TV-Kritik: "Bauen, sanieren, mieten – kein Plan gegen Wohnungsnot?" "Kräne drehen sich noch, aber sie werden zum Stillstand kommen"

Welche Lösungen sind nötig, um die Baukrise zu verhindern? Diesem Thema widmete sich Talkshow-Moderatorin Maybrit Illner in ihrer letzten Sendung. Das jemand aus dem Handwerk zu Wort kommt, ist für solche Formate aber eher selten. Handwerkspräsident Jörg Dittrich warnte eindringlich vor einem Crash und forderte die Politik auf, endlich ins Bauen zu kommen.

Handwerkspräsident Jörg Dittrich diskutierte in der Politik-Talkshow von Maybrit Illner darüber, wie der Crash am Bau vermieden werden kann. - © Screenshot/ZDF/maybrit illner/Bauen, sanieren, mieten – kein Plan gegen Wohnungsnot?

Eindringlich warnte Handwerkspräsident Jörg Dittrich im gestrigen Politik-Talk von Maybrit Illner vor dem Crash am Bau. "Die Kräne drehen sich noch, aber sie werden zum Stilstand kommen", sagte der Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH). Fakt sei, dass die Auftragsbücher gerade leer laufen würden. "Wir haben nicht die Zeit, uns zu streiten, ob es der Bauträger, die soziale Wohnung ist. Wir müssen ins Bauen kommen", forderte er. Doch wo anfangen? Das war die große Frage der ZDF-Sendung mit dem Titel "Bauen, sanieren, mieten – kein Plan gegen Wohnungsnot?". Die Lage am Bau ist äußerst schwierig, da waren sich alle Talkgäste – darunter zwei Politiker, ein Immobilienunternehmer, eine Wissenschaftlerin und mit Dittrich auch ein Vertreter des Handwerks – einig. Doch ihre Lösungsvorschläge gingen zum Teil weit auseinander.

Reicht der 14-Punkte-Plan, um die Baukrise zu verhindern?

So ging es zu Beginn der Sendung etwa um den kürzlich von der Bundesregierung vorgelegten 14-Punkte-Plan und die Frage, ob dieser tatsächlich den Wohnungsbau retten kann. Geht es nach dem Handwerkspräsidenten, ist dieser zumindest ein Anfang. Aber: "Die 14 Punkte müssen mit Zuständigkeiten und mit Terminen versehen werden", forderte er. Hier seien auch die Länder gefragt. "Auch die müssen sofort mit an den Tisch und wir werden vermutlich auch leider noch nachsteuern müssen, sonst werden wir diesen Crash erleben."

Einen weitaus pessimistischeren Blick auf das Maßnahmenpaket hatte Immobilienunternehmer Christoph Gröner. Er verglich die Situation am Bau mit einem schwer kranken, virusinfizierten Patienten auf der Bahre: "Jetzt geht man her [...] und gibt fiebersenkende Zäpfchen und Salben. Wir müssen den Virus rauskriegen", sagte der Vorstandsvorsitzende der Ecobuilding AG. Mit 100.000 neuen Wohnungen im Jahr mehr könne nur gerechnet werden, wenn massive Zinssenkungsprogramme eingeführt würden. "Um Ihnen ein Beispiel zu geben, wenn Sie 3.000 Euro zinsverbilligte Darlehen auf eine Wohnung pro Quadratmeter geben, können Sie die kalkulatorische Miete von 18 auf zwölf Euro runterholen", rechnete er vor. Er forderte diese Darlehen für jedermann.

Handwerkspräsident: "Wir sind bei der Frage, dass keiner mehr baut"

Ein Vorschlag, den SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert so nicht teilen konnte. Hier müsse differenziert werden. "Die Frage ist, wer soll jetzt bauen", sagte er. Es sei nicht das Ziel, Wohnungen "die von Projektentwicklern mit dollen Renditeerwartungen geplant worden sind" mit Fördergeld "zuzuschmeißen". Da grätschte der Handwerkspräsident rein: "So lasse ich Sie nicht vom Acker", sagte er. "Wir trennen wieder auf und sagen: Ja, die Lösung ist jetzt der soziale Wohnungsbau. Wir sind bei der Frage, dass keiner mehr baut", führte er aus. Ein Umstand, auf den der Handwerkspräsident im Laufe des Talks immer wieder hinweisen musste. Dies verdeutlichte auch, welchen Fokus die Diskussion im ersten Teil der Sendung eingenommen hatte: "Es ärgert mich, dass wir immer wieder auf den Bauträger kommen", sagte er. Seiner Feststellung nach könnten auch die Genossenschaften und kommunalen Wohnungsgesellschaften nicht mehr bauen. Und auch die Familie, die Eigentum bilden wolle, könne das nicht mehr.

Von Bodenpolitik bis Baustandards

Lösungsorientierter wurde es dann in der zweiten Hälfte der Diskussion. Für Lamia Messari-Becker, Professorin für Gebäudetechnologie und Bauphysik, beginnt das Problem bereits beim Boden. Es brauche eine nachhaltige Bodenpolitik. "Wenn ich das nicht regle, dann habe ich nachher eine Teuerung sofort am Boden, bevor ich das bebaut habe", sagte sie. Es müssten Regelungen geschaffen werden, an wen und zu welchem Preis Kommunen Grundstücke vergeben. Kommunen, die Grundstücke zurück kaufen, könnten ein Vorkaufsrecht erhalten.

Viel Zustimmung gab es auch für den Vorschlag von Immobilienunternehmer Gröner, einmal über die Regelung nachzudenken, dass Investoren bei der Wohnraummodernisierung dauerhaft acht Prozent Rendite erhalten. Dafür gäbe es keine Grundlage. Die wirtschaftspolitische Sprecherin der CDU/CSU Julia Klöckner wiederum warb für die Lösung ihrer Partei: einen Dreiklang aus steuerlichen Maßnahmen, gezielter Förderung und der Senkung von Bau- und Baunebenkosten. Auch die vielen hohen Baustandards in Deutschland wurden in der Talkrunde immer mal wieder kritisch hinterfragt.

Viele mögliche Lösungen, aber wo ansetzen?

So kam es dazu, dass viele Ideen in den Raum geworfen wurden, aber nicht immer die Zeit blieb, diese intensiver zu diskutieren. Daran Mitschuld hatte sicherlich auch die hohe Anzahl an Talkgästen und die knappe Sendezeit von circa einer Stunde. Als es irgendwann verstärkt um Neubauten und energetische Sanierungen ging, kam mit Wibke Werner, Geschäftsführerin des Berliner Mietervereins, noch ein weitere Sprecherin hinzu, die zusätzlich betonte, die Mieter nicht zu vergessen.

Sicherlich: Um das Bauen wieder voranzutreiben, gilt es, viele Aspekte und Interessen in den Fokus zu nehmen. Das wurde dem Zuschauer nach der Sendung sicher umso mehr deutlich. Doch wo nun zuerst angesetzt werden sollte und welche Lösungen die richtigen sind, darüber dürfte weiterhin viel Unsicherheit herrschen. Positiv für das Handwerk aber war, dass mit Jörg Dittrich ein Talkgast anwesend war, der auf die Sicht der Branche lenkte: "Ich hab vor der Sendung dutzende Nachrichten bekommen von Handwerkskolleginnen und Handwerkskollegen, die darauf warten, dass es Lösungen gibt", sagte er. Und er sprach noch ein wichtiges Thema an, an dem die Politiker seiner Meinung nach arbeiten sollten: Es brauche Förderprogramme, auf die sich Bauwillige auch wirklich verlassen können. Dabei spielte er auf das kürzlich aufgelegte Förderproramm "Solarstrom für Elektroautos" an: "Es wurde ein Programm aufgelegt und in 24 Stunden war es weg. Wo ist da Verlässlichkeit?"