Wenn sich erste Eindrücke, eigene Erfahrungen und Vorbilder prägend auf die spätere Berufswahl auswirken, spricht man von einem kumulativen Lernen. Ausbildungsberater Peter Braune zeigt in seiner Kolumne ein Beispiel, wie kumulatives Lernen in der Praxis aussehen kann.

Das Trendence-Institut befragt jährlich bundesweit über 20.000 Schülerinnen und Schüler nach Berufsplänen, Werten und Karrierevorstellungen. Über sechzig Prozent gaben an, dass ihre Eltern bei der Berufswahl geholfen hatten.
Kumulatives Lernen in der Praxis
Ein gutes Beispiel dafür liefert eine Familie aus der Praxis. Der Vater baute begeistert Schiffmodelle. Dafür hatte er im Keller eine Werkstatt eingerichtet. Zur Ausstattung gehörte eine kleine Drehbank. Seine Tochter war dort häufig zu finden. Sie konnte schon nach kurzer Zeit geschickt mit der Maschine arbeiten. Während ihrer Schulzeit machte sie ein Praktikum in einem Betrieb, wo Präzisionsdrehteile hergestellt werden. Dort verbrachte sie auch den jährlichen Girls’ Day. Noch vor Ende ihrer Schulzeit bewarb sie sich dort und bekam einen Ausbildungsplatz als Zerspanungsmechanikerin.
Nach dem betrieblichen Ausbildungsplan lernte sie im ersten Lehrjahr unter anderem, wie auftragsbezogene und technische Unterlagen unter Zuhilfenahme von Standardsoftware erstellt werden können. Sie konnte Werkstücke aus verschiedenen Werkstoffen mit spanabhebenden Fertigungsverfahren nach technischen Unterlagen fertigen.
Bis zum Ende ihrer Ausbildung konnte sie mit ihren kumulativ erworbenen Kompetenzen unter anderem Dateneingabegeräte und -ausgabegeräte sowie Datenträger handhaben, Programme erstellen, eingeben, testen, ändern und optimieren sowie Daten unter Berücksichtigung betrieblicher Bestimmungen und des Datenschutzes sichern. Sie fertigte nach technischen Unterlagen, mit spanabhebenden Fertigungsverfahren, Werkstücke aus verschiedenen Werkstoffen. Bei ihrer Arbeit erkannte sie Auffälligkeiten und Unregelmäßigkeiten in den IT-Systemen und beseitigte diese.
Kumulatives Lernen: Weg zur bestandenen Abschlussprüfung
Nach ihrer bestandenen Abschlussprüfung stellte sie in diesem Betrieb Bauteile mit CNC gesteuerten Drehmaschinen her. Sie gab Einflussgrößen für die Fertigung ein, rief Programme aus dem Speicher ab oder passte bei Bedarf ein bestehendes Programm für aktuelle Erfordernisse an. Mit ihren bis dahin umfangreich und kumulativ erworbenen Kenntnissen und Fertigkeiten konnte sie auch technische Zeichnungen, Pläne und andere Vorgaben in ein Computerprogramm zur Steuerung von Drehmaschinen umsetzen. Sie rüstete Maschinen und fertigte Werkstücke, vom Rohling bis zum Präzisionsteil.
Für ihre Tätigkeit sind persönliche Kompetenzen wie handwerkliches Geschick, Sorgfalt und eine selbstständige Arbeitsweise erforderlich. Diese Fähigkeiten konnte sie während ihrer Ausbildung gezielt entwickeln und vertiefen.
Vertieftes Verständnis durch kumulatives Lernen
Nach einiger Zeit meldete sie sich für eine Weiterbildungsmaßnahme für CNC-gesteuerte Drehmaschinen an. Sie wurde anerkannte CNC-Fachkraft und besitzt nun umfassende Kompetenzen im betrieblichen Aufgabenbereich der CNC-Technik. Sie bildete nun die Schnittstelle zwischen diesem Aufgabenbereich und der darüberliegenden Führungsebene.
Die kleine Geschichte zeigt, wie kumulatives Lernen sich aufbauend und erweiternd entwickelt. Das führt zu vertieftem Verständnis bekannter Sachverhalte. Lernende erwerben neue Kenntnisse und Fertigkeiten und sammeln Erfahrungen, mit denen vorhandene Kompetenzen erweitert und gefestigt werden. Das Beispiel verdeutlicht das Prinzip des kumulativen Lernens: Jeder neue Lernschritt baut auf dem zuvor Erlernten auf. Indem Lerninhalte über längere Zeiträume miteinander verbunden und an vorhandene Kenntnisse angeknüpft werden, entsteht ein gefestigtes und vertieftes Verständnis.
Ihr Ausbildungsberater Peter Braune
Peter Braune hat Farbenlithograph gelernt, war Ausbilder und bestand in dieser Zeit die Ausbildungsmeisterprüfung. Er wechselte als Ausbildungsberater zur Industrie- und Handelskammer Frankfurt am Main. Dort baute er dann den gewerblich-technischen Bereich im Bildungszentrum auf und leitete die Referate gewerblich-technischen Prüfungen sowie Ausbildungsberatung, zu der auch die Geschäftsführung vom Schlichtungsausschuss gehörte. Danach war er Referent für Sonderprojekte.