Die Münchner Manufaktur Posamenten-Müller fertigt und restauriert seit 150 Jahren Schmucktextilien.
Vanessa Duldner

Simone Howe hat den schönsten Beruf der Welt. Diesen Eindruck vermittelt die gelernte Weberin zumindest, wenn sie inmitten der offenen Werkstatt von Posamenten-Müller in der Münchner Sankt-Paul-Straße, direkt an der Theresienwiese, von ihrem selten gewordenen Handwerk schwärmt. Seit 1996 öffnet die Posamentiererin gerne die Tür ihrer Arbeitsstätte und führt Besucher durch das begehbare Schmuckkästchen.
"In Europa existieren neben uns nur noch wenige Betriebe, die das Posamentier-Handwerk ohne nennenswerten maschinellen Einsatz ausüben", erklärt Howe nicht ohne Stolz. Dass sich die althergebrachten Verfahren bis heute bezahlt machen, zeigt die lange Tradition: In diesem Jahr feiert Posamenten-Müller sein 150-jähriges Bestehen.
Doppeltes Jubiläum
Gegründet wurde die Manufaktur demnach bereits 1865, und zwar von Josef Müller, damals noch in der Kaufingerstraße. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahmen die Mannheimer Unternehmer Jost & Schmidt die Firma als Filiale in der Münchner Pettenkoferstraße. 1980 ging Posamenten-Müller schließlich in den Besitz der Familie Buchele über. Auch deren ureigenes Familienunternehmen, Raumgestaltung Buchele, feiert in diesem Jahr mit 120 Jahren runden Geburtstag. Andreas Buchele, der heutige Geschäftsführer, übernahm die Werkstatt 1994 von seinem Vater Anton.
Immer neue farbenfrohe Quasten, bestickte Borten und raffiniert gedrehte Kordel n zaubert Mitarbeiterin Howe hervor und weiß zu jedem Schmucktextil eine Geschichte zu erzählen – ein bisschen wie im Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Unumstrittener Blickfang in der Manufaktur ist der weit über hundert Jahre alte Jacquard-Webstuhl.
Kundenwünsche haben sich gewandelt
Genau wie das Spulrad ist er noch täglich in Betrieb, während flippige Accessoires, wie eine giftgrüne Stofftasche mit aufgenähter rosa Quaste, einen modernen Kontrast dazu bilden: "Die Kundenwünsche haben sich im Laufe der Zeit gewandelt. Kein Auftrag gleicht dem anderen und jedes Stück ist ein Unikat – das gefällt mir an meinem Beruf", sagt Howe.
Während in den 1930er-Jahren, der Blütezeit des Geschäfts, eher feine Borten fürs Sofa nachgefragt wurden, erhält Posamenten-Müller inzwischen sehr individuelle bis skurrile Anfragen wie schmucke Hundebettchen für einen Privatkunden, schwer entflammbare Seile für einen Dynamithersteller oder Seidenschnürchen für einen Juwelier in New York. "Jetzt zur Wiesn-Zeit sind auch Haarschmuck, Ketten oder dekorative Elemente fürs Dirndl sehr gefragt", weiß Simone Howe. Sogar mit Federn und Swarovski-Kristallen hat die Posamentiererin Quasten schon aufgepeppt.
Meiste Umsätze in Schlössern, Museen und Operhäusern
Das Gros des Umsatzes erwirtschaftet das Unternehmen jedoch mit Aufträgen von Schlössern, Museen, Raumausstattern, Inneneinrichtern und Opernhäusern. Auf der Internationalen Handwerksmesse wurde Posamenten-Müller dieses Jahr beispielsweise der Bayerische Staatspreis für die originalgetreue Rekonstruktion von Posamenten für die Wiener Hofburg verliehen.
"Im Moment restaurieren wir Kordeln für die Münchner Frauenkirche", verrät Howe. Die Referenzliste ist aber – weit über die bayerische Hauptstadt hinaus – lang: Auch das Interieur von Schloss Schönbrunn oder das einer Medici-Villa in Florenz werden von Posamenten aus der Münchner Manufaktur geschmückt. Selbst das Sultanat Oman hat beim Traditionsbetrieb Müller Figurenborten und handgefertigte Kordeln für arabische Zeltdekorationen beauftragt.
Das Team von Posamenten-Müller besteht zurzeit aus fünf festen Mitarbeitern: "Wir sind wie eine kleine Familie", erzählt Howe. Eine sehr internationale noch dazu: Die Mitarbeiter kommen aus Vietnam, Eritrea und Jugoslawien. Gemeinsame Projekte stehen auf der Tagesordnung. Man fragt einander um Rat oder hilft aus, "wenn’s mal brennt". Das gilt auch für ehemalige Kollegen, die Hand anlegen, wenn Not am Mann ist. Von einem "aussterbenden Gewerk" sei keineswegs die Rede: "Für nächstes Jahr suchen wir auf jeden Fall wieder einen Lehrling", betont Howe.
Lehrling gesucht
Inzwischen nennt sich die Ausbildung offiziell "Produktionsmechaniker Textit". Während der drei Jahre lernen Azubis die unterschiedlichsten Schmucktextilien herzustellen und zu restaurieren – von Quasten über Fransen, Borten, Kordeln, Schnüren, Seilen, Raffhaltern oder -seilen. Der Schulabschluss spielt für den Beruf nach Ansicht von Howe keine Rolle. "Wenn die Chemie stimmt, kann’s nach zwei Wochen Schnupperpraktikum eigentlich schon losgehen."
Unerlässlich für das Ausüben des Handwerks findet sie allerdings Genauigkeit, Kreativität und die Fähigkeit mit anzupacken. "Geduld kann man lernen", sagt sie. "Eine gewisse Liebe zu den Schmucktextilien muss aber von Anfang an bestehen."
Preisausschreiben: Die DHZ verlost zehn Bildbände zum Firmenjubiläum von Posamenten-Müller und Raumgestaltung Buchele. Senden Sie eine E-Mail an kontakt@deutsche-handwerks-zeitung.de. Unter allen Einsendungen entscheidet das Los. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen