Eric Kleinmann aus Rangendingen baut historische Harfen für eine internationale Musikerszene.
Udo Steinort

Instrumentenbau ist eine komplexe Angelegenheit. Doch richtig kniffelig wird es, wenn von einem alten Klangkörper nicht mehr als eine zeitgenössische Darstellung existiert. Der in der Nähe von Reutlingen ansässige Harfenbauer Eric Kleinmann hat sich auf die Rekonstruktion historischer Instrumente spezialisiert. Mit viel Liebe zum Detail und einer gehörigen Portion Kompromisslosigkeit versucht er, den Originalen so nahe wie möglich zu kommen.

Die musikalische Hölle – ausgerechnet an diesem unwirtlichen Ort fand Kleinmann die Vorlage für eine der gotischen Harfen, die in seiner Werkstatt entstehen. Freilich handelt es sich nicht um eine detaillierte Konstruktionszeichnung. Der gleichnamige Seitenflügel des um das Jahr 1500 entstandenen Triptychons "Der Garten der Lüste" von Hieronymus Bosch zeigt eine Szene aus der Unterwelt, die erste Hinweise auf Form und Proportionen des Instruments enthält, mehr nicht. "Abbildungen auf Altaren, Gemälden und Skulpturen oder in Kirchenhandschriften sind wichtige Quellen, weil nur wenige Instrumente erhalten sind", erklärt Kleinmann.
Zum Vermessen nach London
Was folgt, ist die akribische Rekonstruktion von Maßen, Proportionen, der Statik und Bauweise bis hin zu Tonumfang und Ornamentik. Nicht immer ist der Abgleich mit einem Original möglich. Der Nachbau eines im Barock vom englischen Harfenbauer David Evans gefertigten Instruments führt Kleinmann zum Vermessen ins Victoria-Albert-Museum nach London. Während der Arbeit in der Werkstatt kommen neue Fragen auf und eine zweite Reise wird notwendig. Den damals nicht einkalkulierten Mehraufwand verbucht er als Investition: "Ich stelle Kopien her, aber eben solche, die dem historischen Vorbild möglichst nahe kommen."
Harfenbau
Betriebszahlen: Insgesamt gibt es laut Kleinmann rund 15 handwerkliche Harfenbauer in Deutschland. Beim Bau von Konzertharfen ist vor allem die Firma Horngacher vom Starnberger See führend. Ausbildung: Harfen gehören zu den Zupfinstrumenten und werden mit den Gitarrenbauern beschult. Das Problem, so Kleinmann, ist, dass Gitarrenbau zum Beispiel bei der Statik ganz andere Anforderungen an die Ausbildung stellt als der Bau von Harfen. Deshalb arbeitet Kleinmann in einer Arbeitsgruppe mit Fachleuten vom Bundesinstitut für Berufsbildung an einer spezialisierten Ausbildungsordnung. Harfenarten: In den Musikschulen werden für den Unterricht hauptsächlich keltische Harfen genutzt. Orchester musizieren mit Konzertharfen, die eine zusätzliche Klappenmechanik besitzen. Historische Harfen, die Kleinmann baut, umfassen alle Harfen vor 1800 ohne Pedalmechanik.
Seite 2: Eric Kleinmann über seine "Zeit im Untergrund".
Eric Kleinmann ist Instrumentenbauer, Musikhistoriker, Holzexperte und Werkzeugmacher in einem, vor allem aber ist er Autodidakt. Harfenbau ist kein anerkannter Ausbildungsberuf. In seinem ersten Berufsleben arbeitete er als Grafiker und Designer, in der Freizeit beschäftigte er sich mit experimentellem Flugzeugbau – und mit alter Musik. Sein erstes Instrument baute er für seine damalige Ehefrau, eine studierte Harfenistin. Nach und nach reifte der Entschluss, den Harfenbau professionell zu betreiben.
Allerdings mussten erst einmal einige bürokratische Hürden genommen werden. "Meine Zeit im Untergrund", sagt der 59-Jährige über seine Anfänge. 1998 folgte die Eintragung in die Handwerksrolle – eine Ausnahmebewilligung des Regierungspräsidiums machte es möglich.
Ikonografie des KlangsQualität geht vor Masse
Die Marke "Eric" steht heute für hochwertige Rekonstruktionen historischer Harfen und Nachbauten erhaltener Instrumente aus acht Jahrhunderten. Die ältesten Modelle können dem späten Mittelalter zugerechnet werden, die jüngsten finden ihre Vorlagen im frühen 19. Jahrhundert. Pro Jahr entstehen rund zehn Instrumente. Stehen umfangreichere Projekte an, können es auch weniger sein.
So entstand zum Beispiel die Evans-Harfe, die Kleinmann für die italienische Harfenistin Mara Galassi baute, in einem Zeitraum von acht Monaten. "Vom Auftrag bis zur Auslieferung können bis zu zwei Jahre vergehen", erklärt Kleinmann. "Mir kommt es darauf an, dass der Kunde zufrieden ist. Stückzahlen sind nicht entscheidend." Dieser Qualitätsanspruch ist sowohl persönliches Anliegen als auch Kern eines erfolgreichen Geschäftsmodells.
Seite 3: Die Harfenisten-Szene ist überschaubar und international.
Treue Kunden aus Japan
Die Zahl der Musiker, die sich alter Harfenmusik widmen, ist überschaubar. Die Szene ist international. Man kennt sich und steht in regem Austausch. Was das Marketing betrifft, setzt Kleinmann auf individuelle Beratung, Service und persönliche Empfehlungen: „Der zufriedene Kunde bringt den nächsten“, lautet sein Credo.
Neue Medien unterstützen ihn dabei. Die Internetpräsenz, eine Mischung aus Produktkatalog und Nachschlagewerk, informiert ausführlich über historische Vorbilder und Ausführungen. Zahlreiche Harfen werden in Bild und Ton vorgestellt. Dass die Texte in Deutsch, Englisch und Japanisch verfügbar sind, hat einen einfachen Grund: Der überwiegende Teil der Instrumente geht ins europäische Ausland. Ein Teil der Bestellungen kommt aus Japan.
Ikonografie des Klangs"Was zählt, ist die Wertschätzung der handwerklichen Arbeit und das Feedback der Kunden."
Mit Japan verbindet den Schwaben eine besondere Beziehung. Kleinmann schätzt den fernöstlichen Umgang mit der eigenen Kultur und die von gegenseitigem Respekt geprägte Mentalität: "Künstler, die Traditionen bewahren, erhalten dort sehr viel Anerkennung." Längst ist das Land zu einer zweiten Heimat geworden. Zusammen mit Ehefrau Atsuko Sawada-Kleinmann, einer Pianistin und Harfenistin, verbringt er dort regelmäßig mehrere Monate, pflegt Freundschaften und Kundenkontakte.
"Was zählt, ist die Wertschätzung der handwerklichen Arbeit und das Feedback der Kunden." Beides findet ein Instrumentenbauer in der Musik. Kleinmann legt einige CDs ein. Mara Galassi spielt Händel. Die Mezzosopranistin Cecilia Bartoli singt Barockstücke. Die Booklets weisen auf die Herkunft der Harfen hin: Eric Kleinmann aus Rangendingen.

