Fachkräftemangel im Allgäu Kreative Kampagne: Junge Frauen testen Handwerksberufe

Wer in Zeiten des Fachkräftemangels Nachwuchs sucht, muss manchmal kreativ werden. Das weiß auch die Brauerei Schäffler aus dem Allgäu. Sie war Teil einer Fachkräfte-Kampagne, bei der drei junge Frauen drei Monate lang 30 verschiedene Jobs getestet haben. Die Teilnahme hat sich für beide Seiten gelohnt.

Jobtesterin Laura Fischer hat zehn verschiedene Jobs im Allgäu getestet. Zwei Tage lernte sie den Beruf der Brauerin in der Brauerei Schäffler. - © Allgäu GmbH

Berlin, Hamburg, München. Geht es um die Jobsuche, sind Großstädte bei jungen Leuten beliebt. Es gibt aber auch Orte, die in puncto Beruf und Freizeit mindestens genauso viel zu bieten haben – den meisten Menschen aber nicht unmittelbar in den Sinn kommen. Eine solche Region ist das Allgäu.

Um das zu ändern, ist 2021 im Allgäu eine umfrangreiche Fachkräfte-Kampagne gestartet. Drei junge Frauen haben drei Monate lang 30 verschiedene Jobs im Allgäu sowie das Freizeitangebot der Region getestet. Für die Außenwelt haben sie ihre Erfahrungen in einem Blog, in Videos sowie in Social Media festgehalten.

Getestet wurden unterschiedliche Unternehmen; von jungen Start-Ups über kleine familiäre Betriebe bis hin zum internationalen Großkonzern, von der Klinik bis zum Wellnesshotel. Mit dabei waren auch Handwerksbetriebe. "Die Kampagne hat uns eine tolle Chance geboten, unseren Berufszweig vorzustellen", sagt Sebastian Grassl. Der Inhaber der Brauerei Schäffler in Missen war mit seinem Betrieb einer der Teilnehmer und begeistert von dem Projekt.

Arbeiten in der Metzgerei und am Bau

Bei ihm hat Laura Fischer in den Handwerksberuf der Brauerin geschnuppert. Die Studentin kommt gebürtig aus der Region Niederrhein und hatte sich nach ihrem Bachelorabschluss spontan als "Jobhopperin" für die Kampagne beworben. "Ich wollte erfahren, wie es wirklich hinter den Kulissen verschiedener Berufe aussieht", erklärt die 28-Jährige ihre Motivation. Gemeinsam mit zwei anderen Teilnehmerinnen zog sie für drei Monate in eine "Job-WG" nach Kempten. Jede von ihnen testete zehn Jobs an jeweils zwei Tagen. Laura durfte außerdem eine Metzgerei und einen Baubetrieb besuchen.

In der Metzgerei Kleiber erfuhr sie mehr über den Arbeitsalltag als Fachverkäuferin im Lebensmittelhandwerk. "Ich habe im Verkaufsbereich und im Lager gearbeitet, habe Canapés und Wurstteller vorbereitet", berichtet Fischer. Das habe ihr nicht nur Spaß gemacht, sondern auch das eine oder andere Vorurteil gegenüber dem Handwerk aus dem Weg geräumt: "Viele denken ja, dass im Hinterzimmer einer Metzgerei auch geschlachtet wird. Das war aber natürlich nicht so. Trotzdem ist die Metzgerei ehrlich damit umgegangen, woher das Fleisch kommt. Das hat mir sehr gut gefallen", erklärt die junge Frau.

Fischer machte die Erfahrung, dass man als Frau auch in vermeintlichen "Männerberufen" arbeiten kann. Zum Beispiel auf der Baustelle. An dem Job als Vorarbeiterin im Tiefbau begeistere sie, dass man nicht nur körperlich arbeitet, sondern auch viel in den Bereichen Organisation und Mitarbeiterführung tätig ist. "Bei manchen Handwerksberufen muss man zwar gewisse körperliche Voraussetzungen mitbringen, aber alles in allem sieht man, dass es auch als Frau gut geht", sagt sie.

Brauerei: "Modernes Denken ist unabdingbar"

Auch in der Brauerei Schäffler durfte Fischer mit anpacken. Sebastian Grassl hat nicht lange gezögert, als er gefragt wurde, ob er bei der Kampagne mitmachen möchte. "Das war toll für unser Image", sagt der Handwerkschef. So habe es zum Beispiel unter den Social-Media-Posts der Aktion viele positive Rückmeldung von Lesern gegeben. Laura Fischer durfte alle Stationen der Brauerei durchlaufen, von der Filtration über die Bierherstellung bis hin zur Füllerei. Auch eine Bierverkostung und ein Besuch auf einer Alm durften nicht fehlen. Mit dabei war ein Kamerateam. Entstanden sind neben einem umfangreichen Blogbeitrag auch Fotos und ein Video, das den Berufsalltag in der Brauerei zeigt. Alle Betriebe, die bei dem Projekt mitgemacht haben, können die Inhalte künftig für ihre Recruiting-Arbeit nutzen

Zwar habe die Brauerei Schäffler weniger Probleme Nachwuchs zu finden. Doch Grassl legt jedem Handwerksbetrieb nahe, bei der Fachkräftesuche auch mal moderne Wege zu gehen. Als Familienbetrieb in der sechsten Generation ist ihm Tradition wichtig. "Aber modernes Denken ist auch für Handwerksbetriebe unabdingbar. Tradition darf nicht statisch sein. Sie muss sich weiterentwickeln, um lebendig zu bleiben", so der Handwerker, der seine Familienbrauerei regelmäßig auch auf einer eigenen Instagram-Seite mit mehr als 7.000 Followern präsentiert.

Tipps für die Berufssuche von der Jobtesterin

Würde Chef Grassl Jobtesterin Laura Fischer einstellen? Die klare Antwort: "Ja". Auch die Studentin war positiv überrascht: "Alle in der Brauerei waren sehr offen und haben mich behandelt wie einen eigenen Mitarbeiter." Darüber hinaus war sie von der Region so begeistert, dass sie sich vorstellen kann, später einmal ins Allgäu zu ziehen. Jungen Menschen in der Berufsorientierung rät sie, sich vorher intensiv über Betriebe zu informieren, denn auch die Werte und Mentalität der Firmen würden eine große Rolle dabei spielen, ob man sich in einem Job wohlfühlt. "Ich empfehle jedem, einfach zu testen und auszuprobieren, bevor man bestimmte Berufe vorverurteilt", sagt die Jobtesterin.

Insgesamt war die Aktion auch laut der Initiatioren ein großer Erfolg. So wurde etwa der Blog der "Job-WG" über zwei Millionen Mal aufgerufen. Ins Leben gerufen wurde die Kampagne von der Allgäu GmbH, der Dachorganisation für Entwicklung und Vermarktung von Standort und Tourismus im Allgäu.

>>> Hier geht es zum Blog der Job-WG Allgäu.

Einblicke in die Fachkräftkampagne des Allgäu

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    Jobtesterin Laura Fischer und Sebastian Grassl, Inhaber der Brauerei Schäffler, bei einer Bierverkostung in der Mittagspause.
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    Die "Jobhopperin" braut ihr erstes Bier.
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    Laura Fischer hat zehn verschiedene Jobs im Allgäu getestet. Zwei Tage lernte sie den Beruf der Brauerin in der Brauerei Schäffler.
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    Zum Familienbetrieb in Missen gehört auch ein Gasthof.
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    Insgesamt testen die "Jobhopperinnen" in drei Monaten 30 Berufe im Allgäu. Laura Fischer, Pia Günther und Laura Schneider (v.l.) lebten in dieser Zeit gemeinsam in einer "Job-WG".
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    Jürgen Martin von der Dobler Bauunternehmung und Pia Günther: Auf dem Bau probierte die Jobtesterin die Berufe Bauleiterin und Polierin aus.
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    Laura Fischer übt sich am Weben in der Webstube Allgäuer Genussmanufaktur.