Interview mit Enzo Weber "Minijobs werden noch mehr abnehmen"

Arbeitsmarktexperte Enzo Weber spricht im DHZ-Interview über den Mindestlohn und die Folgen für geringfügig Beschäftigte.

Karin Birk

Enzo Weber ist Arbeitsmarktforscher beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). - © Foto: IAB

DHZ:   Herr Professor Weber, die jüngsten Zahlen der Bundesagentur für Arbeit zeigen, dass die Einführung des gesetzlichen Mindestlohns zu einem deutlichen Rückgang der Minijobs geführt hat. Haben Sie dieses Ausmaß erwartet?

Weber: Wir wussten, dass mehr als die Hälfte aller Minijobber weniger als den gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro verdienten. Von daher war zu erwarten, dass eine Reihe von Minijobs verloren gehen beziehungsweise in Midijobs umgewandelt würde. Der Rückgang um knapp 300.000 Minijobs von Dezember 2014 bis Februar 2015 war für uns deshalb nicht überraschend. Ein Teil des Rückgangs ist nach dem Weihnachtsgeschäft auch saisonüblich.

DHZ:   Gibt es Hinweise darüber, wie viele Minijobs ersatzlos weggefallen sind und wie viele in sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse umgewandelt wurden?

Weber: Das ist bisher schwer zu sagen. Es gibt aber Hinweise dafür, dass nicht alle Minijobs ersatzlos gestrichen wurden, sondern auch in substanziellem Umfang in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung umgewandelt wurden. Im Einzelhandel sehen wir zum Beispiel, dass dem deutlichen Rückgang der Minijobs eine deutliche Zunahme der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung gegenübersteht. Das ist so auffällig, dass ein direkter Zusammenhang angenommen werden kann. Eine ähnliche Entwicklung gibt es in der Gastronomie.

DHZ:   Welche Branchen und welche Regionen sind im Handwerk besonders vom Rückgang der Minijobs betroffen?

Weber: Grundsätzlich ist der Osten vom Rückgang der Minijobs deutlicher betroffen. Das hängt einfach damit zusammen, dass das Lohnniveau im Osten geringer war. Gleichzeitig ist die Kaufkraft nicht so hoch wie im Westen, sodass die höheren Kosten auch nicht so leicht umgewälzt werden können. Was die Branchen betrifft, ist den bisherigen Zahlen zufolge das Lebensmittelhandwerk – und hier insbesondere das Bäckerhandwerk – am meisten betroffen.

DHZ:   Arbeitgeber müssen bei Minijobs Anfang, Ende und Dauer der
Arbeit jetzt genau dokumentieren. Das hat zu massiver Kritik geführt. Können Sie die Aufregung darüber nachvollziehen?
 

Weber: Für meine Begriffe ist es in den meisten Fällen keine wirkliche Beeinträchtigung. Vor allem nicht für Unternehmen, die bereits ein Zeiterfassungssystem haben. Für viele andere ist das Aufschreiben der Stunden auch nicht zu viel verlangt. Ich erkenne aber schon an, dass es Fälle gibt, wo es wirklich Schwierigkeiten verursacht. Da ist auch die Politik gefordert, vernünftige Regelungen zu schaffen. Andererseits ist bekannt, dass es zum Beispiel bei Minijobs Grauzonen gibt, wenn es etwa um das Thema Urlaub geht. Da muss jetzt schwarz auf weiß deutlicher dokumentiert werden.

DHZ: Rechnen Sie in den kommenden Wochen und Monaten mit
einem weiteren Rückgang der 450-Euro-Jobs?
 

Weber: Den Großteil haben wir meines Erachtens schon gesehen. Es kann aber schon noch weitergehen, wobei es auch gegenläufige Tendenzen gibt. Nicht jeder Mitarbeiter, der jetzt über die 450-Euro-Grenze gerutscht und damit sozialversicherungs- und steuerpflichtig geworden ist, wird dies wollen. Gerade für Familien rechnet sich ein Minijob wegen des Ehegattensplittings oft mehr. Unter dem Strich werden die Minijobs aber noch weiter abnehmen.