Der Internethandel macht kleinen Geschäften zunehmend Konkurrenz. Er hält immer mehr Menschen davon ab, zum Einkaufen in die Innenstädte zu fahren. Doch nicht nur er. Es gibt viele Faktoren, die die Attraktivität der Innenstädte beeinflussen. Die deutschen Innenstädte erreichen einer Umfrage zufolge nur die Note 3+.
Jana Tashina Wörrle

Waren es einst die großen Einkaufzentren am Rande der Städte, die als Bedrohung der kleinen Einzelhändler und Gewerbetreibenden in den Innenstädten galten, so ist es jetzt das Online-Geschäft. Und das ist spürbar: Versperrte Straßen, weil immer mehr Kleintransporter von Post, DHL, UPS oder dpd vor den Häusern in zweiter Reihe stehen und Päckchen und Pakete liefern, kennt jeder.
Allein der Umsatz im Onlinehandel ist in den vergangenen sieben Jahren nach Angaben des Instituts für Handelsforschung (IFH) Köln von rund 15 Milliarden Euro auf fast 43 Milliarden Euro angestiegen. 2020 soll er bei über 100 Milliarden Euro liegen. Der Umsatzanteil des E-Commerce lag 2013 bei 8,4 Prozent, 2020 wird er den Prognosen zufolge auf 23,2 Prozent angewachsen sein. "Heute wird jeder zehnte Euro bereits im Internet verdient", sagt Boris Hedde vom IFH Köln.
Präsenz im Netz ist wichtig
Im Handwerk mag man der Entwicklung nicht in allen Branchen entsetzt entgegensehen, denn das Geschäft der Betriebe besteht nicht zum Großteil im Verkauf von Waren. Eine Präsenz im Netz mit Kontaktdaten und weiteren Informationen zum eigenen Angebot nutzt den kleinen Firmen schneller gefunden zu werden und so Aufträge zu bekommen. Zudem liegen die Onlineverkaufszahlen bei Lebensmitteln noch im kleinen einstelligen Bereich und Bäcker und Metzger müssen hierbei keine Konkurrenz fürchten.
Doch gerade die Firmen, die den direkten Kontakt zu ihren Kunden täglich brauchen und darauf angewiesen sind, dass die Kunden zu ihnen kommen und nicht umgekehrt, brauchen gut besuchte Innenstädte. Und das trifft nicht nur das Lebensmittelhandwerk, sondern all jene, die Dienstleistungen bieten wie Friseure oder Kosmetiker oder die Servicebüros betreiben und dort Aufträge mit Kunden besprechen.
Gesamtnote 3+ für deutsche Innenstädte
Gut besuchte Innenstädte muss man allerdings zunehmend suchen, denn nicht wenig haben die Deutschen an ihnen auszusetzen. In einer bundeweiten Umfrage des IFH Köln in 62 Städten erreichte die Attraktivität der deutschen Innenstädte nur die Gesamtnote 3+. Zwar stiegen die Werte etwas an, umso größer die betreffende Stadt war, doch auch Großstädte wie Hamburg oder Frankfurt erreichen maximal die Note 2,5.
Gefragt wurden Passanten in den Stadtzentren wie sie die Gestaltung und die Atmosphäre der Stadt einschätzen, die Sauberkeit, Sicherheit und die Parksituation, die Vielfalt der Einkaufs- und Freizeitmöglichkeiten, die Gastronomie und den Erlebnischarakter. Dabei zeigte sich, dass Innenstädte bislang noch gar nicht so unterschiedlich genutzt werden wie gedacht.
Jede Altersgruppe war in allen Groß- und Kleinstädten in der City vertreten. Für viele hat die Innenstadt sowohl die Funktion der täglichen Versorgung als auch für die Freizeitgestaltung – allerdings wächst der beigemessene Freizeitwert mit der Stadtgröße an. Umso größer die Stadt ist, umso weniger wichtig ist die Innenstadt für die tägliche Versorgung. Diese wird meist in der nahen Umgebung organisiert oder doch mit dem Auto in einem Einkaufzentrum am Stadtrand.
"Größere Städte sind ein wenig im Vorteil, wenn es um das Freizeitangebot geht, aber dafür nicht bei den Parkmöglichkeiten und der Sauberkeit", erklärt Boris Hedde bei der Präsentation der Studienergebnisse. So gleiche sich das in der Gesamtzahl wieder aus. Aufgefallen ist ihm jedoch, dass das Freizeitangebot – also Kultur- und Sportangebote sowie Veranstaltungen – insgesamt als unzureichend bewertet wurde.
Onlinehandel nicht nur ein Thema auf dem Land
Überrascht hat die Forscher, dass sich das Einkaufsverhalten der Befragten nicht nach Größe der Stadt verändert, in der sie wohnen. Sowohl in den Kleinstädten als auch in den Großstädten gaben rund 20 Prozent an, dass sie seltener in der Innenstadt einkaufen und lieber online shoppen. "Heute gibt es viel mehr Vertriebskanäle als früher. Online gehört dazu und wir müssen das nutzen", fügt Lovro Mandac vom Warenhaus Galeria Kaufhof hinzu und weist darauf hin, dass auch kleine Firmen mittlerweile im Netz präsent sein müssten. Wer beispielsweise die Rücknahme von Waren, die online bestellt wurden, selbst übernimmt, könne so Kunden in das Geschäft vor Ort locken.
Doch eine "Bedrohung" für die Händler und Gewerbetreibenden in den Innenstädten ist nicht nur die Online-Konkurrenz. Auch der demographische Wandel stellt eine Herausforderung dar, um die sich Stadtplaner und Kommunen kümmern müssen. Wenn Einkaufs- und Versorgungsmöglichkeiten aus den Innenstädten verschwinden, wird es für ältere Menschen immer schlechter möglich, sich selbst zu versorgen. Außerdem müssen Innenstädte barrierefrei sein. "Bislang ist die Online-Konkurrenz die größte Herausforderung für die Innenstädte, aber langfristig wird es der demographische Wandel sein", sagt Boris Hedde.
Mehr Kooperation von Städten und Unternehmen
Als Lösungen schlugen die Beteiligten der Studie unter anderem vor, dass Städte und Kommunen besser mit den regionalen Unternehmen zusammenarbeiten sollten. Gemeinsame Online-Plattformen, die zeigen, wo man in der Innenstadt was finden kann und die auch Kleinstunternehmen eine bessere Sichtbarkeit im Netz bieten sind Lösungen, die schon in einzelnen Städten Erfolge zeigen; genauso wie gemeinsame Veranstaltungen, die die Bürger in die Stadtzentren locken.
Wichtig seien aber auch bezahlbare Immobilienpreise und Vermieter, die nicht nur großen Banken, sondern auch kleinen Händlern und Dienstleistern Räume anbieten. Aus Sicht der Unternehmer kommt als Problem hinzu, dass in Deutschland recht strikte Gesetze bei den Ladenöffnungszeiten gelten.
Lovro Mandac sieht den Sonntag als verlorenen Tag für den Handel an, den vor allem viele Familien gerne zum gemeinsamen Einkaufen in der Innenstadt nutzen würden. Online-Shopping sei schließlich auch rund um die Uhr möglich. Zudem würden viele große Shoppingcenter jenseits der deutschen Grenzen, wie etwa in den Niederlanden, zur Konkurrenz an den Wochenenden. "Die haben rund um die Uhr geöffnet", sagt der Kaufhaus-Vertreter.
Die Studie
Das IFH Köln hat im vergangenen Jahr gemeinsam mit den Kooperationspartnern bcsd, HDE, Galeria Kaufhof und zwölf IHKs insgesamt 33.00 Passanten in bundeweit 62 Innenstädten aller Ortsgrößen und Regionen befragt. Unter anderem ging es dabei um das Einkaufsverhalten der Befragten und die Attraktivität der Innenstädte, die durch verschiedene Faktoren beeinflusst wird wie unter anderem Erreichbarkeit, Vielfalt und Angebot der Geschäfte, Freizeitangebot, Sauberkeit und Parkmöglichkeiten. Mehr zur Studie, erfahren Sie hier.


