Kolumne Mein Beinahe-Unfall – und was Betriebe daraus lernen können

Eine Begegnung beim Wocheneinkauf erinnert DHZ-Kolumnistin und Steinmetzmeisterin Kathrin Post-Isenberg daran, wie wichtig es ist, Haltung zu zeigen – im Alltag wie im Personalmarketing. Das war vorgefallen.

Manchmal braucht es Mut, Haltung zu zeigen. Das gilt beim Wocheneinkauf ebenso wie im Werben um Fachkräfte. - © Minerva Studio - stock.adobe.com

Heute habe ich eine Anekdote aus meinem Privatleben für Sie, die ich mit einem Appell an das Handwerk verbinden möchte. Letztens war ich mit meiner Tochter beim Wocheneinkauf. Auf dem Parkplatz fuhr plötzlich ein Auto viel zu schnell auf uns Fußgänger zu. Nur durch mein "Stopp!" blieb es bei einem Schreckmoment – es hätte auch anders ausgehen können. 

Im Supermarkt begegnete ich dem Fahrer wieder: ein junger Mann mit Earpods, begleitet von seiner Mutter, die ihn zum Wagenschieber nutzte. Ich überlegte kurz, ob ich ihn ansprechen sollte. Meine Energie war knapp, die Erkältung noch nicht auskuriert. Doch ich entschied mich, es zu tun. 

Ruhig, aber bestimmt erklärte ich ihm, wie gefährlich sein Verhalten war. Seine erste Reaktion? Eine Ausrede. Doch ich blieb dabei. Die Mutter stimmte mir zu, und er schwieg. 

Warum erzähle ich das? Weil diese Begegnung für mich zeigt, wie wichtig Haltung ist. Wir brauchen mehr gesellschaftliche Verantwortung – und das gilt auch für uns im Handwerk. Wie sagt man so schön im Volksmund? Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen. Richtig, denn auch wenn die Mutter bemüht war, ihren Sohn richtig zu erziehen, sind wir als Gesellschaft damit nicht fein raus. 

Haltung als Wettbewerbsvorteil 

Besonders junge Menschen, die sich für einen Ausbildungsplatz entscheiden, suchen heute mehr als nur einen Job. Studien zeigen: Jugendliche schließen sich eher kleinen Betrieben an, wenn diese Haltung zeigen. Es geht ihnen darum, Teil von etwas zu sein, das ihren Werten entspricht. 

Das ist eine riesige Chance für das Handwerk. Wir sind geprägt von kleinen Strukturen, in denen persönliche Werte sichtbar werden können. Diese Nähe und Authentizität sind große Vorteile – wenn wir sie bewusst einsetzen. 

Kathrin Post-Isenberg
Steinmetzmeisterin und Bildhauerin Kathrin Post-Isenberg führte früher ihren eigenen Betrieb in Siegburg. Heute bringt sie ihre Erfahrung in Handwerksbetriebe ein und hilft ihnen, als attraktive Arbeitgebermarke sichtbar zu werden. - © Markus Zielke

Wie kann das aussehen? 

  1. Leben Sie Ihre Werte sichtbar vor. 
    Junge Menschen orientieren sich an Vorbildern. Wenn Sie Verantwortung übernehmen, für Ihr Team einstehen und klare Werte vertreten, wird das wahrgenommen. Seien Sie ein Betrieb, der Haltung zeigt – ob bei sozialen Projekten, nachhaltigem Arbeiten oder im Umgang miteinander. Und dazu gehört auch, dass es Regeln und No-Gos gibt. 
  2. Sprechen Sie darüber. 
    Haltung bleibt unsichtbar, wenn Sie nicht darüber reden. Nutzen Sie Social Media, Ihre Website oder Gespräche bei Ausbildungsmessen, um zu zeigen, wofür Sie stehen. Erzählen Sie Geschichten, die Ihre Werte transportieren – authentisch und nahbar. Und nein, so etwas sieht nicht jeder ganz automatisch, die meisten Menschen sehen Ihre Haltung nicht, wenn sie nicht immer und immer wieder kommuniziert und gezeigt wird. 
  3. Beziehen Sie junge Menschen ein. 
    Binden Sie Ihre Azubis in Projekte ein, die gesellschaftlichen Mehrwert schaffen. Das kann von Nachhaltigkeitsinitiativen bis hin zu sozialen Engagements reichen. Junge Menschen möchten gestalten und mitwirken – nutzen Sie diesen Wunsch, um gemeinsam Haltung zu zeigen.  

    Warum Haltung zählen muss

    Im Handwerk haben wir die Chance, junge Menschen nicht nur für einen Beruf, sondern auch für eine Einstellung zum Leben zu begeistern. Das Handwerk ist von Natur aus nah am Menschen, an der Gesellschaft und am echten Leben. Wenn wir das mit klaren Werten und Haltung verbinden, schaffen wir nicht nur zukunftsfähige Betriebe, sondern prägen auch die nächste Generation. Wir haben eine große Verantwortung, der wir viel zu selten den Raum geben, die nötig dafür wäre. Zeigen Sie Haltung – für Ihr Team, Ihre Azubis und die Zukunft. 

    Die Kolumne "Aus dem Handwerk, für das Handwerk" von Steinmetzmeisterin Kathrin Post-Isenberg erscheint alle 14 Tage exklusiv in der Deutschen Handwerks Zeitung (DHZ). Abonnieren Sie den kostenlosen DHZ-Newsletter, um keine Ausgabe zu verpassen.