Studie zum Arbeitszeitmodell Isländer testen Vier-Tage-Woche: Auch was fürs Handwerk?

Weniger Arbeitszeit, mehr Freizeit und das bei gleichem Lohn – zwei großangelegte Studien aus Island zeigen, wie das funktioniert. Die Mitarbeiter waren weniger gestresst und die Produktivität hat nicht gelitten. Ein Konzept, das auch für manchen einen Handwerksbetrieb interessant sein könnte, wenn auch nicht für jeden.

Blick auf Reykjavik
Die Isländer arbeiten rund 39 Stunden in der Woche, ein relativ hoher Wert. Nachdem sie die Vier-Tage-Woche getestet haben, arbeiten viele nun auch langfristig weniger. - © Fly_dragonfly - stock.adobe.com

Vier Tage arbeiten, drei Tage frei – die Idee der Vier-Tage-Woche wird immer mal wieder diskutiert. Wie solch ein Arbeitszeitmodell genau aussehen könnte und wie es sich auf die Produktivität und das Wohlbefinden der Mitarbeiter auswirkt, haben die Isländer in zwei großen Versuchen getestet. Nun stehen die Ergebnisse fest: "Die Produktivität und die erbrachte Leistung blieben gleich oder verbesserten sich sogar bei den meisten Versuchsarbeitsplätzen", heißt es in der Auswertung.

Fast 3.000 Isländer testen die Vier-Tage-Woche

Die Wochenarbeitszeit in Island ist hoch und die Lebensarbeitszeit zählt zu den längsten in Europa. Das Renteneintrittsalter in Island liegt aktuell bei 67 Jahren, in Deutschland bei 65. Nachdem sich viele Isländer immer wieder über fehlende Freizeit und Zeit für die Familie beklagt hatten, startete 2015 ein erster Feldversuch für die Vier-Tage-Woche. Die Forscher wollten damit den Effekt einer geringeren Wochenarbeitszeit untersuchen. Während der Testphase reduzierten die Teilnehmer ihre wöchentliche Arbeitszeit von 40 auf 35 bis 36 Stunden, ohne dabei finanzielle Abstriche machen zu müssen.

Über mehrere Jahre, von 2015 bis 2019, fanden insgesamt zwei große Experimente statt. An der ersten Studie nahmen in der Spitze bis zu 2.500 Beschäftigte, am zweiten Experiment nahmen ab 2017 mehr als 400 Personen teil. Für Island ist das eine erhebliche Zahl, die gesamte arbeitende Bevölkerung liegt bei etwa 200.000 Personen.

Um Produktivitätseinbußen zu verhindern, wurde die verkürzte Arbeitszeit durch eine Überarbeitung der Arbeitsroutinen flankiert: Meetings wurden in weniger Zeit abgehalten oder vollständig durch E-Mails ersetzt, und es wurde gezielt nach Aufgaben gesucht, die sich ersatzlos streichen lassen.

Ergebnis: Weniger Stress bei gleicher Produktivität

Den Forschern zufolge berichteten die Teilnehmer, weniger gestresst zu sein und sich seltener Burn-out-gefährdet zu fühlen. Ihre Work-Life-Balance habe sich deutlich verbessert. Nach Angaben der Studienmacher arbeiten nach Ende der Studien 86 Prozent der isländischen Erwerbstätigen kürzer oder haben zumindest die Option, weniger zu arbeiten.

Neben dem gestiegenen Wohlbefinden der Mitarbeiter hat sich, entgegen mancher Befürchtungen, auch die Produktivität gut entwickelt. Die Arbeitsleistung der Teilnehmer war laut Studienleiter genauso gut oder sogar besser als vorher.

Die Macher der Studie hoffen, dass die Ergebnisse andere Länder motivieren, ebenfalls das Arbeitszeitmodell der Vier-Tage-Woche zu testen. Besonders angetan von der Idee sind die skandinavischen Länder. Die finnische Premierministerin Sanna Marin soll von einer Viertagewoche begeistert sein.

Vereinzelte Handwerksbetriebe testen das Modell

Und wie sieht es im deutschen Handwerk aus? Zumindest der eine oder andere Handwerksbetrieb hat das Modell schon mal getestet. Immer mal wieder ist von Betrieben zu lesen, die sehr gut mit diesem Arbeitszeitmodell fahren. So zum Beispiel vom Sanitär-, Heizungs- und Flaschnerei-Betrieb von Marcus Gaßner, der vor ein paar Jahren die Vier-Tage-Woche eingeführt hat. Komplett geschlossen hat er allerdings nie. Die Mitarbeiter wechseln sich so ab, dass das Büro immer besetzt ist.

"Vor allem auf dem Bau oder in Betrieben mit standardisierten Produktionsstraßen ist eine Vier-Tage-Woche durchaus denkbar", sagt Nicole Heymann, Personalberaterin der Handwerkskammer Region Stuttgart. Von Montag bis Donnerstag zu arbeiten und den Freitag geschlossen zu bleiben, sei für viele Betriebe einfach umzusetzen. Bei vielen Handwerkern werde jetzt schon am Freitag weniger gearbeitet als an den restlichen Tagen.

Ein großes Thema sei die Vier-Tage-Woche aber nicht. Umgesetzt hätten es in der Region Stuttgart bisher sehr wenige. "Ein paar Handwerksbetriebe arbeiten zum Beispiel Montag bis Donnerstag auf der Baustelle und Freitag nur im Büro. Bekannt ist mir in der Region nur ein Betrieb, der tatsächlich nur an vier Tagen erreichbar ist", berichtet Heymann.

Warum es für viele Betriebe schwierig ist, erklärt sich Heymann vor allem mit dem Lohnausgleich. Dass Mitarbeiter weniger arbeiten, dafür aber keine finanziellen Einbußen haben, sei im Handwerk einfach kaum vorstellbar. Hinzu käme, dass es schwierig sei, Kunden zu erklären, warum nur an vier Tagen gearbeitet wird.

Und wie sieht es in anderen Ländern aus?

Wie unter anderem der Nachrichtensender ntv berichtet, werden derzeit in einigen Ländern ähnliche Studien wie die in Island durchgeführt – unter anderem in Spanien, wo Unternehmen zum Teil aufgrund der Herausforderungen des Coronavirus eine Viertage-Arbeitswoche für Unternehmen eingeführt haben. Unilever experimentiere in Neuseeland mit verkürzten Arbeitszeiten. Angestellte können ihre Arbeitszeit um bis zu 20 Prozent reduzieren, ebenfalls bei vollem Lohn. In Großbritannien kam im Mai ein von der Projektgruppe Platform London in Auftrag gegebener Bericht zu dem Ergebnis, dass kürzere Arbeitszeiten den CO2-Fußabdruck des Landes verringern könnten.

Den Studienbericht auf Englisch gibt es hier: https://autonomy.work/portfolio/icelandsww/