Gute Stimmung im Handwerk: Die Betriebe beurteilen ihre derzeitige Lage besser als 2011. Vor allem die Lebensmittelhandwerke freuen sich über eine gelungene Freiluftsaison. Auch der Handel mit Firmenwagen blüht.
Lothar Semper und Marco Wenz
In den vergangenen beiden Jahren wurden Gesetze verabschiedet, die dem Handwerk das Leben nicht gerade leichter gemacht haben. Die Rente mit 63 ist fachkräftezehrend, der Mindestlohn offenbarte seine bürokratischen Tücken bei der Umsetzung und veränderte die Beschäftigungsstruktur, die Energiewende verteuert den Strom. Zudem geht der Netzausbau zäh voran.
Das alles kann dem Handwerk seinen Optimismus aber nicht rauben. Aus Sicht der Betriebe sind die Voraussetzungen für einen "heißen Herbst" gegeben: Nahezu jeder zweite Inhaber oder Geschäftsführer (48 Prozent) geht davon aus, dass sein Betrieb gute Geschäfte machen wird. Weitere 42 Prozent erwarten zufriedenstellende Geschäfte. 81 Prozent kalkulieren mit steigenden oder konstanten Umsätzen. Vor einem Jahr taten dies 79 Prozent.
In erster Linie liegt die gute Stimmung im Handwerk an der kräftigen Binnenkonjunktur, zu einem nicht geringen Teil aber auch an der Entlastung bei den Energiepreisen.
Die Lage in den Branchen
Kfz-Handwerk
Der deutsche Markt für Neufahrzeuge bewegte sich in den vergangenen Monaten weiter stabil im Aufwärtstrend. Getrieben wurde das Wachstum vor allem von Unternehmen und Institutionen, die ihre Fuhrparks erneuerten. Der Privatmarkt lief hingegen etwas schwächer als im vergangenen Jahr, obwohl sich Autofahren dank des niedrigen Spritpreises verbilligt hat.
Nur 16 Prozent der Kfz-Handwerker waren mit der Marktentwicklung nicht zufrieden. Einigermaßen rund laufen die Werkstattgeschäfte. Mit 73 Prozent fiel die Auslastung zwar in das Sommerloch, gemessen am langfristigen Mittel war sie jedoch klar über dem Strich.
Bauhauptgewerbe
Das Bauhauptgewerbe erhielt neue Impulse vom Wohnungsbau, der von niedrigen Zinsen, steigender Kaufkraft und der hohen Arbeitsplatzsicherheit profitiert. 85 Prozent aller Befragten konnten im Sommer 2015 mehr oder genauso viel umsetzen wie im Vorquartal. Trotz hoher Auslastung schrumpften die Auftragsreserven nur geringfügig auf 2,1 Monate.
Probleme bereitet den Betrieben die Investitionszurückhaltung der Gewerbekunden, aber auch die Nachfrage öffentlicher Auftraggeber verlief zuletzt enttäuschend. Städte und Gemeinden mahnen lautstark mehr Geld vom Bund an, um preisgünstigen Wohnraum schaffen zu können. Immerhin strömen die Steuereinnahmen derzeit regelrecht in die Kassen. Die angespannte Wohnraumsituation wird durch den massiven Zuzug von Flüchtlingen noch verschärft.
Ausbaugewerbe
Auch der Optimismus im Ausbaugewerbe ist derzeit unerschütterlich. Nur sechs Prozent der Teilnehmer bezeichneten ihre Lage als schlecht. Neben der energetischen Sanierung und dem barrierefreien Bad wünschen sich Bauherren immer öfter vernetzte Haustechnik.
Lebensmittelhandwerk
Essen und Trinken unter freiem Himmel scheint eine Lieblingsbeschäftigung der Deutschen zu sein. Der trockene Sommer 2015 lockte auf die Café-Terrassen, in Biergärten oder zu privaten Grillfeiern. Wenn dann noch genügend Geld im Portemonnaie ist, spüren das Bäcker, Metzger und Konditoren. 28 Prozent der Befragten berichteten über höhere Umsätze. Im dritten Quartal 2014 waren es nur 23 Prozent.
Handwerk für den privaten Gebrauch
Während der Konsum auf Lebensmittelhandwerker und das Gastgewerbe spürbar ausstrahlt, kann sie die Stimmung im Handwerk für den privaten Bedarf (Uhrmacher, Goldschmiede, Maßschneider, Friseure etc.) nicht ganz so deutlich aufhellen. In der wettbewerbsintensiven Branche ist das ein gewohntes Bild. Zwar sind 84 Prozent der Befragten mit ihrer Lage einverstanden, sie liegen damit jedoch klar unter dem Durchschnitt aller Branchen. Lediglich sechs Prozent stellten zusätzliche Arbeitskräfte ein.
Handwerk für gewerblichen Bedarf
Für Deutschlands Maschinenbauer ist der Jahresverlauf zwar durchwachsen, enttäuscht ist man beim Branchenverband VDMA allerdings nicht: Der Auftragseingang lag bis August um über vier Prozent im Plus. Davon dürften auch die Zulieferer profitieren. Nimmt man die gesamte Gruppe der Handwerke für gewerblichen Bedarf in den Blick, so nähert sich der Anteil positiver Einschätzungen zur Geschäftslage wieder der 90-Prozent-Marke. Auch die Auftragsbestände zogen weiter an.
Rente mit 63 vor allem Auswirkungen im Bauhandwerk
Im Schnitt wurden die Auftragsbücher im Laufe der Sommermonate allerdings ein wenig dünner. Quer über alle Branchen hinweg beträgt der Vorlauf aber immer noch 1,7 Monate. Damit reichte das Polster unerledigter Bestellungen Ende September so weit in den Herbst hinein wie 2014.
Erhebliche Auswirkungen auf die Beschäftigung hat die 2014 eingeführte Rente mit 63. Vor allem im Bauhandwerk nutzen viele Arbeitnehmer dieses Instrument. So sank die Zahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Maurer, Estrich- und Fliesenleger, die das Schwellenalter bereits überschritten haben, um ein Viertel.
