Die Wirtschaftsleistung schrumpft, die Inflation steigt: Das Ifo-Institut hat seine Konjunkturprognose für 2022 und 2023 drastisch gekappt. Neben den steigenden Energiepreisen dürfte nach Ansicht der Forscher auch die Erhöhung des Mindestlohns die Inflation weiter antreiben.

Das Ifo-Institut hat seine Prognose für das deutsche Wirtschaftswachstum drastisch korrigiert. "Wir gehen in eine Winter-Rezession", sagt Timo Wollmershäuser, Leiter der Ifo-Konjunkturprognosen. Im kommenden Jahr erwartet das Institut ein Schrumpfen der Wirtschaftsleistung um 0,3 Prozent, für dieses Jahr nur noch 1,6 Prozent Wachstum. Die Geldentwertung dürfte in diesem Jahr bei durchschnittlich 8,1 und im kommenden Jahr sogar bei 9,3 Prozent liegen. "Die Kürzungen der Gaslieferungen aus Russland im Sommer und die dadurch ausgelösten drastischen Preissteigerungen verhageln die wirtschaftliche Erholung nach Corona. Erst 2024 erwarten wir eine Normalisierung mit 1,8 Prozent Wachstum und 2,5 Prozent Inflation", sagte er.
Kaufkraftverlust so hoch wie nie zuvor
Im Vergleich zum Juni senkt das Ifo-Institut seine Wachstumsprognose für 2023 deutlich um 4,0 Prozentpunkte und erhöht die Inflationsprognose kräftig um 6,0 Prozentpunkte. "Das sind ungewöhnlich hohe Änderungen in einem so kurzen Zeitraum", sagt Wollmershäuser weiter.
Die Energieversorger passten vor allem zu Jahresbeginn 2023 ihre Strom- und Gaspreise spürbar an die hohen Beschaffungskosten an. Das werde die Inflationsrate im ersten Vierteljahr sogar auf etwa elf Prozent hochtreiben. Damit gingen die realen Haushaltseinkommen kräftig zurück und die Kaufkraft sinke spürbar. Das dritte Entlastungspaket der Regierung dürfte diesem Rückgang zwar etwas entgegenwirken, ihn aber bei weitem nicht ausgleichen.
"Der Kaufkraftverlust, gemessen am Rückgang der realen Pro-Kopf-Löhne in diesem und im kommenden Jahr um jeweils etwa drei Prozent, ist so hoch wie nie zuvor seit dem Beginn der heutigen volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen im Jahre 1970", fügt Wollmershäuser hinzu. Im weiteren Verlauf des kommenden Jahres schwäche sich der Preisanstieg allmählich ab. Dabei nimmt das Ifo-Institut an, dass im Winter genügend Gas zur Verfügung steht. Zudem werde Russland sein Gas und Öl künftig an andere verkaufen, sagte Ifo-Chef Clemens Fuest dem "Tagesspiegel" (12. September 2022). Diese Staaten kauften wiederum weniger Gas aus anderen Quellen. "Das fließt dann nach Europa." Die Ifo-Forscher rechnen damit, dass die Energiepreise spätestens ab dem Frühjahr 2023 wieder sinken.
Erhöhung des Mindestlohns treibt Inflation weiter an
Noch in 2022 dürfte ein weiterer Inflationstreiber nach Ansicht der Ifo-Forscher die erneute Erhöhung des Mindestlohns in Deutschland sein. Fast ein Drittel der 6.900 befragten Firmen beschäftige einen Teil der Mitarbeiter für weniger als zwölf Euro pro Stunde, und 58 Prozent dieser Firmen "planen als Reaktion, ihre Preise hochzusetzen", teilten die Konjunkturforscher am 9. September in München mit.
Der Mindestlohn in Deutschland stieg im Juli von 9,82 auf 10,45 Euro je Stunde und wird gesetzlich zum 1. Oktober auf zwölf Euro erhöht. Davon profitieren mehr als sechs Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Bei den betroffenen Unternehmen sind laut Ifo-Institut "Preiserhöhungen die am häufigsten genannte Folge". Die Hälfte der betroffenen Betriebe rechnet mit weniger Gewinn, ein Viertel mit weniger Nachfrage. Jeweils 18 Prozent erwägen, im Gegenzug die Arbeitszeit der Beschäftigten zu verringern oder Sonderzahlungen zu kürzen. Nur 13 Prozent der betroffenen Unternehmen planten, deshalb Stellen abzubauen, sagte Ifo-Arbeitsmarktexperte Sebastian Link.
Im Durchschnitt über alle Unternehmen bekommen ab Oktober gut sechs Prozent der Beschäftigten einen höheren Mindestlohn. Je nach Region und Branche gibt es laut Ifo große Unterschiede. In Westdeutschland beschäftigen 29 Prozent der befragten Firmen einen Teil ihrer Mitarbeiter zu weniger als zwölf Euro pro Stunde, in Ostdeutschland 40 Prozent. In der Gastronomie sind 78 Prozent der befragten Firmen betroffen, in der Zeitarbeit 64 Prozent, im Einzelhandel 58 Prozent, in der Textilindustrie 72 Prozent und in der Nahrungs- und Genussmittelindustrie 61 Prozent. Im Maschinenbau und in der Chemieindustrie dagegen spielt der Mindestlohn kaum eine Rolle. Das Bauhauptgewerbe zahlt einen Branchenmindestlohn von 12,85 Euro pro Stunde.
Ifo erwartet keine schweren Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt
Schwere Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt erwartet das Ifo-Institut in seiner Konjunkturprognose aber nicht. Der Beschäftigungsaufbau werde sich nur vorübergehend verlangsamen. Der Anstieg der Arbeitslosen um gut 50.000 Personen im kommenden Jahr gehe vor allem auf den sprunghaften Anstieg der arbeitslosen ukrainischen Staatsbürgerinnen und Staatsbürgern im Sommer 2022 zurück, die nur allmählich in den Arbeitsmarkt integriert würden.
Ökonom Clemens Fuest sprach sich trotzdem dafür aus, der Wirtschaft wegen der Energiekrise zu helfen. "Zumindest bei Liquiditätshilfen und Bürgschaften muss das Angebot groß sein, aber das heißt nicht, dass es voll in Anspruch genommen wird." Der Sinn von Rettungsschirmen bestehe in erster Linie darin, Banken und Kapitalmärkte im Geschäft zu halten. Wenn sie wüssten, dass ihre Kunden nicht illiquide würden, würden sie selbst weiter Kredite vergeben. Die Hilfen sollten nur in Anspruch genommen werden, wenn es nicht mehr anders gehe. "Und ich denke, das wird seltener der Fall sein als bei Corona." dpa/ew