Berufsorientierung Joblinge: So helfen die Lotsen im Berufe-Labyrinth

Nach der Schule wissen viele Jugendliche nicht weiter. Eine Initiative zeigt, wie intensive Berufsorientierung ihnen den Weg ins Arbeitsleben ebnen kann.

Moritz Wolf
Moritz Wolf hatte Mühe bei der ­Berufswahl. Mit Unterstützung der Joblinge hat er den idealen Beruf und den perfekten Betrieb für sich gefunden. - © privat

Als Moritz Wolf im vergangenen Jahr seinen Realschulabschluss machte, ging es ihm wie vielen Altersgenossen. Er wusste nicht, wie es weitergehen sollte. "Mir war klar, dass ich eine Ausbildung machen wollte. Aber ich hatte keine Ahnung, in welchem Beruf", gibt der 18-jährige Münchner zu.

Der Übergang von der Schule ins Berufsleben fällt vielen schwer. 324 Ausbildungsberufe stehen zur Auswahl, nur ein Bruchteil davon ist Jugendlichen bekannt. Die Berufsorientierung an Schulen genügt nicht, um sich in diesem Berufe-Labyrinth zurechtzufinden, so die Studie "Azubi-Recruiting Trends 2023".

Zu wenig Berufsorientierung

Auch Moritz Wolf halfen die Informationen aus der Schulzeit bei der Berufswahl nicht weiter. Also em­­pfahl ihm seine Mutter, es bei den Joblingen zu versuchen. Diese gemeinnützige Aktiengesellschaft bündelt das Engagement von Wirtschaft, Staat und Privatpersonen. Sie hilft jungen Menschen durch ein intensives Mentorenprogramm, ihre Startschwierigkeiten in den Arbeitsmarkt zu überwinden.

Ausbildungsabbrecher und Abiturienten

"Bei uns ist alles dabei, vom Mittelschüler, über den mehrfachen Ausbildungsabbrecher bis zum Abiturienten", erklärt Marco Newald von den Joblingen München. Nicht nur die jungen Erwachsenen meldeten sich bei ihnen, sondern auch Unternehmen, die Auszubildende suchen. In allen Ballungsräumen in Deutschland haben die Joblinge Standorte. Mancherorts, wie in München, arbeiten Jobcenter oder Arbeitsagentur mit der Initiative zusammen.

Pro Jahr starten in München fünf Gruppen und bekommen dann für sechs Wochen eine intensive Berufsorientierung. "Wir fangen mit den Basics an: Wer bin ich, was kann ich, was will ich?", beschreibt Newald. Davon ausgehend untersuchen die jeweils 15 bis 20 Teilnehmer Berufsbilder und grenzen immer mehr ein, was zu ihnen passt. Moritz Wolf lernte verschiedene Firmen kennen, besuchte Betriebe, absolvierte Schnuppertage und kurze Praktika. "Ich habe mich dann immer mehr auf den Anlagenmechaniker fokussiert."

Berufsorientierung beginnt mit Fragen

Spätestens nach sechs Wochen benennen alle Teilnehmer drei Berufe, die sie interessieren und deren Aufgabenfelder zu ihrem Abschluss passen. Dann unterstützen die Mentoren sie bei den Bewerbungen, stellen Unternehmenskontakte her und bereiten auf Vorstellungsgespräche vor. "Wir legen dabei sehr viel Wert auf eigenständiges Arbeiten", betont Newald. "Was sie hier lernen, sollen sie so verinnerlicht haben, dass sie auch selber weitermachen können."

Drei von vier Joblingen finden auf diese Weise eine Ausbildung oder Arbeit im ersten Arbeitsmarkt. Bei Moritz Wolf ging das ganz schnell. Er hatte einen Schnuppertag bei der Firma Schramm, einem Münchner Handwerksbetrieb, der sich mit seinen 74 Mitarbeitern auf die Sanierung von Sanitär-, Heizungs- und Elektroinstallationen spezialisiert hat. Morgens um halb sechs erschien er mit zwei weiteren Joblingen im Betrieb und bekam dort eine kurze Einführung. Dann ging es weiter mit einem Monteur auf die Baustelle. "Und das hat mir gleich super gefallen", erinnert er sich.

Marco Newald freut sich über diesen Volltreffer. "Moritz hat da so einen guten Eindruck gemacht, dass er gleich nach dem Praktikum seinen Ausbildungsplatz angeboten bekommen hat." Seit Januar ist Wolf Auszubildender zum Anlagenmechaniker Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik bei Schramm und es laufe richtig gut. "Das hat von Anfang an gut gepasst, mit der Arbeit und mit der Firma. Es war die absolut richtige Entscheidung."

Jugend braucht mehr Orientierung

Im vergangenen Jahr blieben in Deutschland 69.000 Ausbildungsplätze unbesetzt, davon 20.000 im Handwerk. Gleichzeitig hatten im September über 60.000 junge Leute noch keinen Ausbildungsplatz gefunden, so die Zahlen des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) und des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH).

Je niedriger der Schulabschluss, desto höher die Gefahr, dass Jugendliche keine Ausbildung finden oder eine begonnene Ausbildung vorzeitig abbrechen. Im Handwerk waren das 2021 knapp 34 Prozent. Ausbildungen werden umso häufiger abgebrochen, je weiter der gewählte Ausbildungsberuf vom ursprünglichen Berufswunsch abweicht, zeigt der BIBB Datenreport 2023. Mangelhafte Berufsorientierung schlägt sich also auch hier nieder.

Eine Folge: Die Arbeitslosenquote bei jungen Erwachsenen steigt, zuletzt um rund 20 Prozent. Unter den 15- bis 19-Jährigen waren 2020 106.000 ohne Arbeit, unter den 20- bis 24-Jährigen 200.000, berichtet die Bertelsmann Stiftung im Monitor Ausbildungschancen 2023. Viele junge Menschen, die keinen Ausbildungsplatz finden, nehmen auch an keiner anderen Maßnahme mehr teil. Der Übergangsbereich, jenes Sammelbecken, das mittels Programmen und Maßnahmen Ausbildungschancen Jugendlicher verbessern soll, ist von 2016 bis 2021 immer weiter geschrumpft. 630.000 junge Erwachsene waren 2020 weder in Bildung, Ausbildung noch in Beschäftigung, so der Monitor Ausbildungschancen.