Mit schöpferischer Kraft und Präzision Kunsthandwerk: Von der Hingabe eines Holzgestalters

Der Allgäuer Bildhauer Christoph Finkel betreibt Kunsthandwerk in Perfektion. Bei seinen gedrechselten Skulpturen reizt er die Grenzen des handwerklich Machbaren aus.

Christoph Finkel an seiner riemengetriebenen Drechselbank.
Manche Objekte Christoph Finkels sind nicht viel größer als eine Faust, andere so groß und schwer, dass er sie auf einer besonders robusten Maschine bearbeiten muss. - © Angelica Finkel

Wo verläuft die Grenze zwischen Kunst und Handwerk? Um das zu ergründen, lohnt sich ein Besuch bei Christoph Finkel. Der Bildhauer aus dem Allgäu kann seine Ideen nur mit handwerklicher Prä­zisions­arbeit umsetzen. "Das Eine bedingt das Andere", sagt Finkel, dessen Skulpturen an der Drechselbank entstehen.

Ein Blick in die Werkstatt im Erdgeschoss der alten Dorfschule von Vorderhindelang lässt erahnen, mit wie viel Hingabe der Holzkünstler seine Objekte bearbeitet. Dominiert wird der Raum von einer Maschine, die wie aus der Zeit gefallen wirkt. Der anderthalb Tonnen schwere Koloss stammt aus der Epoche der Industrialisierung um 1900 in Chemnitz.

Finkel hat die Drehbank auf eBay ersteigert und an seine Bedürfnisse angepasst. "Der limitierende Faktor für meine Arbeiten liegt in der Stabilität der Maschine. Hier kann ich Hölzer von 1,2 Metern Durchmesser drehen, ohne dass Spindel oder Lager durch die anfängliche Unwucht Schaden nehmen", erklärt Finkel. Selbst einen rund eine Tonne schweren Rohling aus nassem Eichenholz hat er schon auf der Maschine in Form gebracht.

Mit viel Fingerspitzengefühl und höchster Konzentration

Auf einer kleineren, modernen Drehbank nimmt seine aktuelle Arbeit Gestalt an. Mit viel Fingerspitzengefühl formt er mit dem Drechseleisen filigrane Lamellen aus dem Holz eines 120 Jahre alten Walnussbaums. Die Hohlräume im Kern, von der Witterung im Laufe der Jahre hinterlassen, erfordern höchste Konzentration. Ist das Objekt fertig ge­­drechselt, überwacht Finkel den Prozess der Trocknung, notiert täglich den Gewichtsverlust bei gleichbleibender Luftfeuchte im Raum. Im Trocknungsprozess entstehen jene Formen, die Finkel dank seines Wissens um das Naturmaterial beabsichtigt. Erst wenn das Holz kein Gewicht mehr verliert, wandert die Skulptur in den Ausstellungsraum.

Christoph Finkel reizt die Herausforderung, den Charakter des Holzes von jahrhundertealten Bäumen offenzulegen. Die Verletzungen, die Wind, Regen, Schnee oder Krankheiten im Holz hinterlassen haben, verleihen seinen Skulpturen einen einzigartigen Charme. Dafür geht er an die Grenzen des handwerklich Machbaren. "Das funktioniert nur, wenn du das Material verstanden hast, das du bearbeitest. Ich will immer wissen, wo der Baum gestanden hat, wann er gefällt wurde und wie alt er war", sagt Finkel.

Tiefes Verständnis für das Naturmaterial Holz

Der Nussbaum seines aktuellen Projekts stand 120 Jahre lang auf einem Hof im Hindelanger Ortsteil Gailenberg auf einer Höhe von 1.000 Metern, ehe ein Sturm ihn im Herbst zu Fall brachte. Je älter ein Baum ist, je mehr Narben ihm die Natur beigebracht hat, umso spannender findet Finkel die Arbeit mit den Torsi der geknickten Riesen. Deshalb quält er sich im Winter, wenn die Lawinen an den Hängen des Ostrachtals die be­sonders alten und weniger widerstandsfähigen Berg­ahorne umreißen, im steilen Gelände beim Bergen des für ihn wertvollen Holzes.

Christoph Finkel mit der Kettensäge im Gebirge.
Die Baumstämme alter Bergahorne findet Christoph Finkel unter anderem an den Steilhängen des Bärgündletals bei Hinterstein auf mehr als 1500 Metern. - © Angelica Finkel

Sein Verständnis für das Natur­material wie sein handwerkliches Geschick im Umgang mit dem Holz wurzeln in seiner Kindheit. Schon als Bub bastelte Christoph Finkel gern in der Werkstatt seines Vaters Rudolf, der wie seine Vorfahren als Wagnermeister vor allem Schlitten baute. Mit ihm stieg er ins Gebirge, um das elastische, wintergeschlagene Eschenholz zu holen. Bei diesen Streifzügen schärfte er seine Aufmerksamkeit dafür, wie der Wuchs des Baumes seine Holzeigenschaften beeinflusst. "So etwas steht in keinem Buch. Das lernst du durch beobachten oder von den Vorfahren."

Als Alphirte in den Bergen

Die Natur genau zu beobachten, lernte Christoph Finkel auch als Alp­hirte Mitte der 1980er-Jahre. Gemeinsam mit zwei anderen Jungen und einem Erwachsenen verbrachte er drei Sommer auf steilen Bergwiesen. Zusammen beaufsichtigten sie eine Herde von 277 Stück Jungvieh, jeder auf dem ihm zugeteilten Gebiet. "Das war für einen Zwölfjährigen eine große Verantwortung, wenn man bei dichtem Nebel aufpassen musste, dass kein Rind abstürzt", erzählt Finkel und erinnert sich an durchfrorene Nächte, wenn die Hirten ihre regennassen Klamotten zum Schlafen an­behielten, weil sie so noch am ehesten trockneten.

Diese elementaren Erfahrungen haben dem heute 50-Jährigen früh die Wertschätzung gegenüber der Natur gelehrt. Trotzdem lehnt er jede Form von Esoterik ab. "Holz ist von Natur aus extrem sympathisch und schön. Aber ich bin weit davon entfernt, einen Baum zu umarmen", betont Finkel. Holz bleibe für ihn Material, "dem ich aber mit großem Respekt begegne."

Von der Schnitzschule auf die Kunstakademie

Eine Ausbildung zum Schreiner kam für ihn dennoch nicht in Frage. "So ein Lehrberuf ist immer auf Ratio­nalität ausgerichtet. Ich wollte aber nicht auf Kosten der Kreativität ökonomisch arbeiten", sagt Finkel. Stattdessen ging er nach dem Abitur an die Schnitzschule Elbigenalp im Lechtal, weil ihn das figürliche Ge­­stalten interessierte. Doch schon bald fühlte er sich unterfordert und wechselte an die Akademie der Bildenden Künste nach Nürnberg.

Die Wahl fiel nicht zufällig auf die fränkische Metropole. Denn neben seiner Leidenschaft für Holz entwickelte Christoph Finkel großen Ehrgeiz für das Klettern, für das er im Frankenjura ideale Trainingsbedingungen fand. In den Jahren zuvor war er im heimischen Klettergarten schnell zu den Besten aufgestiegen. Und so wagte er als 18-Jähriger den Start bei den offenen deutschen Meisterschaften, die er auf Anhieb ge­wann und sich damit für den Weltcup am nächsten Tag qualifizierte. "Vor dem Wettkampf hatte ich in meinem Auto ge­schlafen, danach spendierte mir der Alpenverein eine Hotelübernachtung", erinnert sich Finkel. Die Investition sollte sich lohnen, schließlich schaffte es der Newcomer auch im Weltcup bis ins Finale. 

Christoph Finkel beim Bergen eines Baumstamms.
Während beim Drechseln Feingefühl gefragt ist, erfordert das Bergen der gewaltigen Baumstämme maximale Kraftanstrengung. - © Angelica Finkel

Weltcupsieg und Fünfter im Gesamtweltcup

Es folgte eine spannende Zeit mit einem intensiven Leben in zwei Welten. In der einen tourte er als Sportkletterer um den Globus, in der anderen formte er Plastiken nach einem Aktmodell an der Kunstakademie. 1992 holte er im französischen Laval seinen ersten Weltcupsieg und wurde Fünfter im Gesamtweltcup. Später wurde er zum Bundestrainer für das deutsche Kletter- und Boulderteam berufen. Das Honorar bot ihm eine gewisse Grundsicherheit für seine künstlerische Laufbahn.

Denn Künstler brauchen einen langen Atem. Die Freiheit, ohne Auftrag und ergebnisoffen zu arbeiten, hat ihren Preis. "Es hat 20 Jahre gedauert, ehe ich von meiner Kunst leben und eine Familie ernähren konnte. Lange habe ich vielleicht für einen Stundenlohn von fünf Euro gearbeitet", sagt der Holzkünstler.

Heute stehen seine Werke in Galerien und Museen in den USA, Südkorea, Stockholm oder Basel. Liebhaber zahlen fünfstellige Summen für die Skulpturen, die meist an Gefäße erinnern, jedoch nicht als Gebrauchsgegenstände gedacht sind.

Durchbruch zur International Design Week in Mailand

Den Durchbruch schaffte Christoph Finkel vor zehn Jahren, als die italienische Möbelmarke Paola Lenti seine Arbeiten zur internationalen Design Week in Mailand ausstellte. "Kundschaft aus Amerika hat damals sämtliche Exponate von mir aufgekauft", erzählt Finkel. Später entdeckte er seine Skulpturen und seinen Namen in einer amerikanischen Zeitschrift. Sie standen als Dekor in der Villa des Schauspielers Balthazar Getty in Hollywood.

Das Durchhaltevermögen, gepaart mit Kreativität und handwerklicher Präzision, zahlt sich für Christoph Finkel aus. Er wurde unter anderem mit dem Hessischen und dem Bayerischen Staatspreis für Kunsthandwerk geehrt. Nach Stationen in Innsbruck und der Schweiz ist er mit seiner schwedischen Frau Angelica und Tochter Alba in seine Heimat zurückgekehrt. Vor sechs Jahren hat er die leerstehende Dorfschule von Vorderhindelang gekauft. Heute arbeitet er dort, wo er als Kind die Schulbank drückte. Für den Holzkünstler steht fest: "Wer nicht bereit ist, den ge­­sicherten Pfad zu verlassen, kann sich nicht frei entwickeln."