Neue Studie des Bundeswirtschaftsministeriums Kulturhandwerk ist größer als gedacht

Das kultur- und kreativwirtschaftliche Handwerk in Deutschland muss sich nicht verstecken. Es trägt in beachtlichem Umfang zur inländischen Wertschöpfung bei, wie eine neue Studie des Bundeswirtschaftsministeriums zeigt. Zusammengenommen ist der Bereich sogar größer als viele andere prominente Gewerke.

Burkhard Riering

Buchbinder, Orgelbauer oder Vergolder - viele Betriebe kleiner Gewerke arbeiten in der Kultur- und Kreativwirtschaft. Eine neue Studie, durchgeführt vom Volkswirtschaftlichen Institut für Mittelstand und Handwerk an der Universität Göttingen, offenbart nun erstmals die wahre Größe des Handwerks in diesem Wirtschaftsbereich: So sind laut der neuen Zahlen 6,8 Prozent aller deutschen Handwerksunternehmen vollständig oder zu einem Gutteil (mehr als 50 Prozent des Umsatzes) im Bereich der Kultur- und Kreativwirtschaft tätig. Laut Klaus Müller, Geschäftsführer des Instituts, wäre das Kultur- und Kreativhandwerk damit größer als zum Beispiel das Lebensmittelhandwerk oder andere bekannte Gewerke. "Das Kultur- und Kreativhandwerk darf daher auf keinen Fall unterschätzt werden", sagte Müller auf der Veranstaltung "Fokus Handwerk" im Bundeswirtschaftsministerium.

Jeder fünfte Handwerksbetrieb mischt mit

Die Studienmacher haben errechnet: 55.232 Handwerksbetriebe aus 74 Handwerkszweigen (und 240.000 Erwerbstätigen) schaffen in dem Wirtschaftssegment einen Umsatz von knapp 20 Milliarden Euro pro Jahr. Berücksichtigt man auch die Betriebe, die geringfügig in der Kultur tätig sind, liegt die Zahl schon bei 118.000 Handwerksunternehmen. Insgesamt haben damit 175.000 Handwerksbetriebe mit rund 900.000 Erwerbstätigen und einem Jahresumsatz von 77 Milliarden Euro einen kultur- und kreativwirtschaftlichen Bezug - gut 21 Prozent des deutschen Handwerks. Demnach hat jeder fünfte Betrieb des Handwerks einen Bezug zur Kultur- und Kreativwirtschaft.

Die Zahlen wurden laut Müller konservativ berechnet; sie stellen daher nur eine Untergrenze dar. Diejenigen Unternehmen, die nur noch Handel machen, wurden ebenfalls aussortiert. Nicht beachtet wurde zudem das Kunsthandwerk.

Kulturhandwerk im Kommen

Die Handwerksorganisationen und die Politik wollen nun die Bedeutung dieses Segments stärken. "Wir haben nun Zahlen vorliegen und möchten in der Folge die Entwicklungspotenziale für das Handwerk ausloten", sagte Staatssekretär Stefan Kapferer auf der Veranstaltung. In einer anschließenden Podiumsdiskussion plädierten die Teilnehmer für eine bessere Zusammenarbeit der Kulturwirtschaft mit dem Handwerk, Kooperationen zwischen Politik und Handwerk und einer verstärkten Kommunikation, die der Bedeutung des Kulturhandwerks gerecht werde. "Wir können auf unserem neuen Wissen aufbauen", sagte Rainer Neumann, verantwortlich für Gewerbeförderung beim Zentralverband des Deutschen Handwerks. (ZDH)

Die größten Gewerke im Kernbereich der Kulturwirtschaft sind laut der Studie die Fotografen (6.087 Betriebe), die Gold- und Silberschmiede (3.265 Betriebe) und die Schilder- und Lichtreklamehersteller (1.978 Betriebe). Allerdings erwirtschaften die Schmiede mehr Umsatz als die Fotografen. Bernd Weismann, Referatsleiter im Wirtschaftsministerium, ist sich sicher, dass diese Gewerke "einen beachtlichen Anteil an der Wertschöpfung des Handwerks" haben.

Renaissance des Spezialwissens

Nach Ansicht von ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke gibt es ohnehin zurzeit eine "Renaissance einiger Gewerke" im Kultur- und Kreativbereich. Kunden würden wieder vermehrt das Wissen von Kleinsthandwerksbetrieben und Spezialmanufakturen anerkennen. "Es wird wieder mehr Selbstgemachtes gekauft", sagte Schwannecke. So seien zum Beispiel die Uhrmacher und ihre handgemachten Uhren am Markt wieder mehr nachgefragt, auch beim Thema Schmuck oder bei den Raumausstattern sei das der Fall. In der Denkmalpflege und der Restaurierung spielen deutschen Handwerksbetriebe sogar international eine wichtige Rolle.