Wenn mehrere Kinder das elterliche Unternehmen übernehmen sollen, drohen Konflikte. Wie sich diese vermeiden lassen und wann eine Auszahlung die bessere Lösung ist.

Der 10. April 2020 markiert eine Zäsur in der Unternehmensgeschichte der Autohausgruppe Senger: An jenem Tag starb Inhaber und Geschäftsführer Andreas Senger, der das Unternehmen seit 1984 in zweiter Generation geführt hatte, im Alter von 65 Jahren an den Folgen einer Corona-Infektion. Ein Schock – aber in unternehmerischer Hinsicht ging es trotzdem beinahe nahtlos weiter.
Andreas Senger hatte seine Nachfolge akribisch vorbereitet: Stefanie und Jörg Senger, die Kinder des verstorbenen Unternehmers, waren zuvor bereits in strategisch und operativ wichtigen Funktionen der Geschäftsführung tätig und übernahmen nun gemeinsam das Ruder. Das Geschwisterduo harmoniert – und so konnte die Autohausgruppe in den vergangenen Jahren weiter wachsen.
Nachfolge durch mehrere Kinder: Konflikte vorprogrammiert?
Dass eine Unternehmensnachfolge durch Geschwister so reibungslos funktioniert wie bei der Autohausgruppe Senger ist keine Selbstverständlichkeit. Denn Geschwisterbeziehungen bergen Konfliktpotenzial: Neid, Konkurrenz und alte Verletzungen aus der Kindheit können hier hervortreten und in der Kombination mit der unternehmerischen Verantwortung schwere Konflikte nach sich ziehen, die das Unternehmen vor Probleme stellen. Mahnendes Beispiel in dieser Hinsicht ist die Unternehmerfamilie Oetker: Der anhaltende Familienstreit zwischen den acht Kindern des verstorbenen Patriarchen Rudolf-August Oetker, die aus drei Ehen stammen, hat letztlich zu einer Aufspaltung des Bielefelder Konzerns geführt.
Handwerk und Familie gehören in Deutschland fest zusammen: Viele Betriebe werden über Generationen fortgeführt. "Das Handwerk ist seit jeher familienorientiert", betont Anne Dohle, Referatsleiterin soziale Sicherung beim Zentralverband des deutschen Handwerks (ZDH). So seien über drei Viertel aller Betriebe Familienbetriebe, die von einem Ehepaar geleitet werden – "und in denen oft auch die eigenen Kinder ausgebildet und beschäftigt werden", so Dohle. Auch mit dem Ziel, dass sie irgendwann einmal das Ruder übernehmen und die Unternehmensnachfolge antreten.
Unternehmensnachfolge frühzeitig vorbereiten
Die Unternehmensnachfolge müsse frühzeitig und akribisch vorbereitet werden, betont Alexander Schoeppe, Rechtsanwalt und Partner in der Regensburger Wirtschaftskanzlei Schoeppe & Collegen. "Eine fehlende oder verspätete Nachfolgeplanung kann das Unternehmen gefährden und zu irreparablen Schäden führen." Unternehmer sollten deshalb nicht warten, bis es zu spät ist, sondern frühzeitig eine strukturierte Nachfolgeregelung entwickeln. Nur so können sie den Wert ihres Unternehmens sichern, zukünftige Risiken minimieren und einen reibungslosen Übergang gewährleisten. "Die rechtzeitige und fundierte Nachfolgeplanung ist der Schlüssel zu einer erfolgreichen Unternehmensübergabe und langfristigen Werterhaltung", so Schoeppe.
Geschwisterkonstellationen sind dabei nicht nur unternehmerisch, sondern vor allem auch emotional geprägt. "Die Beziehung zwischen Geschwistern kann sehr unterschiedlich sein", erklärt Thomas A. Zenner von der Beratungsfirma Family Office 360grad. "Meinungsverschiedenheiten und Ressentiments können über den Erfolg oder das Scheitern einer Firma entscheiden." Daher sei es für die abgebende Generation umso wichtiger, die Frage der Unternehmensnachfolge so früh wie möglich zu klären, so der langjährige Experte für Familienunternehmen.
Damit Konflikte im besten Fall gar nicht erst entstehen, könne es hilfreich sein, gemeinsam einen Familienkompass – eine handlungsorientierte Strategie für die Zukunft – zu entwickeln, in dem die Rollenverteilung klar geregelt ist. "Das absichtliche Schüren von Konkurrenz zwischen den Geschwistern ist nicht zu empfehlen, da dies nur zu Verunsicherung für die Familie und Firma führt", betont Zenner.
Professionelles Family Governance kann bei der Nachfolge durch Geschwister helfen
Proaktive und offene Kommunikation sowie professionelles Family Governance, also das Stärken des Zusammengehörigkeitsgefühls, seien entscheidende Faktoren. "Denn die Ursprünge von Konflikten zwischen Geschwistern liegen oft in negativen Erlebnissen aus der Kindheit, die erst dann richtig hochkochen, sobald ein Teil der Elterngeneration verstirbt", erklärt Zenner. "Um sicherzugehen, dass Differenzen dieser Art nicht das Unternehmen in Mitleidenschaft ziehen, kann eine neutrale Instanz einbezogen werden, die wie ein Mediator agiert und Konfliktpotenzial frühzeitig erkennt und vermittelt."
Eine Übergangsphase, in der die Stärken und Schwächen der Geschwister analysiert werden, kann beispielsweise zu einer erfolgreichen Lösung beitragen. Denn so wird die Zuordnung für die Übernahme einzelner Aufgaben und Geschäftsbereiche einfacher. "Diese Testphase kann zwar einige Jahre dauern, aber danach herrscht oft Klarheit und Konflikte zwischen den Geschwistern treten nicht mehr auf", erläutert der Experte für Familienunternehmen.
Raum für regelmäßigen Austausch schaffen
So wurde es etwa bei der Schaaf GmbH aus Stuttgart praktiziert, einem mittelständischen Betrieb, der Klempner, Zimmerer und Dachdecker unter einem Dach vereint. Alle Gewerke sind mit Meistern vertreten. Seit 2016 ist auch Tochter Hanna Schaaf im Unternehmen, im Folgejahr kam ihr Bruder David hinzu. Hanna Schaaf ist Raumaustattermeisterin, ihr Bruder David Zimmerer. "Ich interessiere mich außerdem sehr für betriebswirtschaftliche Prozesse und Themen wie Controlling und Personalführung", sagt Hanna Schaaf. So konnten die beiden die Aufgaben anhand ihrer unterschiedlichen Schwerpunkte gut aufteilen. Und auch auf der zwischenmenschlichen Ebene klappt es. "Man muss lernen, Kritik richtig zu äußern und aufzunehmen, ohne das persönlich zu nehmen", so die Unternehmerin. "Der professionelle Umgang miteinander ist wichtig, fernab der familiären Bande." Zu Beginn dieses Jahres übernahmen die beiden nun den Familienbetrieb als Leitungsteam von ihrem Vater.
Um eine harmonische Zusammenarbeit zu fördern, sei es in erster Linie wichtig, Raum für einen regelmäßigen Austausch zu schaffen, sagt Berater Zenner. "Alle Beteiligten müssen sich in ihren Bedürfnissen und Ängsten ernst genommen fühlen." Wurde eine gemeinsame Basis geschaffen, könne darauf aufbauend die Regel- und Zielsetzung diskutiert werden. "Mit dem Familienkompass werden Fragen geklärt wie: Wofür stehen wir als Unternehmen? Was tun wir? Was tun wir nicht?"
Auszahlung von Geschwistern als Alternative
Wenn innerhalb der Familie verschiedene Vorstellungen aufeinanderprallen, gilt es im ersten Schritt zu ermitteln, wie diese entstanden sind. Sind es Erfahrungswerte aus anderen Unternehmen, unterschiedliche Interessen oder Zielsetzungen? Oder beruhen die Vorstellungen gar auf Halbwissen? Je nachdem könnte der Lösungsansatz das Schaffen klarer Verantwortlichkeiten durch das Aufteilen des Unternehmens in verschiedene Sparten oder das Abspalten gewisser Unternehmensteile sein. "Falls Hopfen und Malz verloren sind und es keine Aussicht auf eine produktive Zusammenarbeit gibt, muss auch die Übernahme der Firmenanteile durch Auszahlung der Schwester oder des Bruders in Betracht gezogen werden", sagt Zenner.
Solche Ausgleichszahlungen sind erbrechtlich betrachtet Entgelt für einen Pflichtteilsverzicht oder für einen Verzicht auf den Pflichtteilsergänzungsanspruch. Im Rahmen einer Unternehmensübergabe ist für den Juniorunternehmer ein solcher Pflichtteilsverzicht der weichenden Geschwister existenziell wichtig, damit beim Tod der Eltern keine Ansprüche von den weichenden Geschwistern auf den Juniorunternehmer zukommen können. Hier ist eine professionelle juristische Beratung durch einen Notar oder Rechtsanwalt unerlässlich, um eine Lösung zu finden, die alle Beteiligten unter einen Hut bringt. Denn schließlich sollten alle das gleiche Ziel haben: Die erfolgreiche Fortführung der Firma – mit oder ohne sie in einer aktiven Rolle.