; darunter Bayern, Baden-Württemberg, Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Rheinland-Pfalz, Hessen und Nordrhein-Westfalen.

Stück für Stück Tarifverträge für Friseure

DHZ: Wäre ein flächendeckender Tarifvertrag nicht einfacher gewesen?

Esser: Da sind wir in den Verhandlungen nicht weitergekommen. Der Weg wäre für einige Bundesländer zu weit gewesen.
 
DHZ: Höhere Löhne müssen erwirtschaftet werden. Zuletzt sind die Preise im Friseurhandwerk aber nur um 2,1 Prozent gestiegen. Das ist weniger als die durchschnittliche Gehaltssteigerung in Deutschland. Können Sie die Kunden von höheren Preisen überzeugen?

Esser: Es ist tatsächlich schwierig, die Preisschiene umzuwechseln; beispielsweise auch, wenn eine Auszubildende ausgelernt und aufgrund ihrer Erfahrung in der Bezahlung anders eingestuft wird. Jeder Unternehmer muss selbst kalkulieren und das dann auch den Kunden kommunizieren. Stufenmodelle für Schnitte von Junioren, Erfahrenen oder Meistern bieten sich an. Einen Meister anzustellen lohnt sich für einen Salon allerdings nur, wenn derjenige auch eine Meisterfunktion hat. Wir können nicht nur für einen Titel bezahlen. Manche haben den Meistertitel, aber kaum Berufserfahrung.
 
DHZ: Viele Friseure arbeiten als Solounternehmer. 55.000 umsatzsteuerpflichtigen Betrieben stehen etwa 25.000 Mikrobetriebe gegenüber.

Esser: Das ist eine Wettbewerbsverzerrung. Diese Betriebe bilden nicht aus und haben eine ganz andere Kostenstruktur als Salons mit drei bis acht Mitarbeitern. Viele fallen unter die Kleinunternehmergrenze und müssen keine Mehrwertsteuer abführen. Dabei gibt es Konstruktionen, wo mehrere Friseure sich einen Salon und die Kosten teilen, aber jeder wirtschaftet auf eigene Kasse. Das zu kontrollieren ist sehr schwierig, wie ja auch bei der Schwarzarbeit. Ich bezweifle, dass die Kunden darauf achten, ob von dem Preis, den sie bezahlen, die Mehrwertsteuer abgeht oder nicht.

Gleiche Steuer vom ersten Euro an

DHZ: Was unternimmt der Verband dagegen?

Esser: Wir haben immer wieder ­versucht, für unsere Leistung den niedrigeren Mehrwertsteuersatz von 7 Prozent zu bekommen, aber die Bundesregierung hat das abgelehnt. Am gerechtesten fände ich es, wenn die Steuer für alle Friseure vom ersten Euro an gleich wäre. Letztlich bleibt nur, uns durch Qualität, professionelle Beratung und Ambiente von den Mikrobetrieben abzusetzen.
 
DHZ: Was erwarten Sie sich vom Bachelor-Studium Beauty-Management, das seit diesem Frühjahr angeboten wird?

Esser: Ich finde das hochinteressant, sowohl für junge Leute, die sich später mit einem größeren Salon selbstständig machen wollen, als auch für solche, die in die haarkosmetische Industrie wechseln möchten. Es ist schön, dass wir im Friseurhandwerk damit jetzt auftrumpfen können.
 
DHZ: Braucht man als Friseur also künftig Abitur?

Esser: Nein. Ich habe in meinem Salon schon immer eine gute Mischung aus Abiturienten, Realschülern und Mittelschülern unter den Auszubildenden gehabt. Wir sind ein grenzübergreifender Beruf, sowohl im Hinblick auf die Vorqualifikation als auch auf die Herkunft. Ein Fünftel unserer Azubis hat Migrationshintergrund. Und wir werden auch wieder attraktiver für Männer, zeigen die jüngsten Ausbildungszahlen.
 
DHZ: Wie, glauben Sie, wird sich das Friseurhandwerk weiterentwickeln?

Esser: Ich denke, dass das Wesentliche erhalten bleiben wird: Wir arbeiten mit Menschen, am Menschen. Dieser persönliche Kontakt ist das Wichtigste und daran ändert auch die Digitalisierung nichts.

© deutsche-handwerks-zeitung.de 2018 - Alle Rechte vorbehalten