Lehrlinge sind keine Maschinen – ihre Leistungsfähigkeit schwankt im Tagesverlauf. Wann sie besonders aufnahmefähig sind und wie Ausbilder darauf reagieren können, erklärt Ausbildungsberater Peter Braune.

Wie unterschiedlich die tägliche Leistungsfähigkeit von Auszubildenden sein kann, zeigen drei Beispiele aus der Praxis. Sie machen deutlich, wie stark Faktoren wie Tageszeit, Motivation, Gesundheit oder persönliche Gewohnheiten den Lernerfolg beeinflussen.
Tagesform erkennen – Ausbildung besser gestalten
Eine junge Frau ist Frühaufsteherin. Sie lernt Textil- und Modenäherin bei einer Schneidermeisterin. Diese führte mit ihr am Mittwochmorgen um 7:30 Uhr eine Unterweisung durch: Wie Schnittschablonen aufgelegt und markiert werden und worauf beim Fadenlauf, der Strichrichtung und beim mustergerechten Auflegen zu achten ist. Die Unterweisung verlief erfolgreich, da die junge Frau – wie jeden Tag – morgens motiviert und aufnahmefähig war.
Ein anderer Lehrling war längere Zeit im Krankenhaus und anschließend in einer Reha-Klinik. Nun ist er zurück im Ausbildungsbetrieb, gesundheitlich jedoch noch nicht vollständig genesen. Sein Ausbilder achtet darauf, dass sein Zustand berücksichtigt wird und Unterweisungen zu Zeiten stattfinden, die seiner Leistungsfähigkeit entsprechen.
Leistungsfähigkeit im Tagesverlauf
Unter Fachleuten ist umstritten, ob es eine allgemeingültige Tagesleistungskurve gibt, die den Verlauf der menschlichen Arbeitsleistung im Tagesverlauf beschreibt. Die Anwendung solcher Modelle ist problematisch, da Durchschnittswerte und Verallgemeinerungen nicht auf alle zutreffen.
Fest steht: Die Leistungsfähigkeit schwankt im Tagesverlauf. Das hängt unter anderem mit Konzentration und Motivation zusammen. Eine weitgehende Einigkeit besteht darüber, wann günstige Zeiten für Unterweisungen sind. Demnach sind Lehrlinge in der Regel zwischen 10:30 und 11:00 Uhr sowie zwischen 16:30 und 18:00 Uhr besonders leistungsfähig. Ausbilder sollten diese Zeitfenster bei der Planung nutzen – auch wenn individuelle Hochs und Tiefs von Tag zu Tag unterschiedlich sein können.
Was Ausbilderinnen und Ausbilder beachten sollten:
- Wann erreichen die Lehrlinge ihre Leistungshöhepunkte?
- Zu welcher Tageszeit können sie sich gut konzentrieren?
- Gibt es Phasen, in denen sie müde oder unkonzentriert sind?
- Häufen sich Anzeichen wie Gähnen, Hunger oder Unruhe?
Hilfreiche Tipps für Lehrlinge:
Für regelmäßige Bewegung sorgen
- Leichte Mahlzeiten bevorzugen
- Frische Luft fördert die Konzentration
- Tagesabläufe gut strukturieren
- Pausen bewusst zur Erholung nutzen
- Über Probleme offen sprechen
- Einen regelmäßigen Schlafrhythmus einhalten
- Bei Bedarf ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen
Wer die individuellen Leistungskurven seiner Auszubildenden kennt und berücksichtigt, schafft bessere Lernbedingungen – und fördert damit langfristig Motivation, Verständnis und Erfolg.
Peter Braune hat Farbenlithograph gelernt, war Ausbilder und bestand in dieser Zeit die Ausbildungsmeisterprüfung. Er wechselte als Ausbildungsberater zur Industrie- und Handelskammer Frankfurt am Main. Dort baute er dann den gewerblich-technischen Bereich im Bildungszentrum auf und leitete die Referate gewerblich-technischen Prüfungen sowie Ausbildungsberatung, zu der auch die Geschäftsführung vom Schlichtungsausschuss gehörte. Danach war er Referent für Sonderprojekte.