Fit for 55 – European Green Deal Klimaprogramm der EU: Hier muss Deutschland nachbessern

Mehr energetische Gebäudesanierung und ein verstärkter Ausbau der erneuerbaren Energien – das sind einige Kernpunkte des neuen Klimaprogramms der EU "Fit-for-55". Deutschland hat zwar eigene, sogar strengere Ziele formuliert. Diese sind aber noch in weiter Ferne. Wo Deutschland nachbessern muss und das Handwerk helfen kann.

EU-Klimaprogramm
Um das EU-Klimaprogramm "Fit for 55" voranzubringen, braucht es einen stärkeren Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland. - © franco lucato - stock.adobe.com

Mit dem Maßnahmenpaket "Fit for 55" hat die EU-Kommission neue Ziele definiert, die die Energie- und Klimapolitik der kommenden Jahre bestimmen sollen. Alles soll darauf hinauslaufen, dass die Treibhausgasemissionen der EU bis 2030 um 55 Prozent sinken im Vergleich zu 1990. Bisher lag die Zielmarke bei 40 Prozent. Das Klimaprogramm der EU gibt einen neuen Regulierungsrahmen zur Umsetzung des European Green Deal vor.

Bisher sind es nur Empfehlungen. Doch sie werden künftig sowohl die Gesetzgebung der EU als auch die der Nationalstaaten bestimmen. Darin sind sich Politiker, Klimaexperten und Wirtschaftsvertreter einig. Im Zentrum des Klimaprogramms steht unter anderem ein stärkerer Ausbau der erneuerbaren Energie und das Erreichen von mehr Energieeffizienz im Gebäudesektor. Beides sind Themen, bei denen das Mitwirken des Handwerks von großer Bedeutung ist. Doch was genau soll und kann man hier erreichen?

Mehr erneuerbare Energien: EU-Klimaprogramm könnte strenger sein

Der Anteil der erneuerbaren Energien an der Energieerzeugung muss steigen. EU-weit liegt er bisher bei rund 20 Prozent. Das "Fit-for-55"-Paket setzt die Zielmarke für den Ausbau bis 2030 bei 40 Prozent. Doch es wäre sogar mehr möglich. Nach Angaben des Bundesverbands Erneuerbare Energie (BEE) könnten die EU-Mitgliedsstaaten mindestens 45 Prozent erreichen. Daher wertet der Verband die Ziele als zu schwach ein. So laufe die EU Gefahr, den Klimaschutz und die überfällige Modernisierung der Wirtschaft zu vernachlässigen, lautet daher ein Kritikpunkt des Verbands.

Ähnlich formuliert es auch Carsten Körnig vom Bundesverband der Solarwirtschaft (BSW-Solar): "Das 40 Prozent Ziel der EU für den Ausbau erneuerbarer Energien geht nach unserer Einschätzung leider noch nicht weit genug", sagt er. Auch seiner Ansicht nach wären 45 Prozent notwendig und machbar. Der BEE sieht dabei Deutschland in einer Vorbildrolle. Denn Deutschland selbst hat sich bis 2030 ein Ziel von 65 Prozent erneuerbare Energien gesetzt. Einige andere Länder sind dabei ebenfalls strengere Zielmarken zu setzen. "Deshalb hätte die EU deutlich ambitioniertere Vorschläge machen können, um die zögerlichen Mitgliedsstaaten mitzuziehen", sagt dazu BEE-Geschäftsführer Wolfram Axthelm.

Jetzt komme es auf die Verhandlungen zwischen Kommission, EU-Parlament und EU-Rat an, die Ziele politisch festzusetzen. Der BEE setzt darauf, dass das EU-Parlament stärkere Ziele und mehr Verbindlichkeit fordert. Wolfram Axthelm berichtet davon, dass auch immer mehr große Industrieunternehmen sich den ambitionierteren Vorgaben öffnen und mitziehen. Erst kürzlich habe dies eine breite Allianz aus Unternehmen gefordert.

Klimaprogramm und Fachkräftemangel – ein Problem?

Das Handwerk selbst ist von den Plänen doppelt betroffen – und mit zwiespältigen Meinungen. "Das Handwerk wird als starker Umsetzer der Energiewende gebraucht", sagt der BEE-Geschäftsführer. Er erwähnt dabei sowohl die Wärmewende im Gebäudesektor als auch die stärkere Installation von PV-Anlagen auf Hausdächern. So wachse auch das Beschäftigungspotenzial in diesen Bereichen stabil – allerdings genauso wie der Fachkräftemangel. Chancen sieht der Verband dabei bei Berufs- und Branchenwechslern, die im Bau- und Gebäudesektor Fuß fassen könnten. Eine aktuelle BEE-Untersuchung dazu zeigt auf, dass in diesem und nächsten Jahr insgesamt 106.000 Branchenwechsler und 40.000 Berufswechsler dazu motiviert werden könnten. Branchenwechsler sind demnach Personen, die bereits eine passende Qualifikation erworben haben, aber dennoch bislang in anderen Branchen arbeiten. Als Berufswechsler gelten diejenigen, die bereit wären, eine passende Qualifikation zu erlangen. Wolfram Axthelm weist darauf hin, dass daraus Herausforderungen für Politik und Gewerkschaften entstehen, die man berücksichtigen müsse.

Gleichzeitig gebe es Teile des Handwerks, die als KMU unter den aktuellen Verzerrungen der Strompreise leiden. "Die preisgünstige Erzeugung von Wind und Photovoltaik kommt wegen der Abgaben und Umlagen nicht beim Verbraucher an. KMU können sich anders als Teile der Industrie diesen Belastungen nicht entziehen", sagt Wolfram Axthelm. Er fordert: "Eine Reform des Strommarktdesigns und der Steuern, Abgaben, Umlagen im Energiebereich ist überfällig." Dazu hat der BEE verschiedenste Vorschläge wie die Senkung der Stromsteuer oder die Privilegien der Industrie über Steuern zu bezahlen. Detail dazu gibt es hier.>>>

EU-Klimaprogramm: Handwerk ist beim Solarausbau gefragt

Um den Ausbau der erneuerbaren Energien insgesamt voranzutreiben, bedarf es nach Angaben des BEE einen breiten Mix an Technologien. Sowohl ein verstärkter Ausbau der Windenergie an Land und auf dem Meer, als auch den der Photovoltaik müsse man forcieren. Genau würden aber auch Bioenergie, Geothermie und Wasserkraft dazugehören.

Handwerksunternehmen sind dabei vor allem beim Solarausbau gefragt – sowohl was Photovoltaik als auch was Solarthermie betrifft. Beide Technologien seien in den letzten zehn Jahren aus Sicht des BSW-Solar politisch stark vernachlässigt worden. "Bei der Solarenergie wurde bislang nur ein Bruchteil der Klimaschutz-Potenziale gehoben", sagt dazu Carsten Körnig. Mittels fairer Investitionsbedingungen, angemessener CO2-Mindestpreise und einem Mix aus Fördern- und Fordern ließe sich z.B. bei der Solarthermie seinen Aussagen zufolge die installierte Kapazität bis zum Jahr 2030 vervielfachen. Ungenutztes Potenzial sieht der BSW-Solar sowohl in der dezentralen Erzeugung von Solarwärme aus Solarkollektoren vom Haus- oder Gewerbedach als auch bei ihrer zentralen Einspeisung aus großen Solarthermiekraftwerken in bestehende Fernwärmenetze. Der Verband hat dazu der Bundesregierung bereits im vergangenen Jahr einen Vorschlag für ein entsprechendes Push-Programm vorgelegt und wird laut Carsten Körnig auch die neue Regierung im Herbst damit zeitnah konfrontieren. 

Ausbautempo bei PV-Anlagen bis 2030
© BSW Solar

Solarenergie: Ausbau müsste mindestens verdreifacht werden

Zwar sind die Ausbauziele Deutschlands bei Ökostrom und der erneuerbaren Wärmenutzung höher gesteckt als die anderer EU-Staaten und die Vorgaben von "Fit for 55" übertrifft die Bundesregierung zumindest auf dem Papier. Erreicht sind die Ziele aber bei Weitem noch nicht. Derzeit liegt Deutschland bei rund 42 Prozent erneuerbaren Energien bei der Stromerzeugung und bei 15 Prozent der Wärmegewinnung. "Allein zur Umsetzung der Pariser Klimaziele wäre es erforderlich, die jährliche Installationsleistung der Photovoltaik zum Beispiel kurzfristig zu verdrei- bis vervierfachen", sagt deshalb Carsten Körnig. Die Pariser Klimaziele geben vor, dass der Anstieg der Erderwärmung auf mindestens zwei Grad Celsius begrenzt werden soll. Die Solarisierung des Strom- und Wärmesektors ist deshalb für ihn einer der wichtigsten Hebel für den beschleunigten Ausbau erneuerbarer Energien. "Die Investitionsbereitschaft bei Unternehmen und Verbrauchern wäre nach unserer Einschätzung gegeben", so der Geschäftsführer des Verbands der Solarwirtschaft.

Und diese Beschleunigung wäre aus seiner Sicht bei der Photovoltaik mit nur wenigen gesetzlichen Federstrichen möglich. Zum einen zähle dazu die Heraufsetzung der Ausbaukorridore, des Atmenden Deckels und der Auktionsvolumen im Erneuerbaren Energien Gesetz (EEG), zum anderen der Abbau von Marktbarrieren wie zum Beispiel der erst jüngst eingeführten Auktionspflicht für Gebäude – Photovoltaikanlagen unterhalb einer Leistung von 1 MW. "Darüber hinaus ist es überfällig, die Eigen- und Direktversorgung mit Solarstrom konsequent von Umlagen und Abgaben zu befreien und den Ausbau von Batteriespeichern insbesondere im gewerblichen Sektor gezielt zu fördern", sagt Körnig.

Erneuerbare Energien schwächeln 2021

Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien in ersten Halbjahr 2021
© Arbeitsgruppe Erneuerbare Energien-Statistik (AGEE-Stat)

Dass der Ausbau der erneuerbaren Energien kein Selbstläufer ist, mahnt ganz aktuell auch das Umweltbundesamt (UBA). Das zeige insbesondere das bisherige Jahr 2021 mit seinen schwer kalkulierbaren Wetterlagen. So ist etwa die Menge des erneuerbaren Stroms gesunken, da das Frühjahr sehr windarm war und der Stromverbrauch insgesamt gestiegen ist. Das ist nach Ansicht des UBA als Warnsignal zu sehen: "Die gesetzlich vereinbarten Ziele müssen schnellstmöglich mit konkreten Maßnahmen unterlegt werden. Denn um bis zum Jahr 2030 einen Anteil von 65 Prozent erneuerbare Energien am Stromverbrauch in Deutschland zu schaffen, muss die erneuerbare Stromerzeugung in nur neun Jahren fast verdoppelt werden." Das schreibt die Behörde im Zusammenhang mit der Veröffentlichung der neuen Zahlen der Arbeitsgruppe Erneuerbare Energien-Statistik (AGEE-Stat) im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums.

Aus Sicht des UBA müssen die Ausbauziele der erneuerbaren Energien schnell nach oben korrigiert werden. Erneuerbarer Strom sei die Voraussetzung, um den Gebäude-, Verkehrs- und Industriesektor zu dekarbonisieren. Dies wiederum ist ausschlaggebend für das Erreichen oder zumindest Näherkommen an die Klimaziele.

Klimaprogramm der EU fordert mehr energieeffiziente Gebäude

Um die Klimaziele zu erreichen, ist aber auch eine EU-weite Steigerung der Energieeffizienz nötig. Dazu erklärte die Deutsche Energie-Agentur (dena) bei der Veröffentlichung des EU-Pakets: "Aufgrund des erhöhten Einsatz erneuerbarer Energien, sowie der geplanten Novellierungen nehmen die Diskussionen zu den möglichen Anpassungen für den Gebäudesektor auf nationaler Ebene bereits Fahrt auf." Absehbar sei eine deutliche Stärkung des Ordnungsrechts. Für einen weiteren Schub sollen im Gebäudesektor die Einführung von verbindlichen Mindestnormen für bestehende Gebäude (MEPS) sorgen. Energieausweise und individuellen Sanierungsfahrpläne sollen gestärkt, Gebäudedatenbanken aufgebaut sowie die Vorbildrolle der öffentlichen Hand und der Markt für nachhaltige Bauprodukte und Bauleistungen ausgeweitet werden. Das teilt die dena auf Anfrage mit.

Konkret geht es darum, dass mehr alte Gebäude energetisch saniert werden. Erst kürzlich hat eine Studie der DZ Bank gezeigt, dass der Großteil der 20 Millionen Wohngebäude in Deutschland viel mehr Energie brauchen als nötig. Meist stammt diese noch aus Öl und vorrangig aus Gas. Die Maßnahmen, die die Politik dagegen bisher ergriffen hat, reichen nicht aus, um diesen Sanierungsstau zu lösen. Zu viele sanierungsbedürftige Gebäude und zu wenig Kapazitäten bei Bau- und Handwerksfirmen wirken hier als Hemmnis. Das berichtet tagesschau.de. So könne es im derzeitigen Tempo Jahrzehnte dauern bis die Ziele der Bundesregierung erreicht sind, dass der Gebäudebestand langfristig klimaneutral wird.

Gebäudesanierung: Förderprogramme sind zahlreich

Deutschland steht derzeit bei der stockenden Gebäudesanierung nicht alleine da. Die dena betont aber, dass Deutschland im EU-Vergleich insbesondere bei den etablierten Förderangeboten, die sowohl Einzelmaßnahmen als auch tiefgreifende Sanierungen unterstützen, gut abschneidet. So werden Ansätze wie die neue steuerliche Förderung für Sanierungen, die Entwicklung des individuellen Sanierungsfahrplans und die Einbettung in die staatliche Förderung international oft als gute Beispiele dargestellt.