Kolumne Harte Lehrjahre: Ein Lügenmärchen aus dem Handwerk

So manche Traditionen, alte Werte und Herangehensweisen sind noch heute ehrenvoll. Doch nichts ist für einen Ausbildungsbetrieb wichtiger, als mit der Zeit zu gehen. Manchmal kann der Besuch des Ausbildungsberaters einen Schubs in die richtige Richtung geben, wie dieses Märchen von Kolumnist Peter Braune anschaulich verdeutlicht.

Pinocchio-Holzfigur
Je härter die Lehrjahre, desto besser die Ausbildung? Das ist eine Lüge, die genauso auch Pinocchio hätte erzählen können. - © EdNurg - stock.adobe.com

Es war einmal ein Handwerksmeister. Er führte seinen Betrieb in einer langen Ahnenreihe. Tradition war sehr wichtig für ihn. Daher hatte er so ausgebildet, wie er es aus seiner Ausbildungszeit gewohnt war.

Als Lehrling erlebte er bei seinem Vater, dass ein menschlicher, von Respekt und Anerkennung gekennzeichneter Umgang nicht wichtig ist. Seine Lernbereitschaft und gute Leistungen wurden nie anerkannt. Eine Bezugsperson hatte er nicht. Die 15 Lehrlinge waren die stabile Stütze des Betriebs. Alle mussten hart arbeiten. Nach Meinung des Vaters konnten sie nur so die erforderliche Berufserfahrung sammeln.

Der Betrieb stand etwas am Ortsrand, daher galten dort alle Rechtsvorschriften und Gesetze nicht. Natürlich gab es Ausbildungspläne. Die waren ordentlich abgeheftet, um sie nicht durch Fettflecken zu verschmutzen. Weil es viel zu wenig Personal gab, mussten alle Lehrlinge regelmäßig Arbeiten erledigen, die nichts mit der Ausbildung zu tun hatten. Lernerfolgskontrollen gab es nicht, denn es wurde ja nicht ausgebildet. Während der Saison durfte nur in die Berufsschule, wer seinen freien Tag hatte. Die Dienstpläne erstellte der Chef auf Zuruf. Die Ausbildungsnachweise mussten in der Freizeit geführt werden. Wenn eine Eintragung nicht gefiel, musste sie sofort und unter Drohungen geändert werden.

Besuch eines Ausbildungsberaters kann Augen öffnen

Nach und nach wurde sein Verhalten im Dorf und in der Umgebung bekannt. Immer mehr Menschen, auch seine Kundinnen und Kunden, wollten nichts mehr mit ihm zu tun haben. So saß er in der leeren Werkstatt und hörte Volkslieder. Ein lautes Klopfen unterbrach sein Nachdenken. Er ging zur Tür, drehte bedächtig den Schlüssel im Schloss herum und öffnete sie. Da stand der Ausbildungsberater der Handwerkskammer vor ihm. Er war voll bepackt und wirkte etwas erschöpft. Das E-Auto hatte er auf dem Parkplatz des Meisters vor der Werkstatt geparkt, was diesen sofort erzürnen ließ. Es war jedoch ein kleiner Rest Kundenorientierung geblieben. Er schluckte den Kommentar herunter und bat den Ausbildungsberater herein.

Die Frau des Handwerksmeisters hatte aus der Wohnung neben der Werkstatt alles verfolgt. Sie lauschte fast zwei Stunden, was die beiden beredeten. Schnell schickte sie ein paar E-Mails an ihre beste Freundinnen und die twitterten das weiter. Das ganze Dorf hatte sich aufgemacht, um diesem frohen Ereignis beizuwohnen. Gegen Mitternacht war die Werkstatt voller Menschen. Wegen der hochsommerlichen Temperaturen standen die Fester offen. So konnten vor dem Haus alle das Gespräch von Meister und Ausbildungsberater verfolgen.

Und wenn er nicht gestorben ist, dann bildet er noch heute hervorragend seine Lehrlinge aus.

Ihr Ausbildungsberater Peter Braune

Peter Braune hat Farbenlithograph gelernt, war Ausbilder und bestand in dieser Zeit die Ausbildungsmeisterprüfung. Er wechselte als Ausbildungsberater zur Industrie- und Handelskammer Frankfurt am Main. Dort baute er dann den gewerblich-technischen Bereich im Bildungszentrum auf und leitete die Referate gewerblich-technischen Prüfungen sowie Ausbildungsberatung, zu der auch die Geschäftsführung vom Schlichtungsausschuss gehörte. Danach war er Referent für Sonderprojekte.