Interview "Man sollte zusätzlich Vermögen aufbauen"

Professor Holger Graf rät, sich im Ruhestand nicht allein auf das eigene Haus zu verlassen. Die DHZ hat ihn nach einer Gesamtstrategie gefragt.

ETF Sparplan
ETF-Sparpläne können beispielsweise ein guter zusätzlicher Baustein zum Vermögensaufbau sein. - © Cagkan - stock.adobe.com

Herr Professor Graf, viele Handwerker setzen bei der Altersvorsorge stark auf Immobilien. Ist das aus Ihrer Sicht sinnvoll?

Holger Graf: Eine selbst genutzte Immobilie kann ein wichtiger Baustein der Altersvorsorge sein. Man spart sich im Alter die Miete und baut Vermögen auf. Das Problem ist aber: Die Immobilie generiert keinen laufenden Cashflow. Gleichzeitig ist viel Kapital gebunden.

Was bedeutet das konkret für den Ruhestand?

Viele Eigenheime sind im Alter eigentlich zu groß. Die Kinder sind aus dem Haus, trotzdem steckt weiterhin viel Vermögen in der Immobilie. Gleichzeitig fehlt oft frei verfügbares Geld. Deshalb sollte man zusätzlich Vermögen aufbauen, auf das man flexibel zugreifen kann.

Wie kann das aussehen?

Neben der Immobilie können beispielsweise ETF-Sparpläne, Versorgungswerke oder andere Formen der Altersvorsorge sinnvoll sein. Wichtig ist vor allem eine Mischung aus langfristigem Vermögensaufbau und ausreichender Flexibilität.

Wie bewerten Sie vermietete Immobilien als Kapitalanlage?

Professor Holger Graf
Holger Graf ist
Professor für Finanzmanagement. - © Graf

Historisch gesehen lagen vermietete Immobilien und breit gestreute ­Aktienanlagen bei der Rendite oft ähnlich. Immobilien haben aber Nachteile: Man braucht viel Kapital, trägt ein Klumpenrisiko und muss sich mit Verwaltung, Mietern und rechtlichen Fragen beschäftigen.

Viele Menschen empfinden Immobilien trotzdem als sicherer als Aktien.

Das liegt oft daran, dass die Wertschwankungen bei Immobilien weniger sichtbar sind. Aktienkurse sieht man täglich im Depot. Bei Immobilien merkt man Schwankungen meist erst beim Verkauf. Tatsächlich können Immobilien durch hohe Einzel­risiken sogar riskanter sein.

Würden Sie Handwerkern deshalb eher zu ETFs raten?

Zumindest sind breit gestreute ETF-Sparpläne einfacher und mit kleinen Beträgen möglich. Man muss sich deutlich weniger mit einzelnen Anlagen beschäftigen. Das macht sie für viele Menschen attraktiv.

Beobachten Sie generell einen Wandel bei der Altersvorsorge?

Ja, eindeutig. Vor allem jüngere Menschen beschäftigen sich heute stärker mit Aktien und ETFs. Dazu haben günstige Neobroker und einfache Sparpläne beigetragen. Gleichzeitig gibt es aber auch die Gefahr, dass Investieren als Spiel verstanden wird und Menschen versuchen, schnell reich zu werden. Für die Alters­vorsorge ist das natürlich problematisch.

Holger Graf ist Professor für Finanzmanagement an der Hochschule für Wirtschaft und ­Umwelt Nürtingen-­Geislingen. Im Zuge seiner Professur beschäftigt er sich insbesondere mit Portfoliostrategien für institutionelle als auch private Anleger.