Angestellte im Dienstleistungssektor verdienen in Deutschland zu wenig. Konjunkturforscher kritisieren, dass der hohe Exportüberschuss nur deshalb zustande kommt, weil die Industrie sich auf günstige Vorleistungen der Dienstleister stützen kann. Höhere Löhne könnten zur Krisenbewältigung in der EU beitragen.

Die Unterschiede in Europas Wirtschaft sind groß – die einen exportieren erfolgreich, die anderen können nicht mithalten und geraten in Abhängigkeiten. So ist auch Deutschlands hohe Exportquote in die Kritik geraten – auch, weil sie im Verhältnis zu den Umsätzen im Inland ein Ungleichgewicht aufweist. Während zudem der Import schwächelt, erklimmt der deutsche Export immer neue Überschuss-Rekorde.
Konjunkturforscher gehen nun davon aus, dass Deutschland sich stärker gegen die Krise in Europa einsetzen könnte, wenn es für eine ausgeglichene Leistungsbilanz sorgt. Dafür müssten die Löhne steigen – vor allem im Dienstleistungssektor.
Lohnzuschläge bislang zu gering
Das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) sieht in Lohnsteigerungen von mindestens drei Prozent einen geeigneten Beitrag Deutschlands zur Krisenbewältigung in der EU. Lohnzuschläge von zuletzt im Schnitt 2,8 Prozent hätten zwar geholfen, die Probleme etwas abzumildern. Der Normalisierungsprozess bei den Löhnen in Deutschland sei aber bislang zu schwach, um einen relevanten Beitrag gegen die wirtschaftlichen Ungleichgewichte in der EU zu leisten, sagte IMK-Chef Gustav Adolf Horn am Montag in Berlin.
Deutschland liegt laut der neuen IMK-Studie mit Lohnkosten von 31 Euro pro Arbeitsstunde (2012) an achter Stelle im EU-Vergleich – und damit weiterhin im Mittelfeld. Gegenüber 2011 rutschte die Bundesrepublik um einen Rang nach hinten, tauschte mit Finnland die Position. Höhere Arbeitskosten weisen Länder wie die Niederlande, Frankreich, Belgien und Schweden auf. Schweden hatte im vergangenen Jahr mit 42,20 Euro pro Stunde die höchsten Arbeitskosten in Europa.
Geringfügig niedriger als in Deutschland sind die Arbeitskosten mit 30,20 Euro in Österreich. In den Krisenländern Italien, Irland, Spanien, Griechenland und Portugal reichen sie von 27,40 bis 11,70 Euro pro Stunde. Zu den Arbeitskosten zählen neben dem Bruttolohn die Arbeitgeberanteile an den Sozialbeiträgen, Aufwendungen für Aus- und Weiterbildung sowie als Arbeitskosten geltende Steuern.
Der aktuelle deutsche Rekord-Exportüberschuss zeigt nach Einschätzung von Horn, dass die jüngsten Lohnsteigerungen die Wettbewerbsfähigkeit der hiesigen Industrie nicht beeinträchtigt haben. "Wir kritisieren den Überschuss, nicht den Export." Es sei im deutschen Interesse, die breite internationale Kritik an den hohen Überschüssen in der deutschen Leistungsbilanz ernst zu nehmen.
Entegegen dieser Kritik sehen die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute, dass sich die Entwicklung allerdings 2014 schon wieder umkehren wird. Nach Einschätzung der Forscher steht die deutsche Wirtschaft vor einem Aufschwung, der von der Binnennachfrage getragen wird. Damit unterscheidet sich dieser Aufschwung grundlegend von vorausgehenden, deren Schwung vom Export kam. So soll das Wirtschaftswachstum von 2014 an mit 1,8 Prozent wieder deutlich steigen.
So rechnet auch das Handwerk nach einer Flaute im laufenden Geschäftsjahr mit einem deutlichen Aufschwung im kommenden Jahr. "Wir erwarten 2014 ein Plus von zwei Prozent bei den Umsätzen und einen Beschäftigungsaufbau von 25.000 Mitarbeitern", sagt ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke angesichts einer Umfrage im Handwerk . Gebremst werden könnte die konjunkturelle Erholung im Handwerk allerdings durch eine beschäftigungsfeindliche Politik. Die Maßnahmen, die Union und SPD im Koalitionsvertrag festgehalten haben wie der Mindestlohn und die Beschlüsse zur Rente, sind dem Handwerk ein Dorn im Auge.
Mindestlohn hätte keine Folgen
Mit dem Anziehen der Binnennachfrage könnten auch die Löhne steigen und das sei laut der IMK-Studie vor allem im Dienstleistungssektor nötig. Die deutsche Industrie profitiere derzeit von den niedrigen Löhnen, die im Dienstleistungssektor bezahlt werden. Die Differenz zu den Löhnen in der Industrie wird mit etwa 20 Prozent angegeben. Die preiswerten Vorleistungen dieser Dienstleister würden der deutschen Industrie im europäischen Wettbewerb einen Kostenvorteil zwischen acht und zehn Prozent verschafften. Das entspricht rund drei Euro je Arbeitsstunde.
Auch nach Einführung eines flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohnes von 8,50 Euro verschwindet dieser Kostenvorteil nach Einschätzung der IMK-Forscher nicht. Er schrumpft etwas, betrage aber immer noch sechs bis sieben Prozent gegenüber wichtigen Konkurrenten. Generell gilt laut IMK: Höhere Löhne bei stabiler Beschäftigung schaffen die Voraussetzungen für einen relativ kräftigen privaten Konsum. "Das stützt unsere Wirtschaft."
Im privaten Dienstleistungssektor lagen die deutschen Arbeitskosten 2012 mit 28,40 Euro weiterhin an neunter Stelle nach den Benelux-Ländern, den nordischen EU-Staaten, Frankreich und Österreich. Den höchsten Wert wies auch hier Schweden mit 41,90 Euro aus, der Durchschnitt im Euroraum beträgt 27,70 Euro. 2012 stiegen die Arbeitskosten im deutschen Dienstleistungssektor um 3,1 Prozent. Damit lag der Zuwachs erstmals seit Beginn der Währungsunion über dem Euroraum-Durchschnitt (2,1 Prozent). In der ersten Hälfte 2013 verlangsamte sich der Anstieg in Deutschland auf 2,6 Prozent. dpa/dhz