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Fragwürdig, was "frisch gebacken" wirklich heißt Bäckerei ohne Bäcker: Aldi schafft neue Backwelt

Statt auf Backautomaten setzt Aldi Süd künftig auf ein breites Sortiment an Backwaren, die angeblich "frisch gebacken" sind. Eine gesetzliche Lücke macht es möglich, dass sich quasi jeder "Bäcker" nennen darf. Warum das Bäckerhandwerk Aldi dennoch nicht als Konkurrenten sieht.

Backautomat
Vom Bäcker oder vom Backshop: Verbraucher können die unterschiedliche Qulität meist unterscheiden. Ob hinter einer Bäckerei allerdings wirklich ein Handwerksbäcker steckt, bleibt in der öffentlichen Wahrnehmung... -

Schon vor einigen Jahren standen sich der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks und Aldi Süd vor Gericht gegenüber um die Frage zu klären, was "frisch gebacken" wirklich heißt und wer damit wie werben darf. Der Prozess dauerte lange und endete in einem Vergleich. Für Aldi Süd scheint die Lage klar zu sein, denn der Discounter scheut nicht davor zurück, den nächsten Schritt in seiner Werbestrategie zu gehen: Aus den Backautomaten werden ganze "Backwelten", denn das Sortiment an Brot und Brötchen wird in allen Filialen Stück für Stück auf etwa 40 Artikel erweitert. Aldi Süd spricht dabei selbst von einer Umüstung auf das manuelle Backen.

Angeblich sind nämlich alle Backwaren "ofenfrisch" und die Kunden können sich das Brot, das sie sich aus einer großen SB-Theke aussuchen, auch selbst schneiden. Eine Brotschneidemaschine steht parat. Nach eigenen Angaben reagiert Aldi mit dem Start der neuen "Backwelt" auf die Wünsche der Kunden nach einem vielfältigen Backwaren-Sortiment zu einem guten Preis-Leistungsverhältnis, dessen Herstellungsprozess sie durch eine Scheibe des Backautomaten verfolgen können. Der Bereich Brot- und Backwaren habe sich im Laufe der vergangenen Jahre bei Aldi Süd zu einem wichtigen Sortimentsbereich entwickelt, teilt der Discounter mit.

Qualität der Backwaren überzeugt Produkttester nicht

Aus Sicht vieler Bäcker verschweigt Aldi dabei aber gezielt, dass das Aufbacken der Teiglinge nur der letzte Schritt im Backprozess ist und dass "frisches Backen" eigentlich ganz anders aussieht und eine manuelle Verarbeitung anders vonstatten geht.

Mit der Ankündigung von Aldi Süd nun ein breites Backwaren-Sortiment anzubieten, geht der Bäckerverband dennoch selbstbewusst um. So teilt Verbandspräsident Michael Wippler mit, dass nicht der Preis das entscheidende sei für den Verbraucher, sondern die Qulität der Backwaren und die persönliche Atmosphäre, die der Lebensmitteleinzelhandel nicht bieten könne. "Unabhängig davon muss sich der Handwerksbetrieb natürlich vom Lebensmitteleinzelhandel, Discountern und Backshops abgrenzen. Dies wird schwieriger, wenn der LEH mit Handwerksattributen wirbt, obwohl von ihm selbst keine Backwaren hergestellt werden, sondern lediglich zugekaufte, oft vorgebackene Tiefkühlteiglinge aus industriellen Brotfabriken angeboten werden", gibt Wippler dennoch zu.

Als der Discounter die ersten Backautomaten in die Filialen stellte und diese mit entsprechenden Slogans bewarb, schreckte der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks deshalb nicht davor zurück, Aldi Süd zu verklagen. Der Prozess, in dessen Zentrum die Frage steht "Was bedeutet Backen?" konnte jedoch auch nicht klären, ob Aldi seine Brötchen und das angebotene Brot mit der Formulierung "frisch gebacken" bewerben darf. Der erzielte Vergleich ist für den Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks jedoch ein Zeichen dafür, dass sich die Verbraucher nicht täuschen lassen und wissen, dass das Backkonzept des Discounters mit echtem Bäckerhandwerk nicht zu vergleichen ist.

Drei Fragen an Aldi Süd

Das teilt der Discounter in Bezug auf Qualität und Verarbeitung seiner Backwaren mit:

DHZ: Warum wurden aus den Brotbackautomaten die neuen "Backwelten"?

Aldi Süd: Veränderte Kundenbedürfnisse haben dazu geführt, dass Aldi Süd sich nun für eine Umstellung des Backwarenkonzepts entschieden hat: Die Kunden wünschen sich im Brot- und Backwarenbereich eine größere Auswahl und erwarten insgesamt viel Frische im Sortiment. Gleichzeitig besteht der Wunsch der Kunden nach mehr Transparenz im Backwarenbereich.

DHZ: Woher bezieht Aldi Süd seine Backwaren?

Aldi Süd: Die Backwaren stammen überwiegend aus Deutschland. Zudem beziehen wir Backartikel aus Frankreich wie z. B. das Buttercroissant und aus Italien, wie z.B. das Pizzaschiffchen. Weitere ausgewählte Produkte werden auch in Belgien hergestellt. Bei den Backwaren weisen wir auf den Lieferanten der Produkte sowie auf die verwendeten Zutaten auf dem Produktinformations- und Preisschild hin. Dieses ist für unsere Kundinnen und Kunden gut sichtbar unter den Ausgabefächern angebracht.

DHZ: Ist die Qualität mit handwerklichen Produkten einer Bäckerei vergleichbar?

Aldi Süd: Mit "Meine Backwelt" kommen wir dem Wunsch unserer Kunden nach einer größeren Vielfalt an frischem Brot und Gebäck zum gewohnt besten Preis-Leistungsverhältnis nach. Unsere Backwaren werden aus qualitativ hochwertigen Rohstoffen hergestellt. So können wir absolute Frische und besten Geschmack garantieren.

Wann ist "frisch gebacken" wirklich frisch gebacken?

Beim letzten Prozesstag im Jahr 2015 ging es um die Ergebnisse eines Gutachters, der den Backprozess bei Aldi genau unter die Lupe genommen hat. Jürgen-Michael Brümmer ist Brottester und hat sich sowohl angeschaut, was in den Aldi-Filialen bzw. in den Backautomaten des Discounters vor sich geht, als auch die Ergebnisse selbst – die Krume, den Bräunungsgrad und vieles weitere. Sein Testurteil fiel zwar bescheiden aus, denn Brümmer hätte von den Backwaren eine bessere Qualität erwartet.

Den Backprozess selbst hielt der Brottester jedoch für branchenüblich und kritisierte ihn demnach nicht. In den Backautomaten werden jedoch fast fertige Teiglinge nur aufgebacken. Eine Vorbereitung des Teigs, ein Kneten, Gären und wirkliches Backen, wie es das Bäckerhandwerk als Basis sieht, findet hier nicht statt. Genau das bemängelt der Bäckerverband. Da jedoch auch festgestellt wurde, dass der Prozess, Teiglinge vorzubereiten und erst kurz vor dem Verkauf fertig zu backen, ebenso in einigen Bäckereien ein gängiges Verfahren , fällten die Richter kein eindeutiges Urteil zur Verwendung der Begriffe.

Das Bäckerhandwerk hat derzeit allerdings noch ein weiteres Problem. Auch um den Begriff der "Bäckerei" muss es kämpfen.

Bäckerei ohne Bäcker: Verbraucher sollen Druck machen

Schon lange ist die Lücke in der Handwerksordnung dem Bäckerverband ein Dorn im Auge. Die Handwerksordnung schützt nach dem Gesetzeswortlaut nur die Berufs-, aber nicht die Betriebsbezeichnung. So werden aus Backshops Bäckereien.

Der Bäckerverband versucht nun wieder die Politik bzw. die neue Bundesregierung und die Handwerksgesetzgebung auf das Problem aufmerksam zu machen. "Dieses Ziel verfolgen wir mit Nachdruck, um das Bäckerhandwerk zu stärken und damit auch eine gewisse Sicherung von Qualität und individueller Vielfalt zu erreichen", teilt der Verband auf Anfrage mit.

Bislang hat sich noch keiner an eine wirkliche Änderung gewagt. Zwar ist im Kommentar zur Handwerksordnung von Holger Schwannecke, dem Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) mittlerweile ein Hinweis darauf enthalten, dass die Betriebe bzw. deren Bezeichnungen rechtlich geschützt werden sollten. Im eigentlichen Gesetzestext fehlt die Festlegung aber noch immer.

Verschärft hat sich das Problem seit Dezember 2014, denn damals ist Paragraph 11 des Lebensmittel-, und Futtermittelgesetzbuch (LFGB), der den "Schutz vor Täuschung" regelte, gestrichen worden. Der sogenannte Täuschungsparagraph stellte klar, dass eine Irreführung insbesondere dann vorliegt, wenn über die "Art der Herstellung" getäuscht wird. Heute gilt ausschließlich europäisches Recht, genauer gesagt Artikel 7 der Lebensmittelinformationsverordnung und nationales Recht ist unanwendbar. Zwar bestimmt Artikel 7 ebenfalls, dass nicht über die "Methode der Herstellung oder Erzeugung" getäuscht werden darf. Eine Klarstellung dahingehend, dass dies auch für Betriebsbezeichnungen gilt, ist im europäischen Recht allerdings nicht enthalten.

Die Problematik ist allerdings nicht nur ein Thema des Bäckerhandwerks. Das handwerksnahe Ludwig-Fröhler-Institut hat zum Thema eine Untersuchung veröffentlicht. Unter dem Titel "Wettbewerbsschutz vor Irreführung durch die Handwerksordnung" legt sie dar, dass Betriebe, die handwerkliche Begriffe benutzen, ohne einen Meistertitel vorweisen zu können, wettbewerbsrechtlich nur schwer zu belangen sind. Das gilt auch für viele andere Gewerke.

So entstand die Lücke in der Handwerksordnung

In den 1950er Jahren, als die Handwerksordnung geschrieben wurde, gab es noch keine Backshops. Ein Bäcker war ein Bäcker. Er backte all seine Brote, Brötchen und Kuchen selbst – ohne Fertigmischungen und Teiglinge. Und so war eine Bäckerei auch unverkennbar eine Bäckerei, in der ein Bäcker handwerklich arbeitete. Doch das ist heute anders.

Backwaren gibt es im Supermarkt, an der Tankstelle und im Kiosk. Discounter bieten Aufbackbrötchen aus Backautomaten an und werben damit, dass sie "frisch backen". Schon vor einigen Jahren hat der Deutsche Bäckerverband versucht, diese Praxis zu unterbinden. Denn "frische Backwaren" sehen anders aus, schmecken anders und werden anders hergestellt. Nicht umsonst ist die Berufsbezeichnung des Bäckers geschützt. 

Wer Bäcker werden möchte, absolviert eine dreijährige Ausbildung in einem zulassungspflichtigen Handwerk. Wer einen eigenen Betrieb mit selbst gebackenen Waren eröffnen und eigene Lehrlinge ausbilden möchte, braucht zusätzlich eine Meisterqualifikation. Dabei geht es um die einzelnen Produktionsschritte – von den Zutaten bis zur fertigen Backware. Erfolgen alle Produktionsschritte in einem Betrieb, war ein Bäckermeister am Werk.

So können sich Betriebe selbst wehren

Backwaren verkaufen kann man allerdings auch ohne die Ausbildung. Und nicht nur das: Man kann offensichtlich ungestraft sein Geschäft " Bäckerei" nennen. Die Handwerksordnung bietet zwar Schutz für die Meisterbezeichnung, aber nicht explizit für die Bezeichnung der Betriebsstätte. Auch bei der Werbung für Brot und Brötchen wird es schwierig für die "richtigen" Bäcker. Denn Begrifflichkeiten wie "frisch gebacken" sind nicht geschützt.

Individuellen Schutz bietet allein das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG). Doch wer sich darauf berufen möchte, muss selbst klagen. Ausschlaggebend ist jeweils der Einzelfall bzw. der direkte Konkurrent, dem man einen Verstoß nachweisen muss.

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Der Beitrag wurde am 8. Februar 2018 aktualisiert.

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