Die Zahlungsmoral im B2B-Geschäft war im zweiten Halbjahr 2022 so schlecht wie seit sieben Jahren nicht mehr. Fast elf Tage dauerte es im Schnitt, bis eine Rechnung beglichen war. Das zeigt eine Studie von Creditreform. Trauriger Spitzenreiter: Das Baugewerbe.

Es ist absolut üblich und passiert im Wirtschaftsleben täglich tausendfach: Eine Ware wird geliefert oder eine Dienstleistung erbracht und in Rechnung gestellt. Doch bis diese beglichen wird, vergehen in der Regel einige Wochen. In der Zwischenzeit gewährt der Lieferant oder Dienstleister seinem Kunden faktisch einen zinslosen Kredit. So gesehen vergeben Unternehmen in Deutschland weitaus mehr kurzfristige Kredite als Banken. 2017 waren es laut einer Auswertung der Deutschen Bundesbank 337 Milliarden Euro. Aktuellere Zahlen gibt es nicht.
Doch auch der inzwischen sechs Jahre alte Wert macht die Bedeutung von Lieferantenkrediten deutlich. Sie sind ein wesentlicher Faktor in der Unternehmensfinanzierung. Denn jeder Tag, den eine Rechnung noch offen ist, schont die Liquidität des Kunden – und belastet die des Lieferanten. Letztere sind also ein einer möglichst kurzen Forderungslaufzeit interessiert.
Zahlungsverhalten Ende 2022 spürbar verschlechtert
Aus dieser Perspektive sind die Ergebnisse der aktuellen Creditreform Studie "Zahlungsindikator Deutschland" alarmierend. Die Analyse von mehr als vier Millionen Rechnungsbelegen zeigt, dass sich das Zahlungsverhalten in Deutschland im zweiten Halbjahr 2022 spürbar verschlechtert hat. Der Zahlungsverzug im B2B-Geschäft ist demnach auf 10,95 Tage (2. Halbjahr 2021: 9,97 Tage) zugenommen. Das ist der höchste Wert seit sieben Jahren.
Kleine und mittlere Unternehmen leiden besonders
Besonders unter der Energiekrise leiden kleine und mittlere Unternehmen, ihr Ausfallrisiko steige deutlich, warnt Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Creditreform Wirtschaftsforschung. Betriebe mit 50 oder weniger Mitarbeitern verursachten mehr als ein Viertel aller überfälligen Forderungen (27,8 Prozent). Gegenüber den ersten sechs Monaten im Jahr 2022 ist dieser Anteil um 1,7 Prozentpunkte gestiegen. Ihr Zahlungsverzug stieg auf 12,53 Tage. Zum Vergleich: Große Unternehmen zahlten ihre Rechnungen im Schnitt mit 9,91 Tagen Verspätung. Auf sie entfallen gut zwei Drittel des Forderungsvolumens, doch "die Fokussierung allein auf Großkunden ist trügerisch", warnt Janine Stappen, Leiterin des Debitorenregister Deutschland bei Creditreform.
Die Problemfälle
Spitzenreiter in Sachen Zahlungsverzug ist das Baugewerbe mit durchschnittlich 14,79 Tagen Zahlungsverzug. Das ist allerdings weniger auf strukturelle Probleme der Betriebe zurückzuführen als auf einen allgemeinen Einbruch der Bautätigkeit. Höhere Zinsen, steigende Kosten, fehlende Materialien haben dazu geführt, dass sowohl Auftragseingänge als auch Umsätze im Bauhauptgewerbe zurückgehen. Im Vergleich zur ersten Jahreshälfte hat sich die Situation allerdings leicht verbessert. Ende Januar 2023 ging der Zahlungsverzug im Baugewerbe weiter auf 14,01 Tage zurück.
Regionale Unterschiede
Regional verzeichnet Creditreform allerdings deutliche Unterschiede. Während Unternehmen in Bayern im Januar 2023 durchschnittlich nur 8,7 Tage über das gesetzte Zahlungsziel hinaus auf ihr Geld warten mussten, werden Rechnungen in Berlin im Schnitt 12,3 Tage überfällig beglichen. Zwischen diesen beiden Extremen bewegt sich die Schwankungsbreite über alle Bundesländer zwischen 9,7 Tagen in Sachsen und 11,4 Tagen Verzug in Sachsen-Anhalt, Hamburg und Schleswig-Holstein. Creditreform/aul