Seit 1885 fertigt die Familie Steinbrück in Naumburg Bürsten, Besen und Pinsel. Heute führt Ursula Römer den Familienbetrieb in dritter Generation. 2013 porträtierte die "New York Times" die Bürstenmacherei als außergewöhnliches Fachgeschäft. Ein Blick in einen besonderen Laden, der keinen Nachfolger sucht.

Manchmal ahnt man gar nicht, welche Geschichten sich hinter einer Tür verbergen, wie viele Menschen und Geschehnisse ein Haus schon gesehen hat.
Wenn man die Bürstenmacherei Steinbrück in Naumburg betritt, dann spürt man jedoch sofort, dass diese Wände viel gesehen haben. Der gemütliche Laden mit vielen alten Möbeln, Werkzeugen, Erinnerungen und nicht zuletzt traditionellen Bürstenwaren unterschiedlichster Art nimmt den Besucher sofort mit in eine andere Zeit.
Geführt wird dieses besondere Geschäft von Bürstenmacherin Ursula Römer. Mit 86 Jahren ist sie die älteste Handwerksunternehmerin im Kammergebiet Halle, das den südlichen Teil Sachsen-Anhalts umfasst. Der Familienbetrieb, den sie im Jahr 1998 übernahm, hat eine lange, interessante Geschichte und Ursula Römer weiß viel darüber zu berichten.
Es ist das Jahr 1885, als ihr Großvater Carl Steinbrück ein kleines Ladengeschäft im Steinweg 1 in Naumburg mietet – ein besonderes Jahr für den Bürsten- und Pinselmacher. Er heiratet seine Frau Emma und eröffnet einen eigenen Laden. "Die Eröffnung war am 26. Mai 1885. Das Erste, das mein Großvater verkauft hat, war eine Kleiderbürste", berichtet Enkelin Ursula Römer heute. Sie ist im Besitz zahlreicher Erinnerungen und Aufzeichnungen, die die Geschichte des Ladens dokumentieren.
Umzug und Nachwuchs
Im Jahr 1891 kauft Carl Steinbrück einem Schuhmacher sein Haus im Steinweg 29 ab – dem Ort, an dem die Bürstenmacherei bis heute verwurzelt ist. Das Haus wird damals nicht nur Arbeitsort, sondern auch das Zuhause der Familie. Im Jahr 1898 erblickt Sohn Kurt Steinbrück dort das Licht der Welt. Er wächst mit dem Gewerk des Vaters auf und will in seine Fußstapfen treten. 1913 geht er bei ihm in die Lehre, zwei Jahre später verstirbt der Vater jedoch. Die Mutter übernimmt den Laden, damit Kurt die Lehre beenden kann. In den Krieg muss der junge Handwerker nicht ziehen. "Als einziger Mann im Haus wurde er vom Kriegsdienst zurückgestellt", erzählt Ursula Römer. "Die Bürstenmacherei musste für die Rüstungsindustrie jedoch Kanonenbürsten aus Stahldraht herstellen."

Schwierige Kriegsjahre
1922 besteht Kurt Steinbrück in Halle seine Meisterprüfung erfolgreich als jüngster Meister seiner Zunft. Er führt den Laden im Steinweg und stellt in Handarbeit Bürsten, Besen, Pinsel und viele weitere Produkte her. Im Jahr 1938 heiratet der Naumburger seine Frau Engela, im Jahr 1939 wird Tochter Ursula geboren – ebenfalls im Haus der Familie. Doch der Zweite Weltkrieg verändert alles. Dieses Mal wird Kurt Steinbrück als Sanitäter in die deutsche Wehrmacht eingezogen und zur Ostfront abkommandiert. Später kommt er in Kriegsgefangenschaft. Der Laden muss geschlossen werden, Tochter Ursula wächst ohne Vater auf. Mit 13 habe sie ihn zum ersten Mal gesehen, erinnert sie sich. Doch der Vater überlebt den Krieg, eröffnet seinen Laden am 1. Dezember 1948 wieder. Im Jahr 1957 geht Ursula bei ihrem Vater in die Lehre. Ihren eigentlichen Wunsch, Kindergärtnerin zu werden, verwirft sie. Gemeinsam betreiben Vater und Tochter den Laden über Jahrzehnte, bringen ihn zusammen mit der Mutter auch durch die harte Zeit nach der politischen Wende. Hatten sie zu DDR-Zeiten mit der Materialknappheit zu kämpfen, so sind die Neunzigerjahre geprägt vom Kampf um die Kunden. "Wir haben sehr viele Reparaturen gemacht und sind später auf viele Märkte gefahren, um dort zu verkaufen. Das waren lange, anstrengende Tage", berichtet Ursula Römer, die zu diesem Zeitpunkt selbst schon verheiratet und Mutter einer Tochter ist.
Bürstenmacherin in 3. Generation
Kurt Steinbrück ist zeitlebens Bürstenmacher durch und durch und über lange Zeit das Aushängeschild des Betriebes. Im September 1997 begeht er sein 75. Meisterjubiläum, im Dezember desselben Jahres verstirbt er jedoch und Tochter Ursula übernimmt den Laden. Die Erinnerung an Vater Kurt bleibt aber bis heute wach. In einem Buch, das ein Freund des Vaters geschrieben und mit vielen Fotos ergänzt hat, ist sein Lebensweg festgehalten.
Seit fast 30 Jahren ist Ursula Römer nun das Gesicht der Bürstenmacherei Naumburg. Neben ganz normalen Kundenwünschen erreichen sie auch immer wieder besondere Anfragen. So habe ein Herzog einmal eine Silberbürste reparieren lassen und eine asiatische Kunststudentin sich in das Bürstenmachergewerk einführen lassen. Im Jahr 2013 wird die Bürstenmacherei sogar in der "New York Times" vorgestellt. Der Artikel gehört zu einer Reihe von Beiträgen, in denen außergewöhnliche Fachgeschäfte auf der ganzen Welt porträtiert werden.
Das letzte Kapitel
Es ist ein Leben für das Handwerk und die Familientradition, das Ursula Römer inzwischen über viele Jahrzehnte gelebt hat. Denn reich werden könne man damit nicht – im Gegenteil. Trotzdem hält die Seniorin noch an ihrer Arbeit fest und öffnet den Laden jeden Tag. Sie lebt noch immer in dem Haus, das über mehrere Generationen Dreh- und Angelpunkt des Berufs- und Privatlebens der Familie gewesen ist und dessen Alter Ursula Römer auf 300 bis 400 Jahre schätzt.
Lange wird es das urige Geschäft im Steinweg jedoch nicht mehr geben, denn Ursula Römer bereitet sich gedanklich schon auf die Schließung vor und verkleinert das Sortiment. Mit ihrem Eintritt in den Ruhestand wird die Geschichte der Bürstenmacherei zu Ende geschrieben, denn einen Nachfolger wünscht sich die Bürstenmacherin nicht. Ihrem Beruf sei sie bis heute treu geblieben und sie sei nun im Laden die Letzte der Familie. Für sie stehe fest: "Ich mache hier das Licht aus."