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Arbeitsrecht Krankschreibung: 6 Irrtümer, die noch immer kursieren

Eine Krankschreibung vom Arzt muss vom Chef in jedem Fall akzeptiert werden? Und wer krank ist, dem darf nicht gekündigt werden? Nicht alles, was man zum sogenannten "gelben Zettel" hört, muss auch tatsächlich stimmen. Was wirklich gilt.

Sie ist ein kleiner, gelber Zettel mit großer Bedeutung: Die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU), landläufig auch als Krankschreibung oder "gelber Schein" bezeichnet, hat arbeitsrechtlich eine große Bedeutung – denn sie berechtigt Arbeitnehmer dazu, ihrem Arbeitsplatz fern zu bleiben. Doch die Verunsicherung rund um dieses Thema ist groß, zumal viele Mythen und Halbwahrheiten kursieren, die sich hartnäckig halten. Die populärsten Irrtümer rund um die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung im Realitätscheck.

Irrtum 1: Der Chef darf erst ab dem dritten Krankheitstag eine AU-Bescheinigung verlangen

Gesetzlich vorgeschrieben ist, dass sich Arbeitnehmer unverzüglich krankmelden müssen – und spätestens nach dem dritten Krankheitstag eine vom Arzt ausgestellte Krankschreibung vorlegen müssen. Der Arbeitgeber ist aber auch dazu berechtigt, die Vorlage des "gelben Scheins" schon vom ersten Tag an zu verlangen. Legt der Chef darauf wert, muss man sich wohl oder übel zum Arzt schleppen – sonst riskiert man eine Abmahnung und im Wiederholungsfall sogar die Kündigung.

Irrtum 2: Man muss dem Chef die genaue Diagnose mitteilen

Der Arbeitnehmer muss dem Arbeitgeber nicht im Detail mitteilen, woran er erkrankt ist – das ist Privatsache. Der Arbeitgeber hat lediglich einen Anspruch darauf zu erfahren, wie lange sein Mitarbeiter voraussichtlich ausfallen wird. Vor dem Arztbesuch muss der Mitarbeiter daher subjektiv einschätzen, wie lange seine krankheitsbedingte Abwesenheit dauern könnte – und nach dem Arztbesuch muss die Prognose des Arztes, wie lange die Arbeitsunfähigkeit andauern wird, dem Arbeitgeber mitgeteilt werden. Diese Prognose geht aus der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung hervor.

Irrtum 3: Der Chef muss eine Krankschreibung akzeptieren

Der Arbeitgeber kann eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung auch zurückweisen – nämlich dann, wenn der begründete Verdacht besteht, dass es sich um eine Gefälligkeitsbescheinigung handelt und der Arbeitnehmer in Wahrheit krankfeiert. In begründeten Fällen drohen dann arbeitsrechtliche Konsequenzen bis hin zur Kündigung – denn wer blaumacht und sich dadurch eine Entgeltfortzahlung erschleicht, begeht juristisch einen Betrug zulasten seines Arbeitgebers.

Die Hürden sind allerdings hoch, denn grundsätzlich kommt dem "gelben Schein" ein hoher Beweiswert zu. Um diesen Beweis zu erschüttern, muss der Arbeitgeber Tatsachen vortragen, die "ernsthafte und begründete Zweifel" an der attestierten Arbeitsunfähigkeit aufkommen lassen. Das kann etwa ein angekündigtes krankfeiern nach einer Auseinandersetzung sein, genauso wie ständige Krankmeldungen direkt vor oder direkt nach dem Urlaub. Auch wer Tätigkeiten nachgeht, die der Genesung nachweislich schaden, riskiert arbeitsrechtliche Konsequenzen. So durfte einem krankgeschriebenen Arbeitnehmer, der in der Nacht als DJ arbeitete, außerordentlich gekündigt werden, entschied das Arbeitsgericht Köln (Aktenzeichen CA 4192/13).

Irrtum 4: Wer krankgeschrieben ist, muss das Bett hüten

Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass man zu Hause bleiben muss, wenn man krankgeschrieben ist. Arztbesuche oder der Gang zur Apotheke sind natürlich erlaubt. Auch Einkäufe im Supermarkt kann man jederzeit tätigen oder auch sein Kind aus der Schule beziehungsweise vom Kindergarten abholen. Sogar Freizeitbeschäftigungen wie Kino oder ein Restaurantbesuch sind möglich, ebenso wie beispielsweise eine Zugfahrt zu den Eltern. Grundsätzlich gilt: Alles, was die Heilung nicht verzögert, ist erlaubt – und der Mitarbeiter kann während der Arbeitsunfähigkeit machen, was er will. Was aber keinesfalls geht und eine fristlose Kündigung nach sich ziehen kann ist, während der Krankschreibung für einen anderen Arbeitgeber zu arbeiten.

Irrtum 5: Wer krankgeschrieben ist, darf nicht arbeiten

Eine Krankschreibung ist nicht gleichbedeutend mit einem Arbeitsverbot, das beispielsweise auf Grundlage des Mutterschutzgesetzes ausgesprochen werden kann. Der "gelbe Schein" beinhaltet zunächst einmal nur eine Prognose des Arztes darüber, wie lange die Arbeitsunfähigkeit anhalten wird. Wer zwei Wochen krankgeschrieben ist, sich aber schon wieder gesund fühlt, darf nicht nur an seinen Arbeitsplatz zurückkehren, sondern ist grundsätzlich sogar dazu verpflichtet.

Wer sich allerdings trotz offensichtlicher Krankheitssymptome zur Arbeit schleppt, den darf der Chef auch wieder nach Hause schicken. Denn der Arbeitgeber hat eine Fürsorgepflicht gegenüber seinen Mitarbeitern. Diese bezieht sich sowohl auf den kranken Mitarbeiter, der aufgrund falsch verstandener Solidarität mit den Kollegen seine Gesundheit aufs Spiel setzt, als auch auf die Kollegen, die sich potenziell anstecken könnten.

Irrtum 6: Wer krankgeschrieben ist, dem darf nicht gekündigt werden

Michael Henn, Fachanwalt für Arbeitsrecht und Präsident des Verbandes deutscher Arbeitsrechtsanwälte (VdAA) spricht von einem "fatalen Irrtum": Der Chef könne seinem Angestellten grundsätzlich auch während der Krankschreibung die Kündigung präsentieren. Die Krankmeldung mache den Rauswurf nicht generell unwirksam – einen krankheitsbedingten Kündigungsschutz kenne das Gesetz nicht. Es ist grundsätzlich sogar möglich, dass der Arbeitgeber aufgrund einer Erkrankung die Kündigung ausspricht. Hierfür gibt es jedoch sehr strenge Voraussetzungen: Die Zukunftsprognose muss negativ sein – und eine Ausfallzeit von mindestens sechs Wochen pro Jahr zu erwarten. Dies kann beispielsweise bei Suchterkrankungen der Fall sein.

Wann die Krankenkasse Krankengeld zahlt

Wer krankgeschrieben ist, kriegt erstmal weiterhin sein normales Gehalt. Doch wenn die Erkrankung länger als sechs Wochen andauert, erlischt die gesetzlich geregelte Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Dann haben gesetzlich Krankenversicherte einen Anspruch auf Krankengeld – eine Entgeltersatzleistung, die die Krankenkassen gewähren.

Um Krankengeld zu bekommen, muss ein Krankenversicherter infolge einer Krankheit arbeitsunfähig sein – also nicht dazu in der Lage, seine bislang ausgeübte Tätigkeit auszuführen. Das Krankengeld beträgt 70 Prozent des regelmäßigen Bruttoeinkommens.

Unter bestimmten Voraussetzungen kann Krankengeld auch von einem Elternteil beansprucht werden, das zur Beaufsichtigung, Betreuung oder Pflege seines erkrankten mitversicherten Kindes unter zwölf Jahren der Arbeit fernbleiben muss. Umgangssprachlich wird dann oft der Begriff "Kinderkrankengeld" verwendet. czy

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