Kolumne Neulich in der S-Bahn: Telefonat einer Auszubildenden

Während einer Fahrt mit der S-Bahn wurde unser Kolumnist unfreiwilliger Zuhörer eines Telefonats. Zwei Auszubildende tauschten sich dabei offensichtlich über ihre viel zu niedrige Ausbildungsvergütung aus. Wie Ausbildungsberater Peter Braune die geäußerten Erwartungen erlebte.

Junge Frau in S-Bahn: DHZ-Kolumnist Peter Braune erhielt kürzlich unfreiwillig Einblick in die überzogenen Erwartungen zweier Auszubildenden. - © pavlofox - stock.adobe.com

In diesen Tagen fuhr ich seit langer Zeit mal wieder mit der S-Bahn. Wie an so vielen anderen Orten wurde ich ungewollt zum Zuhörer, weil jemand in der nächsten Umgebung rücksichtslos laut sein Kommunikationsmittel benutzte. So durfte ich mir zwangsweise ein längeres Gespräch anhören.

Bei der sichtbaren Gesprächspartnerin und ihrem unsichtbaren Gegenstück handelte es sich ganz offenbar um Lehrlinge. Leicht war heraus zu hören, dass es um die viel zu niedrige Lehrlingsvergütung ging. Bereits während der Ausbildungszeit eigenes Geld zu verdienen und zwar richtig viel, würde für die zwei jungen Menschen offenbar einen besonderen Pluspunkt darstellen. Das bestätigt auch ein Forschungsprojekt des Bundesinstituts für Berufsbildung, zu dem rund 6.000 Auszubildende befragt wurden. Fast drei Viertel waren der Meinung, dass es wichtig oder sehr wichtig wäre, schon in der Ausbildung viel Geld zu verdienen. Die Vergütung hat somit für junge Leute eine große Bedeutung.

In der Vergangenheit waren Vergütungen für die Auszubildenden nicht immer selbstverständlich. In der mittelalterlichen handwerklichen Ausbildung musste sogar Lehrgeld entrichtet werden. Daher der Spruch "Lass dir dein Lehrgeld wiedergeben!". Dieser soll möglicherweise auf eine Stelle im Roman "Satyricon" des römischen Schriftstellers C. Petronius Arbiter (✝ 66 n. Chr.) zurückgehen. Dort heißt es: Iam scies, patrem tuum mercedes perdidisse. Auf Deutsch: "Du wirst schon merken, dass dein Vater das Lehrgeld umsonst ausgegeben hat." 

Mickrige Vergütung und ein Betrieb, der obendrein noch Leistung fordert

Aber zurück zu den beiden Azubis. Ganz aufgeregt wurde darüber diskutiert, was sie sich alles leisten könnten, wäre doch nur die Ausbildungsvergütung höher. Die Wunschlisten waren lang. Sie reichten von der eigenen Wohnung, über ein angemessenes Auto mit dem entsprechenden Zubehör, den Urlaub, die neueste Kleidung bis zur Freizeitgestaltung. Die beiden armen jungen Menschen konnten sich überhaupt nichts leisten. Erschwerend kam hinzu, dass sie für das wenige Geld, das jeden Monat auf dem schon überzogenen Konto landete, auch noch regelmäßig in ihrem Lehrbetrieb erscheinen mussten. Zu allem Übel trafen sie dort auf Menschen, die für die mickrigen Summen obendrein noch Leistung von ihnen forderten. Das Ziel war erreicht und ich musste aussteigen. Zum Glück für die sichtbare der beiden Jugendlichen. Ich hätte ihr sonst einen längeren Vortrag über das Thema überzogene Erwartungen gehalten.

Diesen beiden, aber auch vielen anderen ist nicht klar, dass ein Lehrling im Durchschnitt rund 18.000 Euro im Jahr kostet. Die Personalkosten machen mit 62 Prozent den größten Teil aus. Auf die Personalkosten des Ausbildungspersonals entfallen 23 Prozent, auf die Anlage- und Sachkosten fünf Prozent und auf die sonstigen Kosten zehn Prozent. Indirekt kommen noch Kosten hinzu, die im Zusammenhang mit dem durchaus wichtigen dualen Partner Berufsschule entstehen. Die werden von allen getragen, denn es sind Steuermittel, die hier sinnvoll eingesetzt werden.

Ich hätte die zwei Azubis dann noch ganz zart darauf aufmerksam gemacht, dass es in anderen Ländern nur schulische Angebote gibt, natürlich ganz ohne Lehrlingsvergütung. In manchen Ländern wären die Betroffenen noch glücklich darüber, keine Gebühren für ihre Berufsausbildung zu bezahlen.

Einstellung und Denkweise weit verbreitet

Diese Einstellung und Denkweise von Lehrlingen, die in der Überzeugung gründet, bestimmte, meist überzogene Ansprüche zu haben, ist offenbar weit verbreitet. Die Haltung betrifft nicht nur das Handwerk. Hierzulande finden es ganz viele selbstverständlich, dass die Meisterin, der Meister und die Gesellschaft für die Ausbildung der Lehrlinge zu bezahlen haben. Mit dem Leistungsgedanken können manche nichts anfangen. Man kann sich nur wundern, woher solche Ansprüche kommen. Es ist noch erschreckender, mit welchem Selbstbewusstsein sie herausposaunt werden. Doch wie so oft wird Großzügigkeit gerne missverstanden.

Ihr Ausbildungsberater Peter Braune

Peter Braune hat Farbenlithograph gelernt, war Ausbilder und bestand in dieser Zeit die Ausbildungsmeisterprüfung. Er wechselte als Ausbildungsberater zur Industrie- und Handelskammer Frankfurt am Main. Dort baute er dann den gewerblich-technischen Bereich im Bildungszentrum auf und leitete die Referate gewerblich-technischen Prüfungen sowie Ausbildungsberatung, zu der auch die Geschäftsführung vom Schlichtungsausschuss gehörte. Danach war er Referent für Sonderprojekte.