Psychische Gesundheit und Resilienz "Meist kommt es besser, als man denkt“

Die Zahl der Krankentage wegen psychischer Störungen steigt seit Jahren. Neurologe, Psychotherapeut und Psychiater Volker Busch spricht im Interview darüber, wie Chefs und ihre Teams in herausfordernden Zeiten mental gesund bleiben können.

Prof. Dr. Volker Busch, Facharzt für Neurologie, ­Psychiatrie und Psychotherapie hält ein Gehirmodell in der Hand und schaut es lächelnd an.
"Wir brauchen eine gewisse Leichtigkeit, um in der Welt nicht durchzudrehen", sagt Volker Busch. Der Facharzt und Professor für Neurologie, ­Psychiatrie und Psychotherapie forscht über Geist und Gehirn. - © Thomas Dashuber

Professor Busch, auf der Zukunft Handwerk war ihr Vortrag über mentale Gesundheit gut besucht. Brennt das Thema den Menschen unter den Nägeln?

Volker Busch: Zumindest fühlen sich 35 Prozent der Menschen in Deutschland psychisch nicht ganz gesund. Sie können nicht richtig durchatmen, fühlen sich verunsichert. Viele können abends nicht mehr abschalten, machen sich Gedanken um Personalfragen, Konflikte oder Probleme und können dann auch nicht schlafen.

Sind es also weniger die globalen Krisen, sondern mehr persönliche Fragen, die die Menschen am meisten beschäftigen?

Die Welt ist schon ein bisschen verrückt und die Dinge, die da draußen passieren, reichen häufig in den direkten Alltag der Menschen hinein, beispielsweise durch die Inflation. Auch hohe Mieten und niedrige Renten bereiten vielen Sorgen, oder die Integrationsproblematik.

Das sind Themen, auf die der Einzelne kaum Einfluss hat. Muss man sich also damit abfinden, dass die Belastungen derzeit hoch sind?

Nein. Wir leben in einer Zeit, in der eine Apokalypse nach der anderen an die Wand gemalt wird. Die Deutschen sind europaweit führend darin, negativ über die Zukunft zu denken. Dabei kommt es in 70 bis 75 Prozent aller Fälle besser als befürchtet. Wir überschätzen die Bedeutung einzelner Ereignisse und unterschätzen unsere Fähigkeit, Probleme zu lösen und unsere Zukunft zu gestalten.

Wäre der Stress also geringer bei weniger Nachrichtenkonsum?

Die vielen Informationen tun uns tatsächlich nicht gut. Wir belasten das Gehirn täglich mit 30 bis 40 Gigabyte an Informationen, in jeder freien Sekunde zücken wir das Handy. Das versetzt uns in einen ständigen Alarmzustand und das ist auch der hauptsächliche Stressfaktor heute. Wenn ich Menschen in Krisen begleite und das Negative etwas von ihnen weghalten kann, dann kommt das Gute bei den meisten von selber wieder zum Vorschein. Zuversicht ist in allen als Saat angelegt, sie kann nur nicht wachsen, weil zu viel "Unkraut" sie erstickt.

Sollten Chefs also ein Handyverbot erteilen, zum Schutz der Psyche?

Je älter ich werde, desto mehr bin ich von dem Gedanken überzeugt, dass es sinnvoll sein kann, handyfreie Zonen zu schaffen. Aber es wird sich nicht durchsetzen lassen. Psychologisch effektiver wäre es, das Team zu einem Experiment einzuladen. Man kann vereinbaren, drei Monate im Betrieb auf das Handy zu verzichten und sich dann auszutauschen, wie sich das Ganze ausgewirkt hat. Wenn die Gruppe beispielsweise feststellt, dass sie konzentrierter war und mehr Zeit für Gespräche hatte, vielleicht lässt sich das dann als Unternehmenskultur etablieren.

Cover des Buches "Kopf hoch!"
© Droemer Knaur

Kopf hoch!

In seinem jüngsten Buch zeigt Prof. Dr. Volker Busch, welche Faktoren die Menschen aktuell psychisch belasten. Die Welt spielt aktuell ein wenig verrückt. Viele Menschen reagieren darauf mit depressiven Gedanken und Grübeln, pessimistische Zukunftsprognosen lösen bei ihnen Ängste aus und Lügen wühlen und regen sie auf.

Busch verrät, wie jeder sein mentales Immunsystem schützen und stärken kann. Das Buch vermittelt, wie man sich auch in Zeiten von Ungewissheit wieder sicher fühlen kann, sich vor negativen Nachrichten schützt, kreisende Gedanken unterbricht, zu mehr Leichtigkeit und Lockerheit zurückfindet und Zuversicht für die Zukunft gewinnt. Dazu liefert der Autor neurowissenschaftliche Hintergründe, würzt sie mit humorvollen Geschichten und liefert viele konkrete Tipps und Experimente, die im Alltag mental stark machen und gesund halten.

>> Kopf hoch! Droemer; 20,00 Euro; ISBN: 978-3-426-27916-8

Ihr jüngstes Buch hat den Titel "Kopf hoch". Ist neben weniger Medienkonsum positives Denken der Schlüssel zu mentaler Gesundheit?

Wir brauchen tatsächlich eine gewisse Leichtigkeit, um in der Welt nicht durchzudrehen. Aber mir geht es nicht um Optimismus. Der kann in seiner Extremform passiv machen, weil er unbekümmert macht. Besser ist es, in Möglichkeiten zu denken, das ist Possibilismus. Wenn der Mensch sich auf das konzentriert, was er selber tun kann, auf das Machbare, dann wird die Zukunft ein Raum der Möglichkeiten und ist keine Bedrohung mehr.

Haben Handwerker deswegen im Vergleich zur Gesamtbevölkerung weniger mit psychischen Erkrankungen zu tun, weil sie am Abend das Produkt ihrer Arbeit sehen?

Zumindest machen unter meinen Patienten Handwerker höchstens 20 bis 25 Prozent aus. Wenn Sie selber etwas tun, wenn Sie etwas schaffen und Probleme lösen, dann schüttet das Gehirn das Glückshormon Dopamin aus, und zwar fünfmal stärker, als wenn Sie essen oder Sex haben.

Trotzdem gibt es auch im Handwerk psychische Probleme. Wie sollten Chefs damit umgehen, wenn jemand Zeichen einer psychischen Krise zeigt, vielleicht immer gereizter ist oder plötzlich unzuverlässig wird?

Man sollte sich durchaus trauen, ein Gespräch mit der Person zu führen. Das heißt nicht, dass Unternehmer zum Therapeuten werden. Aber oft sind einfache Blockaden die Ursache, bei denen der Betrieb helfen kann. Stellt sich aber heraus, dass es um tiefer gehende Probleme geht, sollte man empfehlen, professionelle Hilfe zu suchen. Ob derjenige das tut, darauf hat der Betrieb keinen Einfluss.

Das heißt, wenn es ernst wird, ist das Unternehmen ’raus?

Jeder ist für sich selbst verantwortlich. Als Chef muss man es aushalten, wenn jemand eine Lebenskrise durchläuft, ohne sich therapeutische Hilfe zu holen. Aber man kann den Betroffenen fragen, ob er Hilfe braucht. In der Regel sind die Menschen dafür sehr dankbar, weil ihnen selbst die Kraft fehlt, beispielsweise nach einem Therapeuten zu suchen. Eingreifen darf und muss der Chef dann, wenn er befürchtet, der Betroffene könnte sich selbst oder andere gefährden.