Handwerk, Kunst und Tradition – diese drei sind untrennbar miteinander verwoben. Michaela-Stefanie Karle verkörpert dies in einem besonderen, mittlerweile seltenen Beruf. Die ausgezeichnete Handwebemeisterin hat sich unabhängig von Kundenanfragen gemacht – und ist auch wegen dieser Freiheit motiviert wie nie.

Neben ihr gibt es in der Region Stuttgart nur noch rund 30 andere Textilgestalter-Betriebe. Jedes Jahr entwickelt sie ein neues Design für ihre Produkte, Auftragsarbeiten führt sie nur selten durch. Bei der Kundschaft und in der Branche kommt das Konzept der Handweberei Linum in Aichwald gut an: 2023 wurde sie mit dem European Textile Award ausgezeichnet.
Handwerk in die Wiege gelegt
Die ersten Berührungspunkte zum Handwerk hatte Michaela-Stefanie Karle schon als Kleinkind im Wollkorb ihrer Mutter: "Als Tochter einer Handweberin waren Textilien immer Inhalt meiner Kindheit. Ich durfte die Spulen aufwickeln, damit sie schön daliegen, oder später Röllchen mit Nähgarn ordnen." Schon früh habe sie auch Zeitdruck kennengelernt und erfahren, was es bedeutet, mit viel Geduld zu arbeiten. "Spinnen habe ich gelernt, da war ich noch keine zehn, sehr früh durfte ich auf dem großen, richtigen Webstuhl arbeiten", erzählt die Handwerkerin.
Die Mutter als Ausbilderin
Zu einer Ausbildung im Handwerk gedrängt wurde sie nie. "Eigentlich wollte ich Innenarchitektin werden und zuerst in einer Schreinerei das Möbelbauen lernen." Da der Betrieb noch nie eine Frau ausgebildet hatte, bekam sie die Lehrstelle nicht, daraufhin startete sie die Ausbildung bei ihrer Mutter. "Erst durch die strenge Ausbildung und den Austausch in der Berufsschule habe ich gelernt, wie besonders die Arbeiten meiner Mutter waren." Neben handfesten Produkten webte diese auch sehr feine und künstlerische Sachen, allerdings ausschließlich Auftragsarbeiten.
Schicksalsschlag entscheidet über Berufsweg
Die Gesellenprüfung legte Karle 1981 ab, 1989 folgten dann der Meistertitel und eine große Veränderung in ihrem Leben: Während der Meisterausbildung verstarb ihre Mutter, daraufhin übernahm sie den Betrieb. "Ich habe mich hier in ihrer Werkstatt an die Webstühle gesetzt und einfach weitergewebt", berichtet die Handwebemeisterin. Sie übernahm auch die vorhandenen Kunden und fertigte viele Jahre lang ausschließlich Auftragsarbeiten an. "Irgendwann hatte ich den Wunsch, meine eigenen Designs umzusetzen und mir die Aufträge nicht mehr von außen vorschreiben zu lassen." Im Jahr 2014 setzte sie die Idee in die Tat um.

Jedes Jahr eine Bindungsart
Anfangs sei es ungewohnt gewesen, so ganz ohne Vorschriften zu arbeiten. "Seither lege ich mich in jedem Jahr auf eine Bindungsart, beispielsweise einen klassischen Fischgrat, fest und webe dann alle Variationen, die mit dieser Bindung möglich sind." Möglich seien beispielsweise Rauten, verschiedenfarbige oder einfarbige Ketten sowie dickes oder dünnes Material. Kleinere individuelle Kundenwünsche setze sie noch immer um, dazu gehören auch besondere Projekte: Im Auftrag einer Autotuning-Werkstatt stellte sie Retro-Sitzbezüge aus Leder für einen Sportwagen her. "Das ist in der Verarbeitung ganz anders als Stoff und sehr interessant", betont Michaela-Stefanie Karle. Gelohnt habe sich die Umstellung definitiv: "Ich kann gar nicht so schnell produzieren, wie meine Produkte nachgefragt werden."
Können wird ausgezeichnet
Mit ihren Produkten vertreten ist die Handweberin auch auf kunsthandwerklichen Veranstaltungen wie der Landesausstellung Staatspreis Kunsthandwerk. Aus ihrer Sicht seien alte Handwerkstechniken auch heute noch wichtig: "Ich bin der Meinung, dass die Wurzeln des Handwerks und das Wissen, wie etwas traditionell hergestellt wird, erhalten bleiben müssen." Die Inspiration für ihre Produkte erhält Michaela-Stefanie Karle überall: "Das können die Grüntöne und die Frische von einer Pflanze sein, die ich dann bändigen und in einem Stoff darstellen möchte." Bei der Produktauswahl sei Nachhaltigkeit wichtig: "Bei Kaschmir gibt es beispielsweise sehr schlimme Formen der Gewinnung. Mittlerweile habe ich eine Spinnerei gefunden, die sich dafür verbürgt, dass die Wolle schonend ausgekämmt wird."

Mehr Motivation als früher
Belohnt wurden ihre Leistungen 2023 mit dem European Textile Award im Bereich Kontermarschweberei für feine Servietten aus Reinleinen, die anspruchsvoll zu verarbeiten sind. "Mir bedeutet der Preis sehr viel. Das ist eine große Wertschätzung für dieses alte Handwerk", freut sich die Handwerkerin. Durch den Wettbewerb sei eine große Vernetzung zwischen den Teilnehmenden entstanden. "Mit einer Modedesignerin, die ich beim Wettbewerb kennengelernt habe, möchte ich nächstes Jahr Jacken und Mäntel herstellen." Für die Zukunft ist die 64-jährige Handwerkerin also schon am Pläneschmieden. "Die nächsten 30 Jahre möchte ich noch weiterarbeiten, gerade habe ich sogar noch mehr Motivation als früher."