Orte mit Handwerkstradition Lichtenfels: Wo man einen Korb bekommt

Die Korbmacherstadt Lichtenfels in Oberfranken gilt als Zentrum der Flechtwerkgestalter. Jedes Jahr im September zieht der traditionelle Korbmarkt tausende Besucher an. Dann zeigen kreative Handwerker, was sich mit viel Fingerfertigkeit aus Weidenruten alles formen lässt.

Korbmachermeister Ralf Eggert aus Woserin
Korbmachermeister Ralf Eggert aus Woserin baut in Mecklenburg selbst Weiden an, die er zu nachhaltigen Produkten mit hohem Gebrauchswert verarbeitet. Gern lässt er sich in Lichtenfels bei der Arbeit über die Schulter schauen. - © Frank Türpitz

Bratwurstgeruch liegt in der Luft, eine Blaskapelle spielt, ein Kinderkarussell dreht seine Runden. Das Volksfest im oberfränkischen Lichtenfels präsentiert sich wie jedes andere auch. Der zweite Blick offenbart: Die Gondeln am Karussell sind geflochtene Weidenkörbe. Auffallend viele Besucher tragen Einkaufskörbe, Teppichklopfer oder Weiden-Puppenwagen unter dem Arm. Und an den Verkaufsständen wird eine überwältigende Vielfalt an Flecht- und Korbwaren angeboten.

Lichtenfels genießt den Ruf als deutsche Korbmacherstadt. Am deutlichsten wird das jedes dritte Wochenende im September, wenn der dreitägige Korbmarkt mit dem Flechtkultur-Festival Gäste aus nah und fern anzieht – dieses Jahr schon zum 43. Mal.

"Mit 150.000 Besuchern aus aller Welt ist der Korbmarkt unser touristisches Highlight", verrät Sebastian Müller, Pressesprecher der Stadt Lichtenfels. Beim internationalen Flechtkunst-Handwerkermarkt präsentieren sich 42 Flechtspezialisten aus Deutschland, Europa und Amerika rund um die Pfarrkirche. Dazu kommen noch 18 Korbhändler mit Waren für den praktischen Gebrauch. Handwerksbetriebe, die Berufsfachschule, die Innung und das Korbmuseum informieren über die Flechtkunst. Ausstellungen, Workshops und ein Kurzfilmfestival runden das vielfältige Angebot ab.

Korbmacherhandwerk in Lichtenfels mit langer Tradition

Das 20.000-Einwohner-Städtchen Lichtenfels am Obermain ist das Zentrum des deutschen Korb- und Flecht­handwerks mit Sitz der einzigen staatlichen Berufsfachschule für Flechtwerkgestaltung in ganz Deutschland. Korbmacherei hat in dieser Gegend eine lange Tradition. Der Main sorgte mit seinen Fluss­tälern und Niederungen für beste Be­dingungen für den wichtigsten Rohstoff: Weiden. 1882 gab es hier mehr als 2.800 Korbindustriebetriebe, die zum Teil mehrere hundert Arbeiter beschäftigten. Wäschetruhen, Rattanmöbel, Koffer, Nähkästchen, Spielzeug und vieles mehr fand von hier aus seinen Weg auf den Weltmarkt. Über die Hälfte der Betriebe waren allein im Bezirksamt Lichtenfels angesiedelt, wo die Korbwaren gehandelt wurden. Im Mai 1904 eröffnete in Lichtenfels eine Fachschule für Korbflechterei.

Der Ruf nach Nachhaltigkeit wird lauter

Charlotte Sell aus Marlow in Mecklenburg-Vorpommern hat vor 14 Jahren an der Berufsfachschule gelernt und verkauft ihren Schmuck aus Rinde und ihre Gebrauchsgegenstände auf Märkten wie in Lichtenfels. Seit 2013 arbeitet sie auch in der Schauwerkstatt im Freilichtmuseum Klockenhagen. "Seit Fridays for Future wird der Ruf nach Nachhaltigkeit lauter: statt zur Tüte greift man zum Korb, statt eines Wäschekorbs aus Plastik verwendet man einen aus Weide. Das ist gut für unser Handwerk". Sie erhält auch Aufträge für Sonderanfertigungen und Reparaturen, zum Beispiel für eine maßgefertigte Wäschetruhe oder die Reparatur des Korbgeflechts eines geliebten Erbstücks wie einem Stuhl.

Theresia Asams „Flechtperlen“ vor der Stadtpfarrkirche
Theresia Asams „Flechtperlen“ vor der Stadtpfarrkirche symbolisieren die Verbundenheit von Lichtenfels mit anderen europäischen Flechtzentren. - © Frank Türpitz

Ein paar Stände weiter interessieren sich viele Besucher für die teils großformatigen Körbe und Schalen von Rainer Groth aus dem nahegelegenen Bad Staffelstein. Er ist ein Spätberufener: "Ich habe erst mit 44 Jahren hier die Ausbildung gemacht, aber vorher schon 30 Jahre lang hobbymäßig geflochten." Anders hätte er den Sprung in die Selbstständigkeit auch nicht wagen können, sagt er, denn Finger, Bänder und Sehnen müssen erst an das Flechten gewöhnt werden. "Sonst riskiert man eine Sehnenscheidenentzündung und das Karpaltunnelsyndrom", so Groth. Er spricht auch die Schwierigkeiten an, heute Rohmaterial zu bekommen. Wetterkapriolen machen den heimischen Weiden und den Rattanpalmen in Indonesien zu schaffen. Das Material wird knapper und teurer. Dabei sind in einem ovalen Einkaufskorb rund 190 Meter Weide verarbeitet.

Geflochtene Objektkunst durchzieht ganz Lichtenfels

Vor Irmgard Wissings Stand steht ein bezopftes Weiden-Mädchen mit Gans, ein Verkauft-Schild prangt an der Figur. Wissing ist Quereinsteigerin, war zunächst als Gärtnerin tätig. Die Künstlerin aus Bad Bevensen in der Lüneburger Heide hat eine eigene Technik entwickelt, die ihren floristischen Hintergrund verrät: um ein Gerüst aus Metall wickelt sie Weiden. Ihre Objektkunst kann man in ganz Lichtenfels bewundern: Im Auftrag der Stadt und von Geschäften hat sie seit 2018 über 40 Kinder- und 13 Er­­wachsenenfiguren geschaffen, vielen davon mit Bezug zu einem Märchen. "Weide ist widerspenstig und ge­schmeidig zugleich, das finde ich spannend", schildert Wissing.

Um als Flechtwerkgestalter den Sprung in die Selbstständigkeit zu wagen, ist kein Meisterbrief mehr erforderlich. Die Abschlussprüfung an der Berufsfachschule ist einer Gesellenprüfung gleichgestellt. Elf Schüler haben im Sommer bestanden. "Man sollte eine geschickte Hand, dreidimensionale Vorstellungs­­kraft und Spaß am Kreativen und Handwerklichen für die dreijährige Ausbildung mitbringen", sagt Korbmachermeister Uwe Böker, der an der Berufsfachschule den Fachbereich für Flechtwerkgestaltung leitet. Es fällt kein Schulgeld an und für die Ausbildungszeit kann BAföG beantragt werden.

Flechtwerkgestalter ersetzt das Berufsbild des Korbmachers

Rattanbiegen
Das Holz der Rattanpalme enthält etwas Restsaft, der das Material biegsam macht, sobald es erhitzt wird. Beim Abkühlen erstarrt es in der gewünschten Position. - © Frank Türpitz

Der Schwerpunkt der Ausbildung zum Flechtwerkgestalter, die 2006 den Ausbildungsberuf des Korbmachers ersetzte, liegt auf dem Erlernen verschiedener Flechttechniken zum Herstellen nicht nur von Körben, sondern auch von Möbeln und Kunst­objekten nach Vorgaben und eigenen Entwürfen. Außerdem werden technisches Zeichnen, Gestaltung, Modell­­bau, Fachtheorie, EDV/CAD-Zeichnen sowie Grundlagen der Holz- und Metallverarbeitung vermittelt. Böker: "Wir fangen mit kleineren Arbeiten wie einem runden oder ovalen Korb an, um die Muskulatur und Gelenke an die Arbeit zu gewöhnen. Wenn man zu schnell mit starkem Material arbeitet, riskiert man gesundheitliche Probleme."

Zurzeit gibt es 18 Schüler in den drei Ausbildungsjahren, die meisten davon sind Frauen. Zu den Perspektiven nach der Ausbildung zählt Böker verschiedene Möglichkeiten auf: "Man kann etwa in Werkstätten für Menschen mit Behinderung arbeiten. Auch Stuhlflechter, etwa für Wiener Geflecht, werden gesucht. Oder man kann im künstlerischen Bereich tätig sein, Kurse geben oder aber die Meisterschule besuchen." Er selbst hat etliche Jahre mit blinden und sehbehinderten Menschen gearbeitet. Im industriellen Maßstab wird längst nur noch in Asien gefertigt.

Schätze der Flechtkunst im Deutschen Korbmuseum

In Michelau, wenige Kilometer von Lichtenfels entfernt, zeigt das Deutsche Korbmuseum wahre Schätze der Flechtkunst. Es befindet sich in den ehemaligen Wohn- und Geschäftsräumen eines Korbhändlers. 26 Ausstellungsräume präsentieren rund 2.000 Exponate.

Anschaulich sind die Anfänge des Flechtens vor vielen Jahrtausenden dargestellt: erste Matten, Zäune, Körbe, Reusen für den Fischfang und natürlich Flechtwerkwände, die, mit Lehm beworfen, zu Hütten wurden. Die Objekte reichen vom geräumigen Flechtbett über eine Kinderwagensammlung bis hin zur filigranen Puppenstubenmöblierung. Von April bis Oktober können Besucher jeden Samstagnachmittag Flechtwerkgestaltern bei der Arbeit über die Schulter schauen, die seit 2016 zum Immateriellen Kulturerbe Deutschlands zählt.

In loser Folge porträtiert die Deutsche Handwerks Zeitung besondere Orte mit Handwerkstradition. Bisher erschienen: Uhrmacherstadt Glashütte, Hutmacherort Lindenberg im Allgäu, Geigenbau im Mittenwald, Leitermacherdorf Weißenborn, Bürstenregion Schönheide, Stützengrün und Steinberg, Modeschmuck-Mekka Neugablonz, Genussregion Oberfranken und Bootsbau in Lübeck.