Als erstes Metallblasinstrument der Welt kommt die Trompete "la rossa" komplett ohne Schwermetalle aus. Entwickler Max Hertlein setzt damit ein Zeichen für die Zukunft seiner Branche.

Diese Trompete ist anders. Das rote Metall erinnert an die wallende Haarpracht der italienischen Sängerin Milva. "la rossa" hat Max Hertlein seine Erfindung deshalb genannt. Aber nicht die Farbe steht für das Einzigartige dieses Instruments. Die kürzlich mit dem Sächsischen Staatspreis für Design ausgezeichnete Trompete enthält weder Nickel noch Blei.
Die beiden Schwermetalle spielen eine Schlüsselrolle beim Bau von Metallblasinstrumenten. Sie sorgen als Bestandteile von Neusilber oder Messing dafür, dass sich die Metalle gut bearbeiten lassen. Später beim Musizieren verhindern sie Korrosion durch Handschweiß oder Speichelsäure. Andererseits können Nickel und Blei Allergien auslösen.
Daher sollen sie europaweit überall dort verboten werden, wo Menschen mit ihnen in Berührung kommen. Noch gelten im Regelwerk der EU-Chemikalienverordnung Reach Ausnahmen für die Musikinstrumentenbauer. Aber in der Branche herrscht Verunsicherung bis hin zur Existenzangst.
Trompete besteht hauptsächlich aus Kupfer
"Als ich 2017 die Meisterschule besuchte, tauchte das Problem erstmals auf. Da macht man sich schon Sorgen um die Zukunft", sagt Max Hertlein, der einmal den Traditionsbetrieb Werner Chr. Schmidt in Markneukirchen übernehmen möchte. Abwarten war für den inzwischen 30-jährigen Metallblasinstrumentenmachermeister keine Option. Hertlein suchte nach einem Weg, komplett auf Nickel und Blei zu verzichten.
Inzwischen liegen fünf Jahre Entwicklungsarbeit hinter ihm. Dabei war eine ganze Reihe von Problemen zu lösen. Als Ersatzmaterial für die üblichen Legierungen wählte Hertlein neben einer speziellen Bronze hauptsächlich Kupfer. "Es hat im Messing und im Neusilber mit bis zu 85 Prozent ohnehin den höchsten Anteil", begründet er seine Entscheidung. Allerdings lässt sich reines Kupfer nur extrem schwer bearbeiten, weil es sehr weich und ein guter Wärmeleiter ist.
"Ein gutes Instrument muss schwingen und klingen", zitiert der Meister eine Weisheit seiner Branche. Im Falle eines Metallblasinstruments bedeutet das: Das Material muss dünn und hart sein. Mit seinem handwerklichen Know-how hat es Hertlein geschafft, das Kupfer so zu verdichten, dass es diese Eigenschaften auch bei den 0,4 mm dünnen Blechen für das Schallstück und den 0,5 mm dünnen Rohren, Bögen und Ringen erreicht. Damit das Kupfer beim Bearbeiten auf der Drehbank nicht schmiert, musste die Drehzahl um rund ein Drittel reduziert werden. Zudem brachen die Späne nicht ab, wofür normalerweise der geringe Bleianteil im Messing oder Neusilber sorgt.
Gesamter Arbeitsprozess neu gedacht
Äußerst kompliziert gestaltete sich das Löten. Durch den Verzicht von Blei fließt das Lot erst bei sehr hohen Temperaturen, die das Kupfer schnell zu den vorherigen Lötstellen leitet, was diese wieder löste. "Wir mussten den gesamten Arbeitsprozess neu denken und die Reihenfolge der Lötvorgänge komplett verändern", sagt Hertlein, der dabei von seinem Großvater und Firmeninhaber Bernhard Schmidt unterstützt wurde. Auch die Nachbearbeitung der Lötnaht trieb den Tüftlern den Schweiß auf die Stirn. Da das bleifreie Lot viel härter ist, muss es kraft- und zeitraubend mit größter Vorsicht von Hand abgeschliffen werden, damit das Kupfer keine Kratzer bekommt.
Entwicklungsarbeit nach Feierabend
In einem kleinen Handwerksbetrieb mit drei Mitarbeitern wie bei Werner Chr. Schmidt läuft solche Entwicklungsarbeit hauptsächlich nach Feierabend ab. Dabei tauchten immer wieder neue Probleme auf. Aber schlussendlich hat sich der Aufwand gelohnt. Bei einer Prüfung des Reinheitsgrades per Spektralanalyse an der TU Dresden wurde der Trompete bescheinigt, dass sie keinerlei Spuren von Blei oder Nickel enthält.
Musiker bewerteten Intonation und Ansprache des Instruments im Durchschnitt sogar um zehn Prozent besser als bei einer konventionellen Trompete. Akustische Tests im Institut für Musikinstrumentenbau in Zwota bestätigten die hohe Klangqualität der roten Trompete, die zudem etwa 70 Gramm leichter ist. Doch die aufwendige Herstellung hat ihren Preis. Laut Max Hertlein kostet die "la rossa" rund 25 Prozent mehr als eine konventionelle Trompete.
Mit seiner Entwicklung hat Max Hertlein der Branche der Metallblasinstrumentenbauer einen wichtigen Impuls verliehen. Bis Blei und Nickel aber komplett ersetzt werden können, bleibt noch ein langer Weg. Und so bleibt auch die Unsicherheit. "Als kleine Branche ohne Lobbyvertreter in Brüssel leiden wir unter dem schlechten Informationsfluss von der EU-Kommission. Wir wissen oft nicht, was dort gerade zum Beschluss ansteht und müssen extrem Acht geben, um nichts zu verpassen", klagt Hertlein.
Ältester Mundstückhersteller der Welt
Sein Betrieb Werner Chr. Schmidt gilt als ältester Mundstückhersteller der Welt. Im Sommer 2022 feierte die ursprünglich in Oberfranken gegründete Manufaktur in Markneukirchen ihr 180-jähriges Bestehen. Mundstücke steuern mit 65 Prozent immer noch den Hauptteil des Umsatzes im Familienbetrieb bei. Außerdem bauen Seniorchef Bernhard Schmidt, sein Enkel Max Hertlein und ein Geselle neben Trompeten noch Posaunen, Flügel- und Waldhörner sowie verschiedene Jagdinstrumente.
Max Hertlein will dafür sorgen, dass die lange Tradition des Familienbetriebes, die er in siebenter Generation fortführen möchte, nicht von EU-Verordnungen wie Reach in den Ruin getrieben wird. Mit "la rossa" hat er den Grundstein für die Zukunft gelegt.
