Die Zinsen sind im Keller und Firmen kommen günstig an Kredite. Doch obwohl die Kredithürde für die gewerbliche Wirtschaft in Deutschland kaum jemals so tief lag, nutzen viele Betriebe das nicht. Sie setzen stattdessen auf Finanzierungsalternativen oder lehnen Fremdkapital gleich ganz ab.

Klagten noch vor einiger Zeit viele Unternehmen, dass es schwierig ist, Geld von der Bank zu bekommen, um nötige Investitionen zu tätigen, so hat sich das nun radikal geändert. Derzeit würden die Banken gerne mehr Kredite vergeben, doch die Nachfrage ist schwach. Der Bundesverband deutscher Banken bestätigt, dass das Angebot größer ist als die Nachfrage – und dass, obwohl die Konjunktur brummt und die Zinsen niedrig sind.
Die gewerbliche Wirtschaft beurteilt die momentane Lage auf dem Finanzmarkt selbst so positiv wie seit dem Jahr 2001 nicht mehr, ergab die aktuelle KfW-Unternehmensbefragung. Trotzdem gibt auch die Commerzbank in einer neuen Studie zu, dass Deutschlands Mittelständler bei Krediten zurückhaltend sind. Diejenigen, die beispielsweise Anlagen oder Fabrikhallen finanzierten, wollten das möglichst ohne Hilfe von Banken und Sparkassen tun – zumindest gaben das 66 Prozent der über 4.000 befragten Unternehmen an.
"Krisenbedingtes Rest-Misstrauen"
Als Grund nennt die Commerzbank, dass vor allem die kleineren Firmen seit der Wirtschaftskrise ein Bestreben entwickelt hätten, sich unabhängiger von Fremdkapital zu machen. Der Chefvolkswirt der Bank, Jörg Krämer, nannte das Phänomen ein "krisenbedingtem Rest-Misstrauen".
Der KfW-Umfrage zufolge haben in der letzten Zeit nur 43 Prozent der Firmen, die investiert haben oder das planen, Bankkredite beantragt. Viele Firmen greifen deshalb auch auf Finanzierungsalternativen zurück. Dabei spielt die eigene Kasse bzw. angespartes Eigenkapital eine große Rolle oder Leasingfinanzierungen.
Für Kleinunternehmen können etwa Bürgschaften, Crowdfunding oder der Einstieg mittelständischer Beteiligungsgesellschaften interessant sein. Für Familienunternehmen sei letzteres aber oft nur die letzte Wahl, erklärt Peter Bartels, Leiter des Bereichs Mittelstand bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC. Denn damit sei häufig die Abgabe der Mehrheit am Familienunternehmen verbunden.
Instrumente wie Unternehmensanleihen lohnen sich dagegen vor allem für Großunternehmen und größere Mittelständler. Und auch für Schuldscheindarlehen braucht es eine gewisse Mindestgröße.
Für Start-ups immer noch schwieriger
Trotz des guten Angebots an Krediten haben es Kleinstbetriebe und Existenzgründer heute allerdings immer noch schwerer mit Banken zusammenzuarbeiten. Die Unternehmensberatung EY sieht in der schwierigen Finanzierung gar ein Haupthindernis bei Gründungen in Deutschland. So komme der klassische Bankkredit zumeist nicht infrage, da keine Sicherheiten vorhanden sind – stattdessen finanzieren sich die meisten Start-ups zunächst einmal aus Eigenmitteln.
Insgesamt könnte die Kreditfinanzierung durch die Leitzinssenkung der Europäischen Zentralbank (EZB) sogar noch günstiger werden, schätzt das Institut für Weltwirtschaft (IfW/Kiel). dhz/dpa