TV-Kritik Harte Arbeit und flotte Sprüche: WDR zeigt den Alltag von Azubis

Lehrjahre sind keine Herrenjahre? Bestimmt, aber dennoch darf eine Ausbildung im Handwerk Freude machen. Der WDR zeigt in der zweiten Staffel der Doku "Passt, wackelt und hat Luft", wie Auszubildende und ihre Ausbilder miteinander harmonieren können,  sowohl in fachlicher als auch in persönlicher Hinsicht - und liefert Unterhaltungs-Fernsehen mit handwerklichem Anspruch und praktischem Nutzen.

Dachdecker-Azubi Nick. - © WDR/ume GmbH/Christine Alvarez

Der Erfolg war offenbar groß. Nachdem im vergangenen Jahr die erste Staffel der WDR-Dokureihe "Passt, wackelt und hat Luft" mit vier Folgen an den Start gegangen war, wartet der Sender 2021 gleich mit sechs neuen Episoden der Reihe auf. Erneut stehen Handwerks-Azubis und ihre Ausbilder im Mittelpunkt - diesmal liegt der Schwerpunkt aber sichtlich mehr auf den fachlich-handwerklichen Abläufen. Ein paar aus der ersten Staffel bekannte Gesichter wie der Dachdeckerlehrling Nick aus Havixbeck bei Münster mischen sich mit neuen Protagonisten wie dem Maurer-Azubi Gordon aus Ostbevern, ebenfalls nahe Münster gelegen.

Der Nachwuchs in positivem Licht

Im Stile des Dokutainment - also einer Mischung aus Dokumentations- und Unterhaltungsformat - werden Szenen aus der Ausbildung der Nachwuchskräfte gezeigt, garniert mit Interview-Einspielern. Den WDR-Redakteuren gelingt es dabei meist, die Balance zwischen der reinen Unterhaltung und der Information zu halten. Die Musik im Hintergrund ist meist flott, der Schnitt ebenso - und so entsteht letztlich ein Format, das den Handwerks-Nachwuchs und dessen Ausbilder in ein sehr positives Licht rückt. Ob so indes das Leben der deutschen Azubis auf Baustellen und in Werkstätten in seiner ganzen Breite realistisch dargestellt wird, darf natürlich bezweifelt werden - zumal die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass sich eher solche Betriebe von der Kamera über die Schulter schauen lassen, bei denen erstens die Ausbildung gut läuft und die zweitens Azubis vorzuzeigen haben, die telegen sind und vom Typ her in das Format passen.

Unterhaltung, grundiert mit Fachlichem

Dennoch: Wer "Passt, wackelt und hat Luft" als Unterhaltung, grundiert mit fachlichen Elementen sieht, kann auch als gelernter Handwerker seinen Spaß an dem Format haben. Gegenüber der ersten Staffel ist bei der Erzählweise, beim Tempo und bei den gesetzten Pointen auf jeden Fall ein Fortschritt festzustellen. Da ist beispielsweise der Maurerlehrling Gordon, der von seinem Ausbilder Markus (Selbstbeschreibung: "mit der Kelle in der Hand geboren, weil mein Vater auch schon Maurer war") auf der Baustelle eines qualitativ hochwertigen Hauses mit den Geheimnissen des Mauerns vertraut gemacht wird. Erst wird Beton gemischt, und zwar von Hand mit der Schaufel, denn Markus sagt: "Auf den Knopf drücken kann ja jeder". Dann geht es aufs Gerüst und es wird gemauert. Denn richtigen Kellenschwung beherrscht Gordon noch nicht, aber Markus sagt, das sei bei allen Anfängern so. Am Ende sind die Steine schön gerade gemauert, und auch Gordon ist von seinem Ausbilder sehr angetan: "Ich bin sehr froh, dass ich von ihm lernen kann, weil es auch wirklich deutlich andere Typen wie Markus gibt", sagt er und fügt in schönster Deutlichkeit hinzu: "die einen wirklich auch mal ankacken."

Die Sprache: herrlich klar

Überhaupt, die Sprache. Dem WDR ist es gelungen, eine schöne Mischung aus Fachvokabular und deftiger Baustellen-Sprache in der Dokumentation zusammenzubringen. Da spricht der Anlagenbauer für SHK, Kevin, mit seinem Azubi Arlind über "Stagnationswasser", also in Leitungen stehendes Wasser, das verkeimen könnte, und ein paar Minuten vorher hatte sich Dachdeckerlehrling Nick darüber ausgelassen, dass seine Mutter ihn seit Neuestem die Brote für die Pause selbst schmieren lässt - das sei "absolut scheiße", sagte er grinsend.

Und die herrlich klare, nicht prätentiöse Ausdrucksweise macht auch vor den Damen nicht halt. Tischler-Azubi Heather sagt frei raus, sie könne als Frau auch mal die "Man-ist-so-süß-Karte" spielen. Und als sie eine Schutzbrille nur aufsetzen will, nachdem sie geschaut hat, ob sie dann "noch gut aussieht", antwortet Ausbilder Niklas, dass sie doch immer gut aussehe. Ab und zu sei die Atmosphäre ein bisschen "flirty", sagt er grinsend, aber da sei nichts dahinter. Es ist diese unverstellte Art, die die Menschen in der Doku ausmacht und die so sympathisch wirkt, gerade in Zeiten, da so mancher Tugendwächter schon beim kleinsten Verdacht auf sprachliche Fehltritte aufmerksam wird.

Die Frauen sind die eigentlichen Stars

Gerade die jungen Frauen zeigen indes, wie vielfältig das Handwerk sein kann - und wie sehr sie ihren männlichen Kollegen an Motivation und Zielstrebigkeit mitunter den Rang ablaufen. Kirsten, die nach der Ausbildung zur Chemielaborantin noch eine weitere Ausbildung als Fachkraft für Rohr-, Kanal und Industrieservice macht, würde man in diesem Beruf auf den ersten, vielleicht vorurteilsbelasteten Blick eher nicht verorten. Doch die 20-Jährige, eine der wenigen Frauen, die es in dem Beruf überhaupt gibt, erweist sich als extrem taff, sie sagt zu ihrer Motivation: "Nur Laborant zu bleiben, ist ja auch dumm, ich will ja noch was anderes machen und noch mehr."

Ihre Freunde seien eher überrascht gewesen, als sie ihnen gesagt habe, dass sie noch eine zweite Ausbildung mache. Und wenn sie dann beim Kunden mit fachlicher Expertise zur Tat schreitet, sieht man, dass sie sich den richtigen Beruf ausgesucht hat. Da ist jemand mit Freude und Motivation bei der Sache.

Eine Lehre zum Schornsteinfeger absolviert der 16-jährige Lukas. Er wird von Sandra, 22, die ihrerseits gerade auf die Meisterschule geht, angeleitet. "Wir wollten ihnen eben mal aufs Dach steigen, wenn’s geht", sagt Sandra spaßig zu einem Kunden, und dann wird das auch in die Tat umgesetzt. Er halte sich beim Umgang mit den Kunden noch zurück, sagt Lukas, aber auf dem Dach darf er schon den Schornstein fegen - natürlich unter Aufsicht, auch wenn er selbst denkt, dass er "es schon weiß. Ich bin auch ziemlich grantig, wenn ein Fehler passiert."

Steinbildhauer-Azubi Marina aus Wetter an der Ruhr hingegen ist eher die ruhigere Natur. Sie macht ihren Job konzentriert und besonnen, was bei den schweren Materialien, mit denen in dem Gewerk hantiert wird, auch ein guter Rat ist. Außerdem geht es auch schon mal um Grabsteine, also Dinge, die die Kunden emotional sehr bewegen. Für einen Scherz ist dennoch mal Zeit, wenn ihr Kollege Lukas sagt, dass am Ende, etwa wenn Werkzeug vergessen wurde, "natürlich die Auszubildende schuld ist".

Es geht um handwerkliches Können

Manche der Sprüche sind älter, manche recht innovativ - aber insgesamt sind die sechs Folgen der zweiten Staffel von "Passt, wackelt und hat Luft" sehr sehenswert. Gut auch, dass die Titel immer Tätigkeiten aufgreifen, in Folge 1 etwa "Wie Azubis Heizkessel erneuern, Tische bauen und Schweißbrenner quälen". Das weist den Zuschauer direkt darauf hin, dass es bei aller Unterhaltung und bei allem menschelnden Frotzeln auch um die richtigen Handgriffe, das handwerkliche Können, die Weitergabe von Erfahrung und nicht zuletzt die passende Einstellung zum Beruf geht. Wie gesagt, die gezeigten Personen sind sicherlich nicht eins zu eins auf alle Betriebe im Land zu übertragen - aber die Botschaft, die sie in dieser Dokumentation aussenden, kann dem Handwerk mit Sicherheit nicht schaden.

>>> Alle Folgen der zweiten Staffel von "Passt, wackelt und hat Luft" sind in der ARD-Mediathek zu finden.