Internationale Handwerksmesse: Die Erfinder der Exempla

„460.000 Innovationen. Und das Patentamt haben wir auch gebaut.“ Der Werbeslogan, der für die Imagekampagne des deutschen Handwerks konzipiert wurde, bringt es auf den Punkt: Oftmals sind es die Erfindungen von Betrieben des handwerklichen Mittelstands, die zur Marktreife gebracht werden.Von Jens Christopher Ulrich

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    Von den Philippinen, aus der Türkei, Indien, Korea, der Schweiz, Algerien und Luxemburg liegen mittlerweile Anfragen für die Klettergärten von Heinz Tretter vor.Foto: KristallTurm
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    An den Kreuzungspunkten des Edelstahlnetzes „X-TEND“ der Firma Carl Stahl können farbige LED-Module angebracht werden, die einzeln steuerbar sind. So entsteht ein wartungsarmer Großbildschirm mit hoher Wind- und Lichtdurchlässigkeit.Foto: Carl Stahl
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    Textildesignerin Elisa Strozyk kombiniert in einem auf der Exempla vorgestellten Projekt Holz und Textil. Foto: Strozyk

Internationale Handwerksmesse: Die Erfinder der Exempla

Zu den einfallsreichen Erfindern von nebenan, die vom 16. bis 22. März 2011 auf der Exempla im Rahmen der Internationalen Handwerksmesse ausstellen, gehört auch die Firma Schröter Modell- und Formenbau GmbH aus Oberpframmern bei München. Sie arbeitet mit vollkommen anderen Materialien und zählt zu den innovativsten Modellbaubetrieben Bayerns. Das Unternehmen stellt 1:1-Modelle für alle führenden deutschen Automobilbauer her. Die Modelle werden mittels riesiger Fünf-Achsen-Fräsen aus Kunststoffblöcken herausgearbeitet. Ihre Ursprungsideen prüfen die Chefdesigner der Konzerne dann auf Realisier- und Produzierbarkeit sowie auf Windschnittigkeit und Eleganz. Schröter Modell- und Formenbau verfügt über hochmoderne Maschinen und Computeranlagen. Mit einem mobilen 3D-Scanner-System, einem Sieben-Achsen-Koordinaten-Messarm und einem 3D-Laserscanner kann die Digitalisierung der zu erfassenden Modelle und Oberflächen direkt am Produktionsort oder im Messlabor vorgenommen werden.

Textildesignerin setzt auf Holz

Das Central Saint Martins College of Art and Design in London war in den 60er und 70er Jahren eine der einflussreichsten Kunstschulen Englands und für viele Musiker aus dem Umfeld von Punk und New Wave ein zentraler Treffpunkt. Heute ist das College vor allem für seine Ausbildungsbereiche Mode und Textil bekannt. Ziel ist es, Designer auszubilden, die Visionen haben, aber gleichzeitig strategisch denken und handeln können. Die Textildesignerin Elisa Strozyk aus Berlin studierte Textil- und Flächendesign an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, bevor sie an das Saint Martins College wechselte, wo sie 2009 mit dem Master im Studienfach „Future Textiles“ abschloss. Während ihres Studiums experimentierte Strozyk mit dem Werkstoff Holz und entwickelte daraus das auf der Exempla vorgestellte Projekt „Wooden Textiles“. Darin kombiniert sie Holz und Textil. Über ihre Arbeit, für die sie 2009 den Designpreis der Bundesrepublik Deutschland erhielt, sagt sie: „Ich hinterfrage das Alltägliche, interpretiere neu und setze das Gewohnte in einen neuen Kontext.“

Holz zählt für Heinz Tretter ebenfalls zu den wichtigsten Arbeitsstoffen. Der Inhaber einer Zimmerei in Lenggries begann 2007 mit den ersten Entwürfen für eine neue und innovative Art von Klettergärten. Ziel war es, den Gästen einerseits ein unvergleichliches Klettererlebnis zu bieten und gleichzeitig Investoren und Betreiber mit einem Höchstmaß an Sicherheit, Wirtschaftlichkeit und Design zu locken. Noch im gleichen Jahr wurde das erste Projekt, der Hochseilgarten Isarwinkel am Fuße der Brauneck-Bergbahn, als Holzkonstruktion verwirklicht. Mit drei Ebenen und 90 verschiedenen Stationen in Höhen zwischen fünf und 15 Meter lockt der Klettergarten jährlich bis zu 10.000 Gäste in den Isarwinkel. In einer zweiten Phase wurde gemeinsam mit Ingenieuren und Statikern, gefördert mit Innovationsgutscheinen des bayerischen Wirtschaftsministeriums, die Holzkonstruktion in eine Stahlanlage umgeplant. Diese ermöglicht eine überdurchschnittliche Lebensdauer, die nachträgliche Erweiterbarkeit durch neue Ebenen, einen kostengünstigeren Transport sowie einen schnelleren Aufbau. Seit August 2010 steht der erste „KristallTurm“ aus Stahl direkt in Berlin-Mitte – nur 400 Meter vom Alexanderplatz entfernt. Tretter verzeichnet mittlerweile konkrete Anfragen von den Philippinen, aus der Türkei, Indien, Korea, der Schweiz, Algerien und Luxemburg.

Großes Interesse besteht auch an den Produkten und Dienstleistungen der Avantgarde Technologie GmbH, die sich aus einem Meisterbetrieb für Bootsbau entwickelte. Firmengründer Wulfram Schmucker erkannte früh das Potenzial von Kohlefasern und erforschte neue Verfahrenstechniken in diesem Bereich. Die von der Gilchinger Firma entwickelten Verfahren eignen sich besonders für hochbelastete Bauteile aus Maschinenbau und Robotik. Zu den Kunden zählt auch das Augsburger Unternehmen Kuka, das als weltweit erster Roboterhersteller Kohlefaserbauteile serienmäßig verwendete. Auf der Exempla 2011 wird die Herstellung eines „Parallelarmes“ des Kuka-Roboters KR 180 gezeigt, für den Avantgarde Technologie seit 1999 Bauteile liefert. Das Unternehmen arbeitet als Entwicklungslieferant auch mit verschiedenen Instituten der Deutschen Forschungsgesellschaft für Luft- und Raumfahrt (DLR) zusammen.

Netze mit LED-Modulen

Die Unternehmensgruppe Carl Stahl GmbH mit Hauptsitz in Süßen in Baden-Württemberg ist eine der weltweit führenden Firmen im Bereich der Seil- und Hebetechnik. Im Gegensatz zu früher bestehen die meisten Seile längst aus Stahl und genügen höchsten Sicherheitsstandards. So können Netze, wie das „X-TEND“, gefertigt werden, das als Geländerfüllung, Absturzsicherung, Rankhilfe für „grüne Fassaden“ oder für Tiergehege im Zoo eingesetzt wird. Die neueste und zukunftsträchtigste Anwendungsmöglichkeit für „X-TEND“ bietet sich im Bereich der Medienfassade und Gebäudeillumination mit Leuchtdioden (LEDs). An den Kreuzungspunkten des filigranen Edelstahlnetzes mit Maschenweiten zwischen 50 und 300 Millimeter werden die LED-Module angebracht und die Videofläche wird aufgebaut. Die farbigen LEDs sind einzeln steuerbar, integrierte Prozessoren in jeder Leuchte sichern die notwendige Flexibilität für die dynamisch wechselnden Bildinhalte. Der so entstandene Großbildschirm ist äußerst wartungsarm und verfügt über Vorteile wie beliebige Größe, dreidimensionale Verformbarkeit, geringes Gewicht und hohe Wind- und Lichtdurchlässigkeit. Für die Exempla 2011 wird eine Projektionsfläche von Carl Stahl mit einer Präsentation der Multimediadesigner von Lab binaer bespielt, die interaktiv ausprobiert werden können. Die Firma Lab binaer wurde 2007 von Benjamin Mayer, Martin Spengler und Daniel Stock gegründet.

Die Augsburger planen und entwickeln multimediale Exponate, die auf eine Kombination von akustischen, visuellen und haptischen Reizen setzen. Lab binaer wurde 2010 im Rahmen der „Kultur- und Kreativwirtschaftskampagne“ der Bundesregierung als „Kultur- und Kreativpiloten“ ausgezeichnet. Auf der Exempla 2011 tragen sie dazu bei, den Besuchern die Innovationskraft des Handwerks multimedial näherzubringen.

Jens Christopher Ulrich