Krankenversicherung Krankenkassen: Die Zusatzbeiträge im Überblick

Seit dem 1. Januar können die gesetzlichen Krankenkassen über einen Teil der Beiträge selbst bestimmen und Zusatzbeiträge erheben. Diesen unterscheiden sich stark. Versicherte können Geld sparen, wenn die die Kasse wechseln. Doch davor warnt der Bundesgesundheitsminister.

Krankenkassen: Ab 2015 sollen Arbeitgeber die Hälfte der Beiträge zahlen. - © Foto: thomasp24/Fotolia

Die Krankenkassenreform ist in Kraft. Seit dem 1. Januar 2015 müssen Arbeitgeber und Arbeitnehmer die Beiträge in die gesetzliche Krankenkasse je zur Hälfte tragen. Der Beitragssatz sinkt, von den Versicherten dürfen die Kassen allerdings einkommensabhängige Zusatzbeiträge verlangen. Diese unterscheiden sich stark und schwanken zwischen 0,3 Prozent bis zu über einem Prozent.

Der Spitzenverband der deutschen gesetzlichen Krankenkassen hat nun eine Liste veröffentlicht, die die unterschiedlichen Beträge erhält. Sie kann hier eingesehen werden.

Insgesamt sinkt der Beitragssatz von 15,5 auf 14,6 Prozent. Der bisherige, allein von den Kassenmitgliedern zu zahlende Sonderbeitrag von 0,9 Prozent des Einkommens entfällt. Stattdessen ist es den Kassen erlaubt, Zusatzbeiträge zu verlangen, die vom Einkommen abhängig sind. Ob diese bei den jetzigen Beträgen bleiben, ist ungewiss. Experten zufolge könnten die Beiträge langfristig steigen, da die Ausgaben der Kassen steigen.

Offiziellen Prognosen zufolge werden die Ausgaben für Kliniken, Medikamente und Ärzte Jahr für Jahr schneller steigen als die Einnahmen. "In der Summe werden die Versicherten bis 2020 rund 150 Milliarden Euro mehr zahlen müssen als die Arbeitgeber", prognostizierte der Linke-Gesundheitsexperte Harald Weinberg schon bevor die Reform in Kraft trat. Auch die Grünen warfen insbesondere der SPD unsoziale Politik vor. Gemeinsames Anliegen von Opposition und SPD im Bundestagswahlkampf sei die Rückkehr zu einer paritätischen Finanzierung gewesen. Nun würden Versicherte einseitig belastet .

Gröhe verteidigt Reform

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) verspricht sich von der Reform einen stärkeren Wettbewerb der Krankenkassen und stabile Lohnnebenkosten. Dass der Beitragssatz und somit der Anteil der Arbeitgeber fixiert werden soll, verteidigte Gröhe: Denn immer weiter an der Beitragsschraube zu drehen, schade der Wirtschaft.

Gröhe warnt die Versicherten zudem davor, vorschnell ihre Kasse zu wechseln. Eine gute Krankenkasse erkenne man an Leistung und am Preis, sagte der CDU-Politiker der "Bild"-Zeitung. Sei eine andere Krankenkasse zum Beispiel für Nachfragen schlechter zu erreichen, nütze auch ein besserer Preis nichts.

Laut Gröhe zahlen rund 20 Millionen Krankenkassen-Mitglieder fürs Erste einen geringeren Beitragssatz. "Die werden kaum wechseln wollen. Den anderen rate ich, sich immer erst zu fragen: Wie zufrieden bin ich mit meiner Kasse?" Bundesweit sind etwa 70 Millionen Menschen in der gesetzlichen Krankenversicherung.

Ähnlich wie Gröhe äußerte sich auch der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). "Wir empfehlen den Versicherten, bei der Kassenwahl nicht nur auf die Höhe des Zusatzbeitrags zu achten, sondern auch die teilweise unterschiedlichen Leistungen in den Blick zu nehmen", sagte GKV-Sprecher Florian Lanz. "Vor einer Entscheidung sollte das Gesamtpaket in den Blick genommen werden."

Wechsler können sparen

Die Grünen-Gesundheitspolitikerin Maria Klein-Schmeink sagte, Gröhe habe allen Grund, vor einem Wechselfieber zu warnen. "Die große Koalition hat die Versicherten mit den neuen Zusatzbeiträgen auf die völlig falsche Spur gesetzt. In der Krankenkasse zählt Solidarität und Leistung im Krankheitsfall, nicht der niedrigste Beitrag."

Nach Einschätzung der Stiftung Warentest können Verbraucher durch einen Wechsel der Kasse über das Jahr gesehen durchaus Kosten sparen. Berechnungen zeigen: zeigt: Verdient ein Versicherter 4.125 Euro brutto im Monat, spart er demnach in einer Kasse mit 14,6 Prozent Beitragssatz gegenüber einer mit 15,5 Prozent fast 450 Euro pro Jahr.

Nach einer Untersuchung der Stiftung Warentest liegt die Beitragsspanne derzeit zwischen 14,6 und 15,9 Prozent. Durch den Zusatzbeitrag haben Versicherte ein Sonderkündigungsrecht.

Abwanderung in private Versicherung erwartet

Mit der Reform entfällt für finanzstarke Kassen auch die Möglichkeit, Prämien auszuschütten. In diesem und dem vergangenen Jahr profitierten rund acht Millionen Kassenmitglieder von einer Beitragsrückerstattung.

Dass durch die Reform mehr Wettbewerb entsteht, würden die Betriebe der Gesundheitshandwerke befürworten. Durch die starken Fusionsbemühungen der Kassen stehen sie immer mehr unter Druck. Die Vertragsverhandlungen würden immer schwieriger, sagte Marianne Frickel, Präsidentin der Bundesinnung der Hörgeräteakustiker, auf der Internationalen Handwerksmesse 2014.

Von Seiten der gesetzlichen Kassen werden dagegen Befürchtungen laut, dass nun viele Versicherte in die private Krankenversicherung abwandern. Dem gesetzlichen Versicherungssystem würden dann Gelder fehlen. dpa/dhz

Die Kernpunkte der Krankenkassenreform

Beitragssatz: Vom bisherigen Beitragssatz von 15,5 Prozent aufs Einkommen zahlen 0,9 Punkte allein die Kassen-Mitglieder - dieser Anteil wird gestrichen. Der 14,6-Beitragssatz soll dann fest bleiben; Arbeitnehmer und -geber zahlen jeweils die Hälfte.

Zusatzbeiträge: Pauschale Zusatzbeiträge in festen Eurobeträgen dürfen die Kassen künftig nicht mehr nehmen. Künftig können sie aber Zusatzbeiträge von den Kassenmitgliedern nehmen, die vom Einkommen abhängen. Wegen fehlender Milliarden aus dem wegfallenden 0,9-Prozent-Anteil kommen 2015 solche Zusatzbeiträge flächendeckend.

Sonderkündigungsrecht: Selbst die Erhebung eines geringen Zusatzbeitrages löst ein Sonderrecht zur Kündigung aus. Zwar darf man schon bisher die Kasse wechseln, aber 18 Monate ist man an sie gebunden. Krankenkassen, die Zusatzbeiträge erheben oder erhöhen, müssen ihre Mitglieder künftig schriftlich darüber informieren.

Finanzausgleich: Die unterschiedliche Einkommensstruktur der Mitglieder der Kassen soll über den Gesundheitsfonds voll ausgeglichen werden – sonst wären wegen des prozentualen Zusatzbeitrags einkommensschwächere Kassen automatisch im Nachteil. Zudem sollen Kassen-Ausgaben für die letzte Behandlungsphase Verstorbener, für Krankengeld und für Auslandsversicherte besser als heute vom Finanzausgleich zwischen den Kassen berücksichtigt werden.

Qualität: Ein neues Institut soll Daten zur Qualität der Kliniken auswerten. In einigen Jahren sollen die Versicherten im Internet sehen können, in welchen Bereichen Kliniken besser oder schlechter sind. Dies soll Basis für bessere Bezahlung oder Abschläge werden.

Hebammen: Gegen teils bedrohlich hohe Haftpflichtprämien der Geburtshelferinnen sollen befristete Zuschläge helfen, die die Krankenkassen und die Hebammenverbände für die Zeit ab 1. Juli aushandeln sollen. Ab dem 1. Juli 2015 soll es zudem einen Sicherstellungszuschlag geben.

Patientenberatung: An den Hotlines der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD) ist oft nur schwer durchzukommen - die Förderung durch die Kassen wird von 5,6 auf 9 Millionen Euro erhöht.

Psychiatrie: Wegen befürchteter Risiken soll ein neues Bezahlsystem für psychiatrische Kliniken (PEPP) nicht bereits kommendes Jahr zur Pflicht werden. Bis Ende 2016 können die Kliniken frei entscheiden, ob sie das neue oder noch das alte Vergütungssystem anwenden wollen. Kritiker hatten gewarnt, Menschen mit Depressionen, Schizophrenie oder Suchtproblemen würden durch PEPP zu früh entlassen.

Impfstoffe: Um Engpässe etwa bei Impfstoffen gegen Grippe im Herbst und Winter zu vermeiden, soll es keine exklusiven Vertrage von Krankenkassen mit Pharmaherstellern mehr geben. Stattdessen müssen sie künftig mit mindestens zwei Firmen solche Verträge abschließen. dpa