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Uhrmachermeister Philipp Nitzsche Mein eigener Podcast: Ein Exot aus dem Handwerk berichtet

Podcasts sind das Medium der Stunde, Vertreter aus dem Handwerk findet man auf Spotify, iTunes und Co. jedoch selten. Einer der wenigen ist der Berliner Uhrmachermeister Philipp Nitzsche. Mit der DHZ sprach er über Aufwand, Ertrag und von Blut verklebte Taschenuhren.

Seine Brötchen verdient sich Philipp Nitzsche als angestellter Uhrmachermeister mit der Reparatur von Luxus-Armbanduhren. Herzensprojekten widmet er sich im Nebengewerbe – und auch in seiner Freizeit lässt ihn das Uhrmacherhandwerk kaum los. Dann spricht er mit Kollegen, Kunden oder allein über Typen von Uhrenträgern, berufliche Mentoren, aber auch über Lifestyle-Themen, die ihn begeistern – und die doch irgendwie mit der Uhrmacherei zusammenhängen. Über Geduld etwa. Dazwischen mischen sich immer wieder Ticken, Surren, Bimmeln und Rattern. Zu hören sind die rund 60-minütigen Gespräche und Selbstgespräche in seinem Podcast, den er passend "Watchmakerslife" getauft hat.

33 Prozent der Deutschen hören Podcasts

Mit seinem Audio-Format ist der Berliner Uhrmacher ein Exot unter den Handwerksmeistern. Denn obwohl laut einer Bitkom-Umfrage jeder dritte Deutsche zumindest gelegentlich Podcasts hört, finden sich unter den rund 14.000 deutschsprachige Podcasts vergleichsweise wenige Vertreter aus dem Handwerk auf Spotify, iTunes und Co. Seinen Podcast bezeichnet Nitzsche deshalb auch als ein "Stück Pionierarbeit".  

Audio-Format "aus Frust" gestartet

Seine erste Folge nahm der 31-Jährige Anfang des Jahres auf. Der Frust über eine Radiosendung, bei der er zu Gast war, sei damals ein Auslöser gewesen. "In dem zweistündigen Talk hat mich der Moderator nur nach teuren Uhren und anderem Reiche-Leute-Kram gefragt", erinnert er sich. Sein Handwerk, so Nitzsche, berge dabei so viel mehr Geschichten, die es verdient hätten, besprochen zu werden. Also produzierte er selbst drauf los. Wenige Monate später steht er bereits bei Folge 16, veröffentlicht wird im Zwei-Wochen-Rhythmus.

Etwa vier Stunden steckt er – verteilt über die Woche – in die Vorbereitung einer durchschnittlichen Folge, hinzu kommen noch Aufnahme und Schnitt. Als "totale Entspannung am Abend", beschreibt er diese Arbeiten. Seine Zuhörerzahlen beziffert er auf mehrere Hundert pro Folge. "Das ist ganz ordentlich, wenn man bedenkt, dass der Podcast noch recht jung ist", sagt er. Das soll aber erst der Anfang sein. Nitzsche arbeitet fleißig daran, seine Zuhörerzahlen weiter auszubauen. "Man muss den Podcast bei jeder Gelegenheit ins Gespräch bringen, auch Radiosender und Zeitungen anschreiben." Handwerker mit Podcast sind selten, das stößt auf Interesse, hat er gelernt. Die meisten Zuhörer könne er jedoch über seine Social-Media-Kanäle gewinnen.

Podcast öffnet dem Uhrmachermeister "so manche Tür"

Einen direkten wirtschaftlichen Nutzen zieht er nach eigenen Angaben nicht aus dem Audio-Angebot. Auf den komme es ihm aber auch gar nicht an. Ihm gehe es um die Freude am Format und die Themen. Die Uhrmacherei und alles, was damit zu tun hat, fasziniert ihn – das ist seinem Podcast anzuhören.

Sein Audio-Format würde ihm aber durchaus so manche Tür öffnen, sagt er. So geschehen etwa bei einem Furnituristen, einem Ersatzteilhändler für Uhren. "Dort gibt es so viel über Geschichte, Reparaturmethoden oder neue Gerätschaften zu erfahren", schwärmt Nitzsche. Bester Stoff für seinen Podcast, dessen Mittelteil er meist mit einem "Blick in die Vergangenheit", einem "Blick ins Netz" und "Branchennews" anreichert. Elemente, die den Podcast auch für seine Uhrmacherkollegen spannend machen.

Immer wieder gelingt es ihm auch, diese aus ihrer Zuhörerrolle zu locken und in seinen Podcast miteinzubeziehen. So widmete er eine seiner jüngsten Folgen etwa der Antik-Uhrenmesse in Furtwangen, die in diesem Jahr aufgrund der Corona-Pandemie ausfallen musste. Im Vorfeld führte er Interviews mit Uhrmachern aus ganz Europa – sprach über Messe-Anekdoten der vergangenen 30 Jahre und brachte die Branche auf diese Weise zumindest in digitaler Form zusammen.

"Ich kann auf diesem Weg Kunden anlocken, die auf derselben Wellenlänge sind wie ich"

Für sein Nebengewerbe, in dem er sich hauptsächlich der Reparatur und Instandsetzung von historischen Wand-/Stand- und Turmuhren sowie eigenen Armbanduhren-Designs widmet, sei der Podcast für Nitzsche ebenfalls ein Gewinn. "Ich kann auf diesem Weg Kunden anlocken, die auf derselben Wellenlänge sind wie ich." Das sichere ihm interessante Projekte und schaffe gute Voraussetzungen für zufriedene Kunden. Ein offenes Ohr hat er bei seiner Arbeit auch immer für die Geschichte hinter dem zu reparierenden Objekt. "Gerade bei historischen Uhren ist es hochinteressant zu erfahren, was diese schon alles erlebt haben." So manch bewegende Geschichte konnte Nitzsche auf diese Weise schon ausgraben.

Bewegende Kundengeschichten: Die von Blut verklebte Taschenuhr

Da war etwa diese Taschenuhr, die ihm ein Kunde eines Tages zur Reparatur in die Werkstatt brachte. Das Uhrwerk sei von einer braunen Masse verklebt gewesen, die er zunächst nicht so recht einordnen habe können. "Ich habe dann irgendwann herausgefunden, dass es Blut war", erinnert sich Nitzsche. Der Kunde erzählte ihm daraufhin, wie es dazu kam. Ein sterbender Kamerad habe ihm damals im Lazarett sein Wort abgenommen, Geld und Briefe an die Familie in der Heimat zu überbringen. Als Dank überließ ihm der Soldat die goldene Taschenuhr. Das Paket fand den Weg zur Witwe und ihren Kindern, die Uhr hält der Mann seither in Ehren. "Solche Fälle begegnen mir tatsächlich öfters bei meiner Arbeit, allein in dieser Folge erzähle ich zehn bis 15 solcher Beispiele", sagt Nitzsche.  

Podcast soll mit Schubladendenken aufräumen

Und so schafft der Uhrmachermeister in seinem Podcast immer wieder Höhepunkte, die den Zuhörer fesseln – ganz gleich, ob Uhrmacher oder Uhrenfreund. Daneben gibt er Einblicke in den "Menschenschlag Uhrmacher" und räumt auf authentische Art und Weise mit Vorurteilen gegenüber dem Handwerk auf. "Handwerker werden oftmals unterschätzt, manchmal auch als blöd dargestellt", bedauert er. Wer ihm und seine Kollegen jedoch zuhört, dem wird klar, dass neben Geschick und Geduld auch eine ordentliche Portion Verstand für die Arbeit als Uhrmacher gefragt ist. Und so ist Nitzsche überzeugt, mit seinem Podcast auch zu mehr gesellschaftlicher Anerkennung beitragen zu können. Es sei ein langsamer Prozess, doch "steter Tropfen höhlt den Stein", sagt er.

Mitstreiter aus dem Handwerk gesucht

Dabei hofft der Uhrmacher auch auf Mitstreiter aus anderen Gewerken. Der Gesellschaft müsse bewusst gemacht werden, wie bedeutsam das Handwerk ist. "Ein Podcast ist hierfür ein hervorragendes Instrument", meint Nitzsche. An Geschichten und möglichen Inhalten dürfte es der Branche nicht mangeln, schätzt er. "Tischler, Restauratoren – da gibt es sicherlich ganz viele Dinge, die man erzählen könnte", sagt er. "Auch als Schornsteinfeger hat man bestimmt jede Menge zu berichten, wenn man sich die Welt von oben anguckt." Wichtig sei es, authentisch zu bleiben und ein Lebensgefühl zu verkörpern – dann könne sich ein Podcast auch unternehmerisch auszahlen. "Der Kunde kauft nicht die Dienstleistung, sondern denjenigen, der die Dienstleistung anbietet", ist Nitzsche überzeugt.

Einblicke in die Werkstatt und das Podcast-Studio von Philipp Nitzsche
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