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Filmkritik zur Dokumentation "Campus Galli - Das Mittelalter-Experiment" Handwerk im Film: Arbeiten wie vor 1.000 Jahren

Am 11. Juli startet die Dokumentation "Campus Galli – Das Mittelalter-Experiment" in den Kinos. Sie beleuchtet die Arbeit auf der gleichnamigen Klosterbaustelle nahe der Kleinstadt Meßkirch, auf der noch wie im Mittelalter gearbeitet wird. Lohnt sich der Kinobesuch?

Stellen Sie sich vor, Sie fahren morgens in Ihre Werkstatt oder auf die Baustelle – doch bevor Sie mit der Arbeit loslegen können, müssen Sie erst mal all die modernen Werkzeuge ablegen, die heutzutage den Arbeitsalltag im Handwerk erleichtern. Ihr digitaler Abstandsmesser oder Ihr Smartphone stünden ebenso auf dem Index wie andere technische Errungenschaften – selbst einfache elektrische Geräte und praktische Helferlein, wie ein Teppichmesser oder eine Wasserwaage wären verboten, weil es sie im 9. Jahrhundert noch nicht gegeben hat.

Genau nach diesem Prinzip arbeiten rund drei Dutzend Handwerkerinnen und Handwerker im Campus Galli, einer streng mittelalterlich geführten Klosterbaustelle auf einem Waldgelände in der Nähe von Meßkirch, einem schwäbischen Ort rund 30 Kilometer nördlich des Bodensees. Sie setzen dort mit dem berühmten "St. Galler Klosterplan" die älteste noch erhaltene Architekturzeichnung des Abendlandes mit Wohnhäusern, Werkstätten, dem Kloster und der mächtigen Abteikirche in die Wirklichkeit um – und das allein mit Werkzeugen, Materialien und Methoden, die es auch schon im Mittelalter gab. Doch wie schlägt man ohne moderne Hilfsmittel Steine aus dem Fels, ohne dass sie zerbröckeln? Wie hievt man tonnenschwere Balken allein mit Menschenkraft auf Gerüste? Und wie gießt man eine Glocke, ohne das Metall zu früh erkalten zu lassen?

Diese und viele weitere Fragen beantwortet Regisseur Reinhard Kungel in seiner sehenswerten Dokumentation "Campus Galli – Das Mittelalter-Experiment", die am 11. Juli 2019 in den Kinos anläuft. Der Dokumentarfilmer hat die malerisch gelegene Klosterbaustelle im Landkreis Sigmaringen mit der Kamera besucht und die engagierte Truppe über mehrere Jahre bei der gemeinsamen Arbeit am Großprojekt begleitet. In seinem eineinhalbstündigen Film kommen neben einer Erzählerin aus dem Off, die durch die Geschichte führt, vor allem die Handwerker zu Wort – unter ihnen Schreiner und Maurer, Steinmetze und Zimmerer, eine Uhrmacherin und ein Korbmacher, eine Schneiderin und ein Schindelmacher, sowie ein Töpfer, ein Brauer und eine Weberin.

Gemeinsam schuften für das ganz große Ziel

All diese Menschen, die überwiegend fest für das Projekt angestellt sind und von freiwilligen Helfern, fachkundigen Wandergesellen und tatendurstigen Besuchern unterstützt werden, eint ihre Lust auf das Abenteuer und die Herausforderung, ohne die technischen Gerätschaften der Neuzeit ein wahres Mammutprojekt in die Tat umzusetzen – und ihnen allen ist im Film anzusehen, dass die Begeisterung für die traditionelle Handwerkskunst und die Euphorie bei der Arbeit für das gemeinsame Ziel auch immer wieder dem Frust bei den fast unvermeidlichen Rückschlägen oder der fehlenden Anerkennung in der breiten Öffentlichkeit weichen muss.

Denn Filmemacher Reinhard Kungel begeht nicht den Fehler, seine Dokumentation zum reinen Werbefilm für die Klosterbaustelle, die sich mittelfristig ausschließlich durch Eintrittsgelder finanzieren soll, verkommen zu lassen: Er verfolgt einen differenzierteren Ansatz und erteilt kitschiger Schönfärberei von vorn herein eine klare Absage. Schließlich war auch das Leben im 9. Jahrhundert – allen Romantisierungen in historischen Romanen oder auf den populären Mittelaltermärkten zum Trotz – alles andere als ein Zuckerschlecken. Und eben diese Erfahrung machen auch die authentischen Handwerker im Campus, die bei ihrer schweißtreibenden, zugleich aber auch unheimlich entschleunigenden Arbeit auf der Klosterbaustelle jeden Tag dazulernen (müssen).

Trailer zu "Campus Galli - Das Mittelalter-Experiment"

Dünnes Bier und missglückte Glocken

Schriftliche Quellen über handwerkliche Arbeitstechniken im Mittelalter gibt es nämlich so gut wie keine – und so muss auch Glockengießer Bastian schnell einsehen, dass schon wenige Grad im Ofen zu wenig sein gesamtes Tagwerk ruinieren können. "Wir haben so ziemlich jeden Fehler gemacht, den man machen kann" , stellt sich der studierte Fachmann schmunzelnd ein schlechtes Arbeitszeugnis aus, und auch Braumeister Florian, der sich eher schlecht als recht am Filtern seines Gerstensafts im Leinentuch versucht, trägt seinen Fehlschlag mit Fassung: "Ist’n bisschen lahm, aber kann man schon trinken." Auch der Schnitt trägt bisweilen pragmatisch zur Situationskomik bei: "Ein starker Regen wäre sehr schlecht" , hat Töpfer Martin eine ungute Vorahnung – und schon in der nächsten Sekunde bricht plötzlich ein saftiges Gewitter über der Baustelle los.

Erfrischend ehrliche Geständnisse und amüsante Einschübe wie diese machen "Campus Galli – Das Mittelalter-Experiment" zu einem kurzweiligen und sympathischen Film – und durch den starken Fokus auf die Arbeit mit natürlichen Materialien meint man fast, nach dem Abspann das frisch gehobelte Holz noch riechen, die sorgfältig gewebten Stoffe noch fühlen und den Staub in den Klamotten noch abschütteln zu können. Prachtvolle Bilder für die große Leinwand, wie wir sie im Kino momentan in Nikolaus Geyrhalters bildgewaltiger Dokumentation "Erde" zu sehen bekommen, bleibt der Film aber ebenso schuldig wie zwischenmenschliche Misstöne: Als es in der Gruppe mal ordentlich knirscht und bei einer einberufenen Krisensitzung zum Glätten der Wogen ein Personalrat gewählt werden soll, muss die Kamera auf Wunsch der Projektteilnehmer plötzlich draußen bleiben. Das ist enttäuschend – denn wenn es "menschelt", möchte man als Zuschauer doch erst recht live dabei bleiben.

In dieser Hinsicht bleibt es bei Andeutungen, während Kungel an anderer Stelle präzise herausarbeitet, welch schweren Stand das Projekt in der schwäbischen Provinz (noch) hat: Außer hämischen Kommentaren haben die flugs vors Mikrofon gezerrten Meßkirchener wenig für das "Campus Galli" übrig – wer jedoch mal vor Ort war und den Unterschied zwischen einem Hammer aus Gummi und einem aus gerolltem Leder am eigenen Handgelenk erlebt hat, denkt danach vielleicht anders über den wissenschaftlichen Wert dieser Arbeit, die die Uni Tübingen bereits im Rahmen einer Kooperation zu würdigen weiß. Und auch zur Entschleunigung im hektischen 21. Jahrhundert kann die Arbeit auf der mittelalterlichen Baustelle Wunder bewirken: "Ich hab‘ meine Uhren aussortiert, als ich von hier zurückgekommen bin" , bringt Besucherin Katharina ihr Erfahrungen im "Campus Galli" auf den Punkt – und man zögert keine Sekunde, ihr das auch zu glauben.

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